Anton Kasser im Interview: „Mit einer Stimme sprechen“. Neugewählter Bezirksbauernbundobmann Anton Kasser über Sorgen der Landwirte, die Herausforderung des Klimawandels und sein Landtagsjubiläum.

Von Hermann Knapp. Erstellt am 14. März 2019 (05:00)
Hudler
Anton Kasser 

NÖN: Sie wurden einstimmig zum neuen Bezirksbauernbundobmann gewählt. Sie sind Landtagsabgeordneter, Bürgermeister und Obmann der österreichischen Abfallwirtschaftsverbände. Finden Sie noch die Zeit für eine zusätzliche Aufgabe?
Anton Kasser: Ich bin ja in der Landwirtschaft gut verankert, die Themen sind mir also vertraut. In den letzten Wochen war ich bei den Wahlen in 21 Ortsgruppen der Teilbezirke Waidhofen, Amstetten und St. Peter dabei. Wenn künftig noch der Teilbezirk Haag dazukommt, den bisher Andreas Pum abgedeckt hat, wird das meinen Terminkalender sicher nicht zu sehr belasten. Mir ist es sehr wichtig, die vier Teilbezirke wieder stärker zu einen, damit wir als Bauernbund wirklich mit einer Stimme sprechen. Ich bin auch sehr froh und stolz, dass wir in vielen Gemeinden junge Funktionäre gefunden haben. In manchen Ortsgruppen hat es einen Generationswechsel gegeben. Das zeigt, dass der Bauernbund auch für die jungen Landwirte attraktiv ist und sie begriffen haben, dass der, der etwas verändern will, auch mittun muss.

Wie sehen Sie die GAP-Verhandlungen (Agrarbudget der EU)? Fürchten Sie Einbußen für die heimischen Landwirte?
Kasser: Die Frage wird sein, ob die EU bei einem Brexit ihr Gesamtbudget im Agrarbereich halten kann. Wir haben aber eine Zusage des Bundeskanzlers, dass in Österreich das Gesamtvolumen erhalten bleibt, eventuelle Kürzungen also vom Bund ausgeglichen werden. Das Schwierigste ist immer die Verteilung der Mittel im Inland. In der GAP-Periode 2013 bis 2020 wurde die produzierende Landwirtschaft mit einer Investförderung stärker unterstützt. Jetzt bräuchte es wieder mehr Mittel für die benachteiligten Gebiete, vor allem in den Hanglagen. 

Es wird ja oft gefordert, dass die Landwirte für die Pflege der Kulturlandschaft eine Abgeltung erhalten sollten. Ist das gerechtfertigt?
Kasser: Da geht es um die grundsätzliche Frage, ob die Gesellschaft künftig eine Kulturlandschaft haben will und was ihr das wert ist. Die Bauern haben ein Anrecht darauf, für ihre Leistungen auch bezahlt zu werden. Diese Diskussion haben wir im Übrigen auch in anderen Bereichen. Nehmen wir nur den Begriff des „Tierwohls“. Da wird das Tierschutzgesetz inzwischen links und rechts überholt. Was da alles von den Bauern gefordert wird, macht Investitionen nötig und kostet Geld, das erwirtschaftet werden muss. Das muss sich dann also auch in einem fairen Produktpreis niederschlagen. Da sind wir aber weit davon entfernt. Ich weiß ja, dass wir Landwirte in der öffentlichen Meinung oft als die Superreichen gesehen werden, die dann auch noch Förderungen abcashen wollen. Aber von den Häusern und Maschinen, die wir haben, können wir nicht leben. Die brauchen wir, um ein Einkommen zu erwirtschaften. Wir alle würden uns einen Produktpreis wünschen, der Förderungen unnötig macht. Das ist derzeit aber nicht realistisch und darum braucht es Ausgleichszahlungen.

