Aufschrei der Putenmäster. Vor dem Aus | Strenge nationale Auflagen bescheren Betrieben höhere Produktionskosten als ausländischer Konkurrenz. Landwirte im Bezirk fürchten um ihre Existenz.

Von Hermann Knapp. Erstellt am 13. Oktober 2014 (11:04)
NOEN, Heribert Hudler
Die heimischen Putenmäster fürchten um ihre Existenz v.l.n.r.: Herbert Stöckler aus Haag, Franz Schwödiauer aus Ernsthofen, Landtagsabgeordenter Anton Kasser, Martin Kattner aus Oed, Bezirksbauerkammerobfrau Maria Lechner und Franz Gruber aus Wallsee.
„Wir sind nicht konkurrenzfähig. Die gesetzlichen Regelungen in Österreich machen es uns unmöglich, preislich mit Produzenten im Ausland mitzuhalten. Wenn nichts geschieht, werden bei uns bald alle Betriebe zusperren müssen“, sagt Martin Kattner aus Oed — und er spricht dabei allen 14 Putenmästern, die es im Bezirk gibt, aus der Seele.

Dass seine Befürchtungen nicht unbegründet sind, zeigt das Beispiel Schweiz: Dort haben zu strenge nationale Auflagen zum Aus für die Putenerzeugung geführt.

Aus der Produktion auszusteigen ist nicht so einfach

Neben den gesetzlichen Regelungen sehen sich die heimischen Mäster auch noch mit Vorgaben der Handelsketten konfrontiert, mit denen die Schlachtbetriebe, an die sie liefern, zusammenarbeiten. „Ich hatte erst vor Kurzem eine Kontrolle. Was da von uns verlangt wird, geht über jedes sinnvolle Maß hinaus“, sagt Kattner. „Da überlegt man sich ernsthaft, ob man überhaupt nochmals Puten einstellt. So kann es nicht weitergehen.“

Aus der Produktion auszusteigen ist aber auch nicht so einfach. Viele Betriebe haben in den letzten Jahren kräftig investiert. Durch die Verschärfung des Tierschutzgesetzes Ende 2012 stehen sie finanziell nun mit dem Rücken zur Wand.

Schützenhilfe bekommen die Putenmäster von der Bauernkammer: „Österreich hat mit einer Besatzdichte von 40 Kilogramm pro Quadratmeter selbst innerhalb der EU die strengsten Richtlinien. Das heißt, dass in unseren Ställen wesentlich weniger Tiere stehen, als in gleich großen Hallen in anderen Ländern. So können unsere Landwirte nicht konkurrenzfähig sein“, sagt die Obfrau der Kammer, Maria Lechner.

„Wir importieren aus dem Ausland Tierleid“

Die strengen Auflagen hätten zur Folge, dass nun vermehrt billigere ausländische Puten auf den österreichischen Markt drängten, bei deren Produktion weit weniger auf den Tierschutz geachtet werde. „Wir importieren Tierleid und machen uns vom Ausland abhängig“, zieht Lechner eine triste Bilanz der Entwicklung.

Kattner sieht das ganz genau so. In Deutschland und Ungarn gäbe es eine starke Puten-Überproduktion. „Die Hotellerie und Gastronomie deckt sich daher längst mit billigerem ausländischen Fleisch ein. Das hat zur Folge, dass der Selbstversorgungsgrad in Österreich in den letzten Jahren von 45 Prozent auf 30 Prozent gesunken ist. Wir stehen buchstäblich vor dem Aus.“

Landtagsabgeordneter Anton Kasser fordert, dass die Besatzdichte von 40 Kilogramm auf 60 Kilogramm erhöht und damit an Deutschland angepasst wird (Ungarn hat 75 Kilogramm, in anderen Ländern gibt es überhaupt keine Grenzen). „Bisher ist das immer am Veto des Gesundheitsministeriums gescheitert. Aber die Zeit der Ausreden ist vorbei, es geht um die Existenz unserer Betriebe. Im Grunde lautet die Frage: Will ich österreichische Pute haben oder will ich mich vom Ausland abhängig machen?“

Entwicklung in der Landwirtschaft verkehrt

Letzteres, so Kasser, könne wohl nicht Ziel der Politik sein. Die Gesundheitsministerin solle die Verordnung, die schon lange auf dem Tisch liege, endlich unterschreiben.

Für Kammerobfrau Lechner läuft derzeit in Österreich in Sachen Landwirtschaft überhaupt einiges verkehrt. „Es betrifft ja nicht nur die Putenmäster. Wir haben in vielen Bereichen strengere Auflagen als die meisten anderen europäischen Länder und dann diskutiert man auch noch über die Erhöhung der Grundsteuer. Das ist unbegreiflich“, sagt die Bauernvertreterin.


Putemnast-Infos:

Im Bezirk Amstetten gibt es 14 Betriebe mit rund 85.000 Einstellplätzen. Das sind acht Prozent der gesamten Putenmastproduktion in Österreich.

Weibliche Tiere werden etwa 15 Wochen gemästet, männliche Tiere durchschnittlich 20 Wochen.