Flüchtlingskrise 2015: Ängste und Hilfsbereitschaft

Erstellt am 09. September 2020 | 04:07
Lesezeit: 5 Min
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Deutschlernen ist für Flüchtlinge das Um und Auf: Bürgermeister Franz Deinhofer, Abt Petrus Pilsinger, Lucia Deinhofer und Elisabeth Voglmayr (von links) mit den Teilnehmern eines Deutsch-Kommunikationskurses im Stift.
Foto: Penz
Auch im Bezirk Amstetten wurden viele Menschen aufgenommen. Hier geblieben sind allerdings nur wenige.
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90.000 Menschen aus Syrien, Afghanistan, dem Irak aber auch aus Nordafrika suchten vor fünf Jahren in Österreich um Asyl an. Sie alle aufzunehmen stellte die Regierung vor massive Probleme und so wurde ein Schlüssel erstellt um sie auf Länder und Gemeinden aufzuteilen.

In Amstetten sorgte die Nachricht, dass zu den 169 Flüchtlingen, die Mitte September 2015 schon in der Stadt waren, noch rund 150 dazukommen sollten, für große Aufregung. In den betroffenen Ortsteilen Mauer und Waldheim, wo Containerdörfer errichtet werden sollten, regte sich rasch Widerstand.

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Der ehemalige SPÖ-Ortsvorsteher von Mauer, Anton Ebner.
Foto: NÖN

An vorderster Front stand natürlich der damalige Ortsvorsteher Anton Ebner (SPÖ). „Wir waren damit konfrontiert, dass jede Gemeinde eine gewisse Zahl von Flüchtlingen nehmen muss, und dass das Land das Areal am Klinikum in Mauer und bei den Bundesforsten in Waldheim dafür angeboten hatte“, erinnert er sich zurück. Als die ersten Flüchtlinge kamen, sei es vor allem darum gegangen, den Bürgern die Angst vor dem Fremden zu nehmen. Das habe man leider trotz Infoveranstaltungen nicht geschafft. „Und es gab auch einige, die bewusst Hetze betrieben haben. Rückwirkend ist es aber zu keiner einzigen Gewalttat gegenüber der Bevölkerung gekommen. Wir haben diese Krise gut gemeistert“, sagt Ebner.
Zu verdanken sei das auch den zahlreichen Leuten, die sich selbstlos zur Verfügung gestellt und bei der Betreuung der Flüchtlinge geholfen hätten. „Und das waren weit mehr als die Kritiker“, betont Ebner. Bis Sommer 2017 bewohnten Asylwerber das Containerdorf in Waldheim, bis Ende November 2017 jenes in Mauer.

Geblieben sind nur wenige Flüchtlinge aus den Dörfern. „Aber die haben eine Wohnung und auch eine Arbeit. Ich kümmere mich selbst noch um zwei Familien. Eine Frau mit drei Töchtern und einem Sohn musste 2017 auch noch den Tod ihres Mannes verkraften, der an Krebs gestorben ist. Die Frau geht ins Landesklinikum Mauer arbeiten, die zwei älteren Töchter besuchen höhere Schulen und reden perfekt Deutsch. Vor dieser Familie habe ich größten Respekt“, sagt Ebner. Bei einer anderen Familie habe sich der Vater bei der Molkerei Bergland vom Leasingbeschäftigten zum fixen Mitarbeiter hochgearbeitet. „Auch diese Familie aus Syrien hat die Integration geschafft!“

„Der Vater sitzt als Pascha zuhause“

Ebner verhehlt aber nicht, dass es auch Negativbeispiele gibt. „Ich kenne eine Familie, wo der Vater als Pascha daheimsitzt und seine Frau arbeiten schickt. Arbeitsstellen, die wir ihm vermittelt hätten, hat er nach zwei Tagen wieder aufgegeben. Da hört sich mein Verständnis auf.“
Der jetzige Ortsvorsteher von Mauer, Manuel Scherscher, (ÖVP) war damals im Einsatzstab des Innenministeriums Tag und Nacht mit der Koordinierung der Flüchtlingsströme beschäftigt. „Es ist verständlich, dass die Wogen hochgingen, aber die Bewohner der Containerdörfer sind großteils weitergezogen und am damaligen Standort in Mauer entsteht nun ein medizinisches Primärversorgungszentrum.“

Viele Flüchtlinge wurden 2015 in Amstetten auch privat untergebracht. Der Verein „Willkommen Mensch“ hat zu Spitzenzeiten 70 bis 80 Familien betreut. Federführend mit dabei war auch Christian Köstler von der Pfarrcaritas. Er schätzt, dass etwa die Hälfte dieser Asylwerber in Amstetten geblieben sind. „Viele haben einen Job, wobei die Palette von der AMS-Beraterin über die Kundbetreuerin bei einer Bank bis hin zu diversen Hilfsjobs reicht. Durch die Coronakrise haben leider auch einige Migranten ihre Arbeit verloren.“
Eine große Herausforderung war es in der Flüchtlingskrise Deutschkurse zu organisieren. „Die gab es anfangs nur über Ehrenamt und auch später nur spärlich. Aber inzwischen hat sich das eingependelt“, sagt Köstler. Das Deutschniveau sei bei den Erwachsenen recht unterschiedlich. Wer im Berufsleben stehe, könnte seine Kenntnisse natürlich leichter vertiefen. Die Kinder seien schulisch großteils sehr gut unterwegs.

Bewährt habe sich in der Flüchtlingsbetreuung, so Köstler, das System, bei dem Inländer sozusagen eine Patenschaft für eine Migrantenfamilie übernahmen. Dass es bei den Helfern auch Frustration gegeben hat, bestätigt der Caritasmitarbeiter aber auch. „Manche haben die Flüchtlinge vielleicht überversorgt und waren dann enttäuscht, wenn das nicht so angenommen wurde oder wenn die Familie plötzlich nach Wien gezogen ist, weil sie sich dort bessere Chancen erhoffte und auch die Mindestsicherung höher war.“
Manche Helfer seien aber auch vom Staat und dessen Umgang mit den Flüchtlingen schockiert gewesen. „Die politischen Rahmenbedingungen wurden verschärft. Die Art der Abschiebungen, bürokratische Hindernisse, fragwürdige Asylverfahren, all das hat Leute vor den Kopf gestoßen“, sagt Köstler.

Den Verein Willkommen Mensch gab es nicht nur in Amstetten. Auch in vielen anderen Gemeinden haben sich ähnliche Gruppierungen gebildet. „Ich schätze, dass es rund 1.000 Helfer im Bezirk gab. Aktiv sind jetzt nicht mehr viele, aber Freundschaften mit Migranten sind natürlich geblieben.“

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