Katzengruber: „ÖVP hat sich Schiefer eingezogen“

Herbert Katzengruber, der vor zehn Jahren als Amstettner Stadtchef zurücktrat, über Amstetten, die Bad-Diskussion, die SPÖ und Corona.

Erstellt am 01. September 2021 | 04:09
Herbert Katzengruber
Bürgermeister außer Dienst, Herbert Katzengruber.
Foto: Vogl

NÖN: Zehn Jahre ist es her, seit Sie das Bürgermeisteramt freiwillig zurückgelegt haben. Haben Sie es danach jemals bedauert?

Herbert Katzengruber: Nein, es war die richtige Entscheidung. Mein letzter Arbeitstag war der 30. September 2011, da war ich noch komplett eingeteilt und am Tag darauf war Herbert Katzengruber dann Privatperson. Mein Rücktritt war gut überlegt und mit der Familie abgesprochen. Es war der richtige Zeitpunkt, das Budget war in Ordnung und die Stadt stand insgesamt gut da. Ich fand, dass es mir nach 23,5 Jahren in der Politik zustand, zu sagen: „Es war sehr schön, es hat mich sehr gefreut!“

Damals war die Stadt eine Hochburg der Sozialdemokratie im Bezirk. Wie weh hat der Sieg der ÖVP im Vorjahr getan?

Katzengruber: Natürlich ist schon Wehmut dabei, wenn man schaut, welch gute Entwicklung die Stadt unter sozialdemokratischer Führung genommen hat. Johann Pölz hat Amstetten von 1965 bis zu seinem Tod 1978 Leben eingehaucht und den Aufschwung eingeleitet. Josef Freihammer hat ihn in seinen zehn Jahren weitergeführt, und ich habe auch mein Bestes versucht. Es ist viel passiert – angefangen von der Umfahrungsstraße, der Errichtung von Kindergärten bis hin zum Neubau der Mittelschule. Im Bereich Kultur habe ich bei der AVB mit Roland Geier und Hannes Kropfreiter gut zusammengearbeitet. Auch am Sozial- und Umweltsektor hat sich viel getan, vom Bau des Biomasseheizwerks und der Fernwärme über die Mülltrennung bis hin zum Ausbau des Ybbs-Kraftwerks und zu den Förderungen im Bereich Solarenergie und Photovoltaik.

Was ist in den Jahren danach schief gegangen? Wie kam es aus Ihrer Sicht zur Wahlniederlage?

Katzengruber: Das hat sich schon 2015 mit dem Verlust von vier Mandaten angekündigt. Die Fehler sind bekannt und die handelnden Personen wissen, was schiefgelaufen ist. Ich will da nicht Öl ins Feuer gießen.

Haben Sie bei der Nachfolge-Frage, im Nachhinein gesehen, falsche Entscheidungen getroffen?

Katzengruber: Das war ja nicht ich alleine. Wir haben das im Team der Stadtpartei entschieden. Manche Personen entwickeln sich halt auch anders als erwartet.

Was sagen Sie zur bisherigen Performance der nunmehr schwarzgrünen Stadtregierung?

Katzengruber: Den Slogan der ÖVP „Amstetten besser machen“ habe ich als Kompliment empfunden, weil das ja auch heißt, dass vieles schon sehr gut ist. Ich erinnere mich an ein Interview vom März 2020 in der NÖN. Da hat Christian Haber hauer gemeint, dass er mit dem Anlegen der Bürgermeisterkette über Parteigrenzen hinweg das Beste für Amstetten erreichen will. Entgegen diesem Credo für Zusammenarbeit kam dann heuer die Anzeige gegen Gerhard Riegler. Da war die ÖVP, wie sich ja gezeigt hat, schlecht beraten und der Grüne ist ohnehin nur das Beiwagerl, aber er merkt es nicht. Riegler ist ja nicht nachtragend und es wäre höchste Zeit für die ÖVP, dass sie das Gespräch mit der SPÖ sucht. Denn die ist immer noch die zweitstärkste Fraktion im Gemeinderat und hat Gewicht in Amstetten. Ich finde auch, dass sie unter den Gegebenheiten, nicht mitregieren zu können, gute Arbeit leistet. Es ist schade, dass sie nicht mehr eingebunden wird.

Sie sind mit Stellungnahmen zu tagespolitischen Themen zurückhaltend. Beim Bad haben Sie sich aber doch zu Wort gemeldet ... Katzengruber: Ja, weil da Blinde von der Farbe reden. Die ÖVP hat sich da den nächsten Schiefer eingezogen. Zu sagen, wir reißen alles weg, war für mich unverständlich und auch für viele andere Amstettner. Ich bin mit meiner Familie öfter im Bad und bekomme die Stimmung dort mit. Es war dann die Initiative der SPÖ, dass sich in kürzester Zeit 1.500 Leute für den Erhalt des Freibades stark gemacht haben und die ÖVP umdenken musste. Ich verstehe bei diesem Projekt die Eile nicht. Ich würde einfach noch zwei, drei Jahre zuwarten, ansparen, und dann etwas Gescheites machen. Ich habe noch kein Gutachten der Behörde gesehen, aus dem hervorgeht, dass das Hallenbad wirklich in so schlechtem Zustand ist. Unverständlich ist für mich, dass die Sauna erst irgendwann kommen soll, und vor allem der Standort, denn die gehört doch zum Hallenbad dazu. Man sollte beim Neubau auch bedenken, dass Amstetten wächst und viele Wohnungen gebaut werden, deren Bewohner kein Schwimmbecken im Garten haben. Ob des Klimawandels und steigender Temperaturen brauchen wir daher ein großes Freibad, denn man kann den Leuten ja nicht sagen: Ihr habt Pech gehabt.

