Zwölfbändiges Monumentalwerk zur NS-Geschichte von Historiker

Erstellt am 02. Juni 2022 | 06:44
Lesezeit: 4 Min
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Für Gerhard Ziskovsky ist es essenziell, sich mit Geschichte auseinanderzusetzen. „Aus ihr kann man sehr wohl auch lernen, wenn man nur bereit dazu ist!“.
Foto: Doris Schleifer-Höderl
Der Altphilologe und Historiker Gerhard Ziskovsky hat in Zusammenarbeit mit dem NÖ Institut für Landeskunde St. Pölten ein zwölfbändiges Monumentalwerk über die Zeit des Nationalsozialismus im Bezirk Amstetten veröffentlicht.
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„Faktum ist, wer die Vergangenheit nicht kennt, kann die Gegenwart nicht verstehen“, ist sich Gerhard Ziskovsky sicher. „Aus der Geschichte kann man sehr wohl lernen, wenn die Vermittlung gelingt!“

Dem gebürtigen Kremser, der ab 1972 bis zu seiner Pensionierung 2009 am Ostarrichi Gymnasium die Fächer Latein und Geschichte unterrichtete, war Historisches immer schon sehr wichtig. Bereits mit zwölf Jahren hat er seinen beiden Großvätern – der eine einst NS-Ortsgruppenleiter-Stellvertreter, der andere Schutzbund-Regionalführer – bei ihren Gesprächen zugehört. „Die beiden waren immer am Sonntag bei uns zu Gast und diskutierten in der Küche bei einem Glas Russen sowie bei einem Viertel Wein über ihre Zeit. Da war ich immer dabei. Ich habe zwar nicht viel verstanden, aber es hat mich enorm interessiert.“

Das Interesse blieb, wuchs während des Studiums und fand sein Betätigungsfeld in der Lokalhistorie. Genau die Zeit des Nationalsozialismus in Bezug auf Amstetten war es schlussendlich, die den Historiker zu Nachforschungen anregte. „Eigentlich waren es meine Schülerinnen und Schüler, die mehr über diese Zeit in ihrer Stadt und im Bezirk wissen wollten. Denn das Nichts-Wissen- und Nichts-Hören-Wollen war noch immer in der Gesellschaft fest verhaftet. Nachlesen konnte man auch kein Wort darüber. Oft waren ein Tabuisieren und Leugnen vorherrschend, als hätte es diese Zeit nie gegeben.“

Spurensuche begann in den 1980er-Jahren

Angespornt durch diese vorgefundene Situation begab sich Gerhard Ziskovsky auf Spurensuche. Mitte der 1980er-Jahre begann er akribisch in seiner Freizeit zu forschen. „Der damalige Bürgermeister Josef Freihammer war ein Freund von mir, von ihm habe ich viel über die Jahre 1938 bis 1945, aber auch über die Zeit vorher, erfahren. Er hat mir auch ermöglicht, das Stadtarchiv für meine Forschung heranzuziehen, und mich mit Leuten, sowohl von der Opfer- als auch von der Täter-Seite, bekanntgemacht. Bezirkshauptmann Johann Kandera, dessen Kinder ich unterrichtete, öffnete mir schließlich die Bezirkshauptmannschaftsregistratur mit den Archivbeständen. Das war für mich großartig und ich konnte zu arbeiten beginnen.“

Aber nicht nur in der Stadt Amstetten, sondern in allen 60 Gemeinden des Bezirks begab sich Gerhard Ziskovsky auf Spurensuche und führte mehr als 150 Interviews mit Zeitzeugen. Das Endergebnis dieser jahrzehntelangen, nicht ganz konfliktfreien Forschung liegt nun in zwölf Bänden vor und wurde vor Kurzem der Stadtgemeinde Amstetten übergeben. Demnächst wird es auch im Internet nachzulesen sein.

„Vergangenheit ohne Abstriche“

„Mir ist es wichtig, die Vergangenheit ohne Abstriche darzulegen, da bin ich ganz Pädagoge. Die Wissensvermittlung ist entscheidend dabei und darf nicht nur über das Fach Geschichte passieren, sondern muss im Sinne der Politischen Bildung fächerübergreifend stattfinden. Denn schleichende unbemerkte Vereinnahmung ließ viele in das totalitäre System hineinschlittern. Desinformation, Manipulation, unreflektierter Glaube an Scheinautoritäten, Nichterkennen des Unterschieds von medialer Scheinrealität und tatsächlichem Geschehen, Unfähigkeit, populistische Diskurse zu durchschauen, und Einschüchterung gibt es nach wie vor, sie finden tagtäglich statt“, so Gerhard Ziskovsky.

„Solchen Entwicklungen kann man aber nur entgegenwirken, indem man sich darüber klar wird, dass es sie gibt, sich dagegenstemmt und stets hinterfragt. Obacht, denn Unachtsamkeit, Gleichgültigkeit und Bequemlichkeit können verheerende Folgen haben.“ Gerhard Ziskovsky warnt davor, auch in einer Demokratie Rechtstaatlichkeit, Grund- und