Frauenhaus-Mitgründerin Reichartzeder: „Gewalt gehört unterbrochen!“

Am 11.11.1991, also vor 30 Jahren, zog die erste Frau mit ihrem Sohn in das Amstettner Frauenhaus, damals noch eine Krisenwohnung, ein. Ein Gespräch mit Mitgründerin Maria Reichartzeder.

Erstellt am 25. November 2021 | 15:07
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Maria Reichartzeder ortet, dass Gewalt in den letzten 30 Jahren privater geworden ist. „Sie hat sich versteckt, sie ist ein Geheimnis – ein zerstörerisches Geheimnis. Es ist ein wichtiger Schritt, dieses Schweigen zu brechen!“
Foto: Frauenhaus Amstetten

Sie sind diplomierte Sozialarbeiterin. Waren Ihnen Frauenthemen schon immer ein großes Anliegen?

Maria Reichartzeder: Kennen Sie den Satz: „Auf Söhne ist man stolz und Töchter liebt man“? Ich denke, der war prägend für viele Frauen meiner Generation. Er beinhaltet, dass man uns Frauen nicht allzu viel zutraut, dass unser Platz ausschließlich im Privaten, in der Familie ist. Dieser Platz ist leider oft so gar nicht liebevoll, er gibt nicht die Sicherheit, die er vortäuscht! Das hat mich schon immer geärgert.

Was hat Sie vor 30 Jahren dazu veranlasst, ein Frauenhaus in Amstetten zu eröffnen?

Reichartzeder: Es war eindeutig der Bedarf! Ich habe zwar schon vorher im Sozialbereich gearbeitet, auch da wurde ich mit Gewalt an Frauen konfrontiert. Aber hier in Amstetten war es die Initiative der Frauenberatung, die mit diesem Thema konfrontiert war. Ludmilla Prankl und ihr Team haben das Thema aufgegriffen und erste Erhebungen gemacht. Nachdem klar war, dass die Region ein Frauenhaus braucht, bin ich dazugestoßen.

Welche Reaktionen hat das in der Bevölkerung hervorgerufen?

Reichartzeder: Wir sind vor 30 Jahren eigentlich auf wenig Ablehnung gestoßen. Ich würde sagen, die Gesellschaft hat uns kritisch beobachtet. Es hat schon Skeptiker gegeben, aber wir haben gerade von Frauenseite starke Solidarität und Unterstützung erlebt. Ich kann mich an eine der ersten Sitzungen erinnern, da waren viele Frauen, die mitarbeiten wollten.

Bis dato haben Sie und Ihr Team 2.250 Frauen und deren Kinder betreut sowie an die 5.000 ambulante Beratungen durchgeführt. Hat sich an der Gewalt in diesen drei Jahrzehnten etwas geändert?

Reichartzeder: Ich finde Gewalt an Frauen wird in der Gesellschaft nicht mehr akzeptiert. Das ist sicher ein großer Erfolg. Gewalt ist kein Kavaliersdelikt mehr. Man(n) kann auch in einer Männergruppe nicht mehr mit Gewalterzählungen punkten und von der eigenen Stärke überzeugen. Aber die Gewalt ist privater geworden, sie hat sich versteckt, sie ist ein zerstörerisches Geheimnis. Es ist wichtig, dieses Schweigen zu brechen!

Was waren für Sie die prägendsten Erlebnisse in diesen 30 Jahren?

Reichartzeder: Ich durfte sehr viele Frauenlebensgeschichten kennenlernen, das empfinde ich nach wie vor als große Ehre und Bereicherung. Ich habe mich oft gefragt, wie konnte diese Frau das so lange durchhalten, woher hatte sie die Kraft. Ich denke da an eine Frau, die schwer misshandelt war und aufgrund von moralischem Druck verschiedener Personen wieder zu ihrem Mann zurück ging. Sie hat uns einen kleinen, wunderschön blühenden Blumenstock geschenkt und hat mit dem Satz: „So blühe ich, wenn ich bei Euch bin“ das Frauenhaus verlassen. Sehr schöne Momente sind auch, wenn sich ehemalige Bewohnerinnen wieder melden und erzählen, wie es ihnen geht, wie ihr Leben weiter gegangen ist. Wenn man dann auch so Aussagen hört wie: „Ich feiere meinen Geburtstag nicht an dem Tag, an dem ich geboren wurde, sondern an dem Tag, an dem ich zu euch ging“, dann bin ich tief bewegt.

Der Anstieg der Femizide ist erschreckend. Was ist Ihrer Meinung nach der Grund dafür?

Reichartzeder: Ich habe keine wirkliche Erklärung, die gesetzliche Lage für Gewaltopfer hat sich in diesen 30 Jahren stark gebessert, die Beratungs- und Betreuungseinrichtungen sind mehr geworden, die Polizei ist besser zum Thema geschult. Ich weiß aber, dass die Femizide erst seit einigen Jahren in der Polizeistatistik konkret erhoben werden. Morde wurden immer erhoben, aber nicht Morde an Frauen durch ihren Partner oder Expartner oder in verschiedenen familiären Zusammenhängen. Es ist zu vermuten, dass es auch früher diese Femizide gegeben hat und die Zahl möglicherweise gar nicht angestiegen ist.

Weiters habe ich das Gefühl, dass viele Menschen psychisch äußerst belastet sind und ein zusätzlicher familiärer Stress, der, wie wir alle wissen sehr tief gehen kann, dann das Fass zum Überlaufen bringt. Im Krisenfall wird auf alte Muster zurückgegriffen und diese sind leider bei Männern noch immer Gewalt und allzu oft hemmungslose Gewalt.

Wo gehört angesetzt, um Gewalt nicht weiter eskalieren zu lassen?

Reichartzeder: Die Gewalt gehört unterbrochen! Da können oft leider nur mehr Menschen von außen einwirken! Da haben wir alle Verantwortung. Unsere Bewohnerinnen erzählen auch von Menschen, die ihnen geholfen haben, die einfach gefragt haben, ob sie in dieser Situation Hilfe brauchen. Das ist ganz wichtig! Darüber hinaus brauchen wir auch gute Vorbilder. Männer, die gegen die Gewalt aufstehen, Männer, die sich Hilfe holen und mit anderen Männern über Probleme reden und auch darüber, wie verschieden wer mit Konflikten umgeht und mit der eigenen Gewaltbereitschaft. Es gibt auch Beratungsstellen, aber das Wichtigste sind Gespräche unter Freunden, unter Bekannten oder in einer geselligen Runde.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft des Frauenhauses und der Gesellschaft?

Reichartzeder: Ich träume von einer Welt, in der niemand in Angst leben muss. Ich denke, dass wir das zumindest in unserer Region, in unserem Ort, in unserer Nachbarschaft erreichen sollten. Passen wir gut aufeinander auf. Lernen wir, gewaltfrei zu kommunizieren. Lassen wir es nicht zu, dass Gewalt als ein Mittel der Konfliktlösung auch nur angedacht wird.