Erstellt am 24. August 2015, 09:54

von Hermann Knapp

Arbeiterkammer zog Bilanz: „Unsoziale Firmen“. Immer öfter lösen Unternehmen Dienstverhältnisse im Krankenstand auf – zum finanziellen Nachteil der Arbeitnehmer.

Bezirksstellenleiter Robert Schuster, NÖ-AK-Chef Markus Wieser und AK-Rechtsschutzexperte Karl Heigl zogen Halbzeitbilanz. 32,7 Millionen Euro wurden für die Arbeitnehmer heuer schon erstritten. Foto: Knapp  |  NOEN, Knapp

Halbjahresbilanz zog die Arbeiterkammer in den Bezirken Amstetten, Melk und Scheibbs in der Vorwoche – und sie fällt ernüchternd aus.

Transportfirma kündigte drei Leute im Krankenstand

„Ein großes Problem ist vor allem, wie unsoziale Firmen mit Beschäftigen im Krankenstand umgehen. Diesen werden nämlich immer öfters einvernehmliche Lösungen des Dienstverhältnisses angeboten. Dann erhält der Arbeitnehmer Krankengeld von der Krankenkassa, das aber deutlich niedriger ist, als das Arbeitsentgelt, das ihnen der Dienstgeber zahlen müsste“, sagt AK-NÖ-Chef Markus Wieser.

Er fordert daher generell eine Entgeltfortzahlung auch bei einvernehmlicher Lösung eines Dienstverhältnisses im Krankenstand. „Denn die Dienstgeber versuchen da auch, auf Kosten der Allgemeinheit zu sparen.“

Einen besonders verwerflichen Fall schildert Amstettens AK-Bezirksstellenleiter Robert Schuster, denn ein Transportunternehmen hat gleich drei Mitarbeiter im Krankenstand gekündigt. „Einer erlitt im Dienst einen Schlaganfall, die beiden anderen bei Arbeitsunfällen einen Oberschenkelhalsbruch und einen Schädelbasisbruch. Dennoch wollte sich die Firma um die Entgeltfortzahlung drücken und nicht einmal ihre Endabrechnungen waren korrekt.“

Schuster ortet h eine grundsätzliche Tendenz, die ihm Sorgen macht. „Leider ist es so, dass sich viele Arbeitnehmer zwar beraten lassen, dann aber aus Angst um ihren Arbeitsplatz auf unsere Intervention verzichten. Je prekärer die Lage am Arbeitsmarkt wird, umso häufiger ist dass der Fall“, bedauert er, kann die Arbeitnehmer aber natürlich verstehen.

Abmeldung ohne Wissen des Arbeitnehmers

Auch im Bezirk Melk gibt es Firmen, die mit Mitarbeitern, die Krankenstand anmelden, alles andere als korrekt umgehen.

„Ein Dienstnehmer im Kleintransportgewerbe fühlte sich schon am Wochenende krank und hat dies am Sonntag dem Chef mitgeteilt. Am Montag ist er dann zum Arzt gegangen und wurde für eine Woche krankgeschrieben. Ein paar Tage später erhielt er die Mitteilung der Gebietskrankenkasse, dass er nicht in Krankenstand gehen könne, weil ja gar kein Dienstverhältnis vorliege. Der Chef hatte dieses nämlich rückwirkend mit dem Freitag der Vorwoche gelöst – ohne den Arbeitgeber zu kontaktieren oder auch nur zu informieren“, so die AK.

Nach schriftlicher Intervention der Arbeiterkammer wurden dem Mann dann doch 3.300 Euro nachbezahlt.

Auch im Bezirk Scheibbs versuchen Unternehmen bei kranken Mitarbeitern Geld zu sparen. „Eine Verkäuferin bei einem großen Handelsunternehmen bekam, nachdem sie sich krank gemeldet hatte, ein Schreiben der Firma, wonach das Dienstverhältnis sofort einvernehmlich aufgelöst werden sollte. Wir haben ihr natürlich geraten, dem nicht zuzustimmen, weil ihr das schwere finanzielle Einbußen gebracht hätte“, berichtet die stellvertretende Bezirksleiterin Birgit Dorrer.


Halbjahresbilanz

Insgesamt haben in Niederösterreich im ersten Halbjahr 79.000 Beschäftige die Hilfe der Arbeiterkammer in Anspruch genommen. Dabei wurden für sie 32,7 Millionen Euro erkämpft, die unrechtmäßig vorenthalten wurden.

Im Bezirk Amstetten wurden in den ersten sechs Monaten 1.765 persönliche Beratungen und 1.653 telefonische bzw. schriftliche Beratungen durchgeführt. 120 Mal hat die Arbeiterkammer bei Dienstgebern interveniert, 33 Fälle gingen vor Gericht.

Außergerichtlich wurden durch die Interventionen für die Dienstnehmer 512.124 Euro eingebracht, vor Gericht 59.792 Euro erstritten.
Für 63 Arbeitnehmer von zehn insolventen Betrieben wurden von der Arbeiterkammer 533.058 Euro gesichert.