Gewalt und Schweigen. Amstettens Rolle in der Nazi-Zeit beleuchtete Stadtarchivar Thomas Buchner. Die Stadt tat sich mit besonders heftigen Ausschreitungen und brutaler Judenverfolgung hervor.

Von Hermann Knapp. Erstellt am 20. September 2018 (04:57)
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Stadtarchivar Thomas Buchner bei seinem Vortrag.
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Dass Amstetten in der Nazi-Zeit eine unrühmliche Rolle gespielt hat, ist keine neue Erkenntnis. Stadtarchivar Thomas Buchner konnte bei seinem fundierten Vortrag „„Amstetten 1938. Gewalt, Euphorie, Schweigen“ aber auch einen Beleg dafür vorlegen, dass die Stadt schon lange vor dem Anschluss eine Hochburg der Nationalsozialisten war.

Das zeigte sich eindeutig bei der Landtagswahl im Jahr 1932. Während die NSDAP damals niederösterreichweit nur auf 14,1 Prozent der Stimmen kam, erreichte sie in Amstetten 26,5 Prozent. Nach dem Verbot der Partei im Jahr 1933 gab es in Amstetten zumindest 612 illegale Nationalsozialisten. Davon waren 22 Prozent Eisenbahner (natürlich auch die größte Berufsgruppe in der Stadt) und 14,66 Prozent im Öffentlichen Dienst tätig. 82 Prozent der illegalen Nazis waren Männer.

Vorauseilender Anschluss in Amstetten

Noch vor dem Einmarsch der Deutschen Wehrmacht vollzog Amstetten in vorauseilendem Gehorsam seinen „Anschluss“. Bereits in der Nacht vom 11. auf 12. März 1938 wurden die wichtigsten Bereiche der Exekutive und der Verwaltung in den Dienst der nationalsozialistischen Regierung gestellt. Wolfgang Mitterdorfer übernahm die Leitung der Stadtverwaltung.

Archivar Buchner berichtete auch über die gut organisierte Propaganda der Nazis: „Am 13. März wurden hunderte Anhänger aus den Umlandgemeinden nach Amstetten gekarrt, um dem Führer einen triumphalen Empfang zu bereiten. Doch Hitler verspätete sich um einen Tag. Also wurde die ganze Aktion am 14. März kurzerhand wiederholt.“ Die Bilder von Menschen, die Hitler begeistert zujubeln, sind bekannt. Die Euphorie kannte keine Grenzen. Eine 14-Jährige schrieb damals über ihre Erlebnisse am Amstettner Hauptplatz: „Wir haben Spiegel in den Händen gehalten, damit wir ihn sehen können, den Gott!“

Amstettner Blutnacht am 10. April 1938

Am 10. April 1938 stimmten 99,98 Prozent der Bevölkerung für den Anschluss. In der Mostviertelmetropole kam es in der Folge zur „Amstettner Blutnacht“ – Ausschreitungen, die in ihrer Brutalität einzigartig in Österreich waren. Im Gasthaus Kronberger am Hauptplatz, dem Treffpunkt der Nazis, das danach den Beinamen „Schlachthaus“ erhielt, wurden politische Gegner gedemütigt und mit Ochsenziemern verprügelt. Viele erlitten schwere Verletzungen.

Noch übler trieben es die Nazis aber in der Jahn-Turnhalle. Exponenten des Schuschnigg-Regimes wurden nachts aus ihren Wohnungen geholt und mit Autos dorthin gebracht. Dort mussten sie Turnübungen machen, währen die Nazis auf sie einprügelten. Das ging im Nachhinein sogar manchen Nazi-Größen zu weit. Eine NSDAP-Abteilung wurde zur Untersuchung der Vorfälle nach Amstetten geschickt. Diese verlief aber wenig überraschend im Sand.

Auch die Judenverfolgung wurde in Amstetten mit brutaler Konsequenz betrieben. Anhand der Schicksale des Zahnarztes Paul Hirschler und des Kaufmannes Ernst Greger zeigte Buchner auf, welche Demütigungen und Qualen Juden erleiden mussten. Greger gelang die Flucht, Hirschler starb 1945 im KZ. Schon Ende 1939 rühmte sich die lokale NSDAP-Führung, dass Amstetten als eine der ersten Städte Niederdonaus „judenfrei“ sei.

Buchner beleuchtete aber auch die Rolle der nazifreundlichen Medien. So schrieb etwa der Bote von der Ybbs, nachdem Juden verboten worden war, ins Freibad zu gehen: „Wenn wir jetzt noch die paar Gelsen vertreiben, dann wird unser Bad ideal sein“.