SPÖ-Urgestein Horvatits: „Sehe mich als Mahnerin“. Anlässlich ihres 90. Geburtstages sprach Grete Horvatits, die Grande Dame der Amstettner Sozialdemokratie, mit den NÖN über Politik einst und jetzt.

Von Doris Schleifer-Höderl. Erstellt am 12. Mai 2019 (05:11)
Schleifer-Höderl
Grete Horvatits verfolgt nach wie vor das politische Geschehen und mahnt, stets wachsam zu sein.

„Wie schnell die Zeit vergeht, und schon ist man 90 Jahre alt“, sagt Grete Horvatits und schmunzelt. Sie erinnert sich jetzt öfter zurück in ihre Kindheit und Schulzeit. „Meine Lieblingsfächer waren Schreiben und Lesen. Schon als Kleinkind wurde ich von meiner Mutter auch zum Turnen angeleitet. Sie vertrat das Motto ,gesunder Geist, gesunder Körper’ und Unrecht hat sie damit nicht gehabt.“

45 Jahre lang war Grete Horvatits mit Leib und Seele Kommunalpolitikerin. 1955 zog sie in den Gemeinderat ein, im Jahr 2000 legte sie ihr Amt als erste Vizebürgermeisterin der Stadt zurück. Horvatits war zudem Sozialstadträtin und Krankenhausreferentin sowie die erste weibliche sozialdemokratische Bezirkssekretärin Niederösterreichs. Sie gründete auch die Volkshilfe in Amstetten.

Politik und soziales Engagement

„Politik und soziales Engagement waren mir immer wichtig“, sagt die Jubilarin. Aber leicht sei es nie gewesen, politisch tätig zu sein. Sie kam mit 25 Jahren in den Gemeinderat und musste erst in diese Rolle hineinwachsen. „Damals war Josef Schmid von der ÖVP Bürgermeister. Für mich war es selbstverständlich, wenn ich ins Rathaus kam, zu grüßen. Doch die ÖVP-Mandatare haben das anfänglich ignoriert. Ich habe aber nicht aufgegeben, und mit der Zeit wurde mein Gruß erwidert.“ Fleiß und Einsatz waren die beiden Zauberworte der Politikerin Horvatits. „Es herrschte Aufschwung und Österreich war im Aufbau begriffen. Damals haben auch alle zusammengehalten. Keiner hat ja viel gehabt und so hat man einander geholfen. Heute sind andere Zeiten, vieles ist zur Selbstverständlichkeit geworden und man hat vergessen, dass Errungenschaften hart erkämpft werden mussten. Gesellschaft bedeutet ein ständiges Miteinander, da darf man sich nicht ausnehmen. Jede und jeder von uns muss Tag für Tag an dieser Gesellschaft arbeiten, sonst funktioniert sie nicht.“

Als sie in der Politik begann, habe man immer stolz auf Österreich sein können, denn auch wenn die Parteien stritten, hätten sie sich doch immer wieder zusammengerauft. Heute ist Grete Horvatits traurig, dass das nicht mehr selbstverständlich ist. „Man muss leider feststellen, dass sich Österreich nach rechts, Richtung Faschismus wendet, und das macht mir Sorgen. Ich hoffe, dass sich diese Situation bald wieder zum Wohle unseres Landes und vor allem, seiner Menschen, wendet.“

Horvatits versteht die Entwicklung deshalb nicht, weil es den Leuten noch nie so gut ging wie jetzt. „Wichtig ist es, keine sozialen Unruhen entstehen zu lassen oder zu schüren. Ich glaube auch nicht, dass die Menschen politikverdrossen sind, sondern Politikerverdrossen, und das ist ein gravierender Unterschied. Es liegt an so manchen handelnden Personen, dass die Politik in Misskredit kommt. Ich sehe mich da schon als Mahnerin und kann nur an die Vernunft jedes Einzelnen appellieren, genau hinzusehen und genau hinzuhören, zu hinterfragen und wachsam zu sein. Bruno Kreisky ist man einst angegangen, weil er meinte, dass ihm ein paar Milliarden mehr Schulden weniger schlaflose Nächte bereiten würden als ein paar hunderttausend Arbeitslose mehr. Aber er hat Recht gehabt. Denn wenn die Menschen einmal auf die Straße gehen, dann wird es bedenklich.“

Politiker haben eine Vorbildwirkung

Jeder Politiker, welcher Partei er auch angehöre, habe Vorbildwirkung, sagt Horvatits. Dessen müsse er sich immer bewusst sein. Dass der Ton in der Politik rauer wird, bereitet der einstigen Kommunalpolitikerin Sorge: „Man muss ja nicht immer der gleichen Meinung, aber stets konsensbereit sein. Streiten um des Kaisers Bart hat noch nie etwas weitergebracht. Im Übrigen bin ich auch fest davon überzeugt, dass den Menschen die Wahrheit zumutbar ist, wie schon die Schriftstellerin Ingeborg Bachmann gesagt hat.“

Grete Horvatits ist nach wie vor ein sehr politischer Mensch und interessiert sich daher auch für die bevorstehende EU-Wahl. „Jeder ist aufgefordert, hinzugehen, damit der Friede gewährleistet ist. Die Amerikaner und die Russen warten nur darauf, dass die EU zerfällt, damit sie freie Bahn haben. Eine neuerliche kriegerische Auseinandersetzung mag ich mir gar nicht vorstellen. Aber ich glaube an die Vernunft der Menschen!“