Stephansdom als Lebenswerk von Modellbauer Johann Hofinger

Erstellt am 27. Mai 2022 | 06:21
Lesezeit: 3 Min
stephansdom hofinger
Den Stephansdom hat Johann Hofinger als eineinhalb Meter hohes Modell nachgebaut mit so ungewöhnlichen Materialien wie Eislutscher-Stangerln.
Foto: Penz
Johann Hofinger hat seinen Modellbau zu einer eigenen Kunstform entwickelt – mit Materialien wie Eislutscher-Stangerln.
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In 30-jähriger Arbeit hat Johann Hofinger sein „Lebenswerk“ erschaffen – den Stephansdom. Er hat ihn im Modell mit etwa eineinhalb Metern Höhe aus tausenden Holzstäben, Bausteinen und kleinen Platten – „verkleidet“ mit von ihm bemaltem Naturpapier – detailgetreu nachgebaut. Dabei hat er den Dom nie in natura gesehen, sondern nur mithilfe von Wien-Büchern studiert und anhand von Ansichtskarten nachgebildet, mit sehr ungewöhnlichen Materialien: So hat er etwa die Biberschwanzziegel aus bemalten Eislutscher-Stangerln hergestellt. Im Regionalsender Wien-Kanal gibt es oft Aufnahmen des Stephansdoms, die ihm auch sehr helfen, erzählt Hofinger, der bedacht ist, sein Modell möglichst getreu dem Original anzupassen.

Fast seine gesamte Pension investiert der nunmehr 76-Jährige in dieses einmalige Hobby des Modellbaus. Er arbeitet ohne Bauplan und immer mit der Lupe, um Details aus Ansichtskarten oder Abbildungen in Büchern exakt „herauslesen“ zu können. Obwohl Hofinger noch nie in Wien war, hat er übrigens auch schon die Votivkirche in seiner unnachahmlichen Technik als Modell nachgebildet. Außerdem hat er Hochosterwitz – das fertige Modell befindet sich auf der dortigen Burg in Kärnten – oder Mariazell, Kreuzenstein und Heiligenblut nach Kalenderblättern im Stil einer Kastenkrippe erstellt.

Lebensweg mit vielen Schicksalsschlägen

Wenn er an seinen Modellen arbeitet, ist Johann Hofinger glücklich. Dabei hat es das Leben nicht gut mit ihm gemeint.

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Johann Hofinger: Wenn er an seinen Modellen arbeitet, ist er glücklich.
Foto: Penz

In Opponitz 1946 auf einem Gutshof geboren, war sein Schicksal wegen einer Psychose seiner Mutter schon mit drei Jahren besiegelt. Die nächsten elf Jahre verbrachte er in Heimen von Krems über Loosdorf und Lunz bis Schauboden; insgesamt konnte er nur fünf Volksschuljahre absolvieren. Als Vierzehnjähriger kam er zu einer „Pflegemutter“ nach Waidhofen, ehe er danach am Bauernhof Hasleiten beim ehemaligen Bürgermeister der Landgemeinde Waidhofen/Ybbs, Eberhard Proch, im wahrsten Sinne des Wortes „abgegeben“ wurde. Er arbeitete auf beiden Höfen als Rossknecht, Korbflechter und Besenbinder, führte aber auch Reparatur- und Handarbeiten durch. Zudem betätigte Hofinger, der eigentlich Tischler werden wollte, sich auch als Krippenbauer und Figurenschnitzer, die er auch selbst bemalte.

Viele Jahre hindurch litt er nach einer nicht gut behandelten Mittelohrentzündung unter an Taubheit grenzender Schwerhörigkeit, mit Hörapparat kann Hofinger nun aber seit 2016 wieder eingeschränkt kommunizieren. Trotz der traumatisierenden Ereignisse in seiner Kindheit lebt Hofinger heute zufrieden am Hof Obermoos in der Gemeinde Biberbach bei Familie Hörlendsberger, die ihn fast wie einen Vater oder Onkel in ihre Familie aufgenommen hat. Derzeit arbeitet der Pensionist am Modell der heimatlichen Pfarrkirche von St. Georgen/Klaus. Deswegen bittet er Annemarie Hörlendsberger auch öfter, an Sonntagen nach dem Gottesdienstbesuch doch nochmals mit ihm rund um die Kirche zu fahren, damit ich mir alle Ansichten gut einprägen kann.

Demnächst ist übrigens ein Wienbesuch mit Besichtigung des Stephansdoms gemeinsam mit dem Seitenstettner Gemeindearzt Ernst Derfler und Familie Annemarie und Manfred Hörlendsberger eingeplant – es soll eine kleine Wertschätzung für Hofingers „künstlerische Tätigkeit“ sein.

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