Worüber die Landwirte auch immer wieder stöhnen, ist der Bürokratismus. Sind da Vorgaben der EU schuld daran?
Kasser: Vieles davon ist hausgemacht und könnte in Österreich vereinfacht werden. Ein Beispiel ist die Investförderung. Die ist so kompliziert, dass sie ganze Ordner füllt. Warum kann ich da nicht einfach sagen, ein Kuhplatz kostet die Summe X und davon fördere ich entsprechende Prozente. Das wäre sinnvoll. Jetzt brauche ich drei Angebote und Lieferscheine etc. Und wenn dann etwas nicht stimmt, fallen die Bauern gleich um die ganze Summe um. Da sollte es einen Sanktionskatalog geben, der festlegt, dass bestimmte Fehler zum Beispiel mit einem Minus von zehn Prozent geahndet werden. Da sind wir aber noch völlig schwarzweiß unterwegs. Ein Paradebeispiel für Bürokratie sind die Landschaftselemente: Für einen Baum bekommt der Bauer eine Förderung von 7,20 Euro pro Jahr. Der muss aber ganz genau digitalisiert sein und da darf es auch keinen Meter Abweichung geben. Das ist ein überzogenes System mal drei.

Ministerin Köstinger hat im Vorjahr verkündet, dass der Handel sich zu einem Fairnessabkommen mit den Landwirten verpflichtet habe. Waren die Supermärkte bisher so unfair?
Kasser: Ich unterstelle den Supermarktketten nicht, dass sie böse sind. Sie haben ihre Interessen – also Verkaufszahlen und Umsätze – und sie denken jeden Tag darüber nach, wie sie sich von ihren Mitbewerbern abheben können. Was ich kritisiere, ist, dass noch immer Fleisch oder Lebensmittelaktionen als Lockmittel dienen. Der Bauer bekommt dann den kärglichen Rest, der übrig bleibt. Ein großes Thema für die Landwirtschaft ist natürlich nach wie vor die Herkunftsbezeichnung. Wenn jemand auf der Skihütte einen Kaiserschmarren bestellen will und liest, dass die Eier aus der Ukraine sind, wird er sich das vielleicht überlegen. Wirte, die etwas auf sich halten, weisen auf der Speisekarte ohnehin schon aus, woher sie die Produkte beziehen. Die Gäste goutieren das.

Ab 2020 ist die Anbindehaltung untersagt, bzw. müssen die Rinder zumindest 90 Tage im Jahr Bewegungsfreiheit haben. Sind die Betriebe gerüstet?
Kasser: Wir sind da auf einem guten Weg. Für jene, die noch Umbauten machen müssen, gibt es für Kosten bis maximal 20.000 Euro eine 20-prozentige Förderung. Das habe ich übrigens mitverhandelt.

Wie sehen Sie dem Sommer entgegen? Die Trockenheit war ja ein großes Problem.
Kasser: Das Wasser ist natürlich ein großes Thema. Die Landwirte sind ja vom Klimawandel am direktesten betroffen. Ich bin gerade dabei mit dem Land NÖ ein Projekt anzustoßen, bei dem wir uns anschauen wollen, wo wir Wasserreserven im Bezirk haben und wie die Verteilung ausschauen könnte. Was uns sehr beschäftigt, sind die Engerlinge, die im Vorjahr in weiten Teilen des Bezirks großen Schaden angerichtet haben. Auch da werden wir in der Region ein Pilotprojekt starten, mit Gerste, die mit Pilzsporen angereichert ist, die sich im Boden vermehren. Da sind wir gerade auf der Suche nach Flächen.

Anderes Thema: Am 26. Februar haben Sie Ihr Zehn-Jahres-Jubiläum im Landtag gefeiert. Wie fällt die Bilanz aus?
Kasser: Es gab viele Highlights in dieser Zeit. Wir haben im Klima- und Energiebereich in NÖ viel weitergebracht. In Sachen Biomasse und Photovoltaik ist der Bezirk Amstetten Vorreiter. Gelungen sind uns auch in der Bauordnung wichtige Veränderungen für den ländlichen Raum – wie etwa die Widmung erhaltenswertes Gebäude, mit der wir neue Nutzungsmöglichkeiten eröffnet haben. In der Region möchte ich auch auf den Ybbstalradweg hinweisen. Da habe ich gemeinsam mit Hans Heuras die Weichen dafür gestellt. Ich erinnere mich an heiße Diskussionen mit den Bahnfreunden. Die Zahl der Radler, die den Weg jetzt nutzt, gibt uns nachträglich recht.

Wie lange werden Sie noch im Landtag bleiben?
Kasser: Auf jeden Fall bis zum Jahr 2023, denn dann ist die nächste Landtagswahl.
Aus heutiger Sicht werde ich mich dieser aber auch wieder stellen.