Die Klimaentwicklung macht mir insgesamt große Sorgen, wenn ich an meine Enkelkinder denke. Da müssen die Politik und die Wirtschaft weltweit endlich reagieren. Wer das alles negiert, ist dumm oder ein Egoist, der nur an sich und das Hier und Heute denkt.

Stichwort Klima. Die Stadt hat die Forstheide gekauft. Sie waren damals der Ansicht, dass es nicht Aufgabe der Gemeinde sei, mit Steuergeld Wald zu erwerben.

Katzengruber: Da war die Preisvorstellung aber auch eine ganz andere. Ich habe mit Herrn Hatschek auch keine gute Gesprächsbasis mehr gehabt. Er hatte ja zum Beispiel die Idee, in Neufurth, wo jetzt das Einkaufszentrum steht, einen See auszubaggern und Luxusbauten zu errichten. Da verliert man irgendwann die Geduld. Dass ein Forstbesitzer mit seinem Wald etwas machen will, ist legitim, aber die Diskussionen um die Forstheide hätten nicht aufgehört. Es war daher 2019 vom damaligen Finanzstadtrat Michael Wiesner richtig, mit Hatschek zu verhandeln und die Forstheide dann auch zu kaufen.

Wie bewerten Sie die Gründung der Wirtschaftsraum Amstetten GmbH und den Kauf des Bahnhofsareals?

Katzengruber: Zusammenarbeit von Gemeinden ist immer gut, die Frage ist, ob es so viele sein mussten. Toll wäre es gewesen, wenn auch die anderen Gemeinden ihre schon gewidmeten Gewerbegründe in die Gesellschaft eingebracht hätten. So bestimmen nun viele Kommunen über Amstetten.

Ich bin der Meinung, dass die WRA das Bahnhofsareal zu teuer gekauft hat. In Wörth bei St. Pölten verkaufen die ÖBB ein ähnlich entwickeltes Gebiet um 75 Euro pro Quadratmeter. Wenn man in Amstetten noch die Abbrucharbeiten, die Straßenerschließung und die mögliche Entsorgung von verunreinigtem Boden einrechnet, kommt man auf einen Verkaufspreis von 180 bis 200 Euro pro Quadratmeter. Da werden mögliche Investoren eher in Umlandgemeinden gehen, wo Grundstücke billiger sind oder man subventioniert.

Gescheit finde ich den Plan der ecoplus, in der Remise junge, kreative Leute und Firmen anzusiedeln, denn die können sich vernetzen und voneinander profitieren. Das ist im Grunde der frühere RIZ-Gedanke.

Wie gefallen Ihnen die Pläne für die Neugestaltung des Zentrums ?

Katzengruber: Die Skizzen waren sehr ansprechend, die Umsetzung ist aber natürlich schwieriger. Ob die Kaufleute in der Rathausstraße langfristig glücklich damit sein werden, dass kaum Parkplätze übrig bleiben, wird man sehen. Die Mauer oben am Hauptplatz würde ich lassen, weil sie auch ein Lärmschutz ist. Insgesamt ist das Projekt recht ambitioniert.

Was sagen Sie zur Bundes-SPÖ. Die fällt ja immer wieder durch interne Streitereien auf.

Katzengruber: Wenn es unterschiedliche Meinungen gibt, sollten die im Bundesparteivorstand ausdiskutiert werden und nicht über Facebook und Twitter. Für mich ist Pamela Rendi-Wagner als Parteichefin unumstritten und wenn jemand glaubt, dass er es besser kann, soll er aufzeigen und es dann aber auch tun. Insgesamt würde ich mir von der Politik wünschen, dass sie weniger auf Umfragen schielt, sondern gescheite Politik für die Menschen macht. Wenn 15 bis 20 Prozent der Kinder nicht sinnerfassend lesen können, dann haben wir zum Beispiel im Bildungsbereich noch viel zu tun. Man sollte etwa ganzheitliche und ganztägige Schulformen bis 16 Uhr anbieten.

Noch kurz zur Corona-Pandemie. Raten Sie zur Impfung?

Katzengruber: Ich kann sie nur empfehlen. All die Befürchtungen, die Fantasten da von sich geben, zeigen nur, wie dumm die Leute sind. Am RNA-Impfstoff wird ja schon lange geforscht und er wird auch noch weiterentwickelt. Ich bin nicht nur gegen Corona geimpft, sondern habe mich seit vielen Jahren auch gegen Grippe impfen lassen. Da habe ich auch nicht gefragt, ob der Impfstoff gefährlich ist und ich lebe noch immer.