Kidsnest zieht Bilanz. Anbahnung sexueller Kontakte im Internet hat deutlich zugenommen.

Von Doris Schleifer-Höderl. Erstellt am 19. März 2020 (05:42)
Unermüdlich im Einsatz für von Gewalt betroffene Kinder, Jugendliche und deren Angehörige: Dunja Baux (Klinische – und Gesundheitspsychologin, systemische Familientherapeutin), Daniela Radovanovic (systemische Familientherapeutin), Theresia Ruß (Diplomsozialarbeiterin, Mediatorin und Kinderschutzzentrum-Leiterin) und Barbara Lugmayr-Lettner (Klinische und Gesundheitspsychologin, klientenzentrierte Kinder- und Jugendtherapeutin).
Doris Schleifer-Höderl

Seit 19 Jahren bietet das multiprofessionelle sechsköpfige Team des Kidsnest-Kinderschutzzentrums rasche, anonyme und kostenlose Hilfe für von Gewalt betroffene Kinder, Jugendlichen und deren Angehörige.

„Im Vorjahr betreuten wir insgesamt 492 Klientinnen und Klienten – 137 Kinder und Jugendliche sowie 355 Erwachsene“, berichtet Kidsnest-Kinderschutzzentrum Leiterin Theresia Ruß. „Somit haben wir gegenüber 2018 um 56 Klienten mehr betreut und auch um 180 Beratungs- und Therapiestunden mehr abgehalten. Auch die Erstkontakte sind von 152 im Jahr 2018 auf 180 im Vorjahr gestiegen.“ Einmal mehr zeigt sich damit, wie wichtig die Einrichtung und deren Arbeit ist, die von der Krisenintervention über Psychotherapie und psychologische Behandlung bis hin zu Prozessbegleitung, begleitende bzw. geschätzte Besuchskontakte sowie Elternberatung und -coaching reicht.

Den Anstieg der Klienten führt die Diplomsozialarbeiterin und Mediatorin darauf zurück, dass das Thema Gewalt von der Gesellschaft mehr wahr- und ernstgenommen wird als noch vor wenigen Jahren. „Das würden wir uns auch im Bereich der psychischen Gewalt wünschen. Hier muss noch eine entsprechende Sensibilisierung stattfinden. Denn verbale Gewalt, die Beschimpfungen, Demütigungen, Erniedrigungen und Einschüchterungen einschließt, ist nicht sichtbar.“

Cyber-Grooming wird immer mehr zum Thema

Besonders auffällig war für das Kidsnest-Team im Vorjahr, dass Cyber-Grooming im Ansteigen ist. Unter Grooming versteht man die Anbahnung sexueller Kontakte durch Erwachsene an Kinder und Jugendliche. Passiert dies über digitale Medien, also in sozialen Netzwerken, Chatrooms, Messengern wie Whats

App oder in Spielenetzwerken, spricht man von Cyber-Grooming. „Konkret ist damit gemeint, dass sich Erwachsene meist als Jugendliche oder junge Erwachsene ausgeben und versuchen, sich das Vertrauen der Kinder zu erschleichen. Ihre Absicht dahinter ist oft eine sexuelle Belästigung“, so Theresia Ruß. „Sie nötigen ihre Opfer zu sexuellen Handlungen, oder dazu von sich Nacktfotos anzufertigen, ihnen diese zu übermitteln, und erpressen sie dann damit.“

Die Scham lässt viele Betroffene schweigen

Die Betroffenen vertrauen sich dann aus Scham niemanden an, schweigen und gelangen dadurch immer mehr in die Missbrauchsspirale. Wir appellieren daher an die Eltern, ihre Kinder über den richtigen Umgang mit den Neuen Medien aufzuklären. Viele der Cyber-Grooming-Opfer sind nämlich erst zwischen 10 und 12 Jahren alt.“ Das Kidsnest, das im kommenden Jahr sein 20-jähriges Bestehen feiern wird, hat darüber hinaus noch einige weitere Anliegen.

„Obwohl wir mehr als bemüht sind, haben wir oftmals nicht die Möglichkeit, sofort all jenen, welche sich an uns wenden, helfen zu können. Zurzeit haben wir zwanzig Kinder auf einer Warteliste, weil wir leider nicht wissen, wann wieder ein Therapieplatz frei wird. Unserer Meinung nach sollte aber kein einziges Kind auf eine solche Therapie warten müssen. Aus diesem Grund appellieren wir an die politisch Verantwortlichen, Rahmenbedingungen zu schaffen, damit finanzielle und personelle Ressourcen für jedes betroffene Kind vorhanden sind“, wünscht sich Theresia Ruß.