Jubilar Franz Sieder: „Nicht verbiegen lassen“. Arbeiterpriester Franz Sieder feierte am 13. Jänner seinen 80. Geburtstag. Er will auch in Zukunft seine Stimme erheben und Ungerechtigkeit anprangern.

Von Doris Schleifer-Höderl. Erstellt am 23. Januar 2018 (04:33)
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Jubilar: Der Ober-Grafendorfer Franz Sieder.

„Mir bedeutet der runde Geburtstag nicht sehr viel. Ich bin auch kein Mensch, der gerne im Mittelpunkt steht, gerne feiert oder der sich beweihräuchern lässt. Ich freue mich aber und bin dankbar, dass ich meinen 80er in relativer Gesundheit begehen kann, denn die Hälfte der Priester, die 1962 mit mir geweiht wurden, ist schon gestorben. Ich spüre noch immer Energien in mir und bin absolut nicht resignativ. Meinen kritischen Geist schicke ich garantiert nicht in Rente“, sagt der bekennende Sozialdemokrat in der Soutane, dessen Markenzeichen seine langen weißen Haare und seine rote Vespa sind, mit der Franz Sieder durch den Bezirk düst.

Zwei neue Bücher herausgebracht

Vor Kurzem erst hat der rührige Seelsorger zwei neue Bücher im guernica Verlag herausgegeben. „Mein Herz schlägt links“ enthält seine bisher unveröffentlichten politischen Predigten und Reden. Im zweiten Buch „Propheten in Kirche und Sozialdemokratie“ fasst Sieder die Referate von elf Persönlichkeiten wie Bruno Kreisky, Johanna Dohnal und Erwin Ringel zusammen, die einst auf seine Einladung in Amstetten zu Gast waren.

„Das war vielleicht eine Arbeit! Ich hatte zwar alles auf Tonband, aber ich brauchte Monate bis ich es mit der Hand reingeschrieben hatte“, verrät Franz Sieder. „Aber es hat sich gelohnt, denn es handelt sich um Zeitdokumente, die nach wie vor ihre Gültigkeit haben.“

Der gebürtige Obergrafendorfer war stets in Sachen Aussöhnung zwischen Arbeiterwelt, Sozialdemokratie und Kirche unterwegs. „Ich bin ein Arbeiterkind und wenn ich nicht Priester geworden wäre, hätte ich nie Matura gemacht. So habe ich aber das Gymnasium und Internat im Stift Melk besucht, denn beides wurde von der Kirche subventioniert. Arzt zu werden wäre eine Alternative gewesen, aber meine Eltern hätten sich das nie leisten können.“

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Franz Sieder ist bekennender Sozialdemokrat in der Soutane und hat soeben wieder zwei neue Bücher herausgegeben. „Ich werde immer auf der Seite der Schwächeren und der Arbeiter stehen. Das lasse ich mir nicht nehmen!“

Bereits während des Studiums kam Sieder mit der Katholischen Arbeiterjugend in Kontakt und hatte die Möglichkeit, ein dreiwöchiges Seminar in Brüssel zu machen. „Da lernte ich auch den Gründer des Verbandes CAJ, den Arbeiterpriester Joseph Cardijn, kennen. So erkannte ich dann meinen Weg“, erinnert er sich. Verteilungsgerechtigkeit und Frieden wurden fortan zu den wichtigsten Anliegen des Priesters, der dem sozialistischen Gedankengut nahesteht.

„Sagen, was Sache ist, sich nicht verbiegen lassen“ und auch Kontroversen nicht scheuen, waren und sind für Franz Sieder essenziell. Dass dies nicht bei jedem gut ankommt, ist klar. „Ich war nie ein Liebling der Bischöfe, habe aber auch nie um ihre Gunst gebuhlt. Mit dem Alter haben wir uns aber wohlwollend angenähert“, sagt Franz Sieder schmunzelnd.

„Kirche darf nicht stumm bleiben“

„Ich bin auch froh, dass Papst Franziskus einer jener ist, der Ungerechtigkeit unermüdlich benennt. Und auch ich werde weiterhin gegen dieses fehlgeleitete System aufbegehren, weil ich fest davon überzeugt bin, dass wir im Kollektiv zu mehr Menschlichkeit und weniger Kapitalismus finden können, wenn wir nur wollen.“

Die neue türkis-blaue Regierung macht Franz Sieder, der überzeugter Pazifist ist, laut eigenen Angaben, Angst. „Vor allem deshalb, weil ich glaube, dass es sicher zum systematischen Sozialabbau kommen wird. Es geht gar nicht anders, denn die Regierung verweigert bekanntlich jegliche Vermögenssteuern und die Erbschaftssteuer. Da sie aber Geld benötigt, kann sie es sich nur bei den kleinen Leuten holen. Da darf die Kirche einfach nicht stumm bleiben. „Ich werde immer auf der Seite der Schwächeren und der Arbeiter stehen. Das lasse ich mir nicht nehmen!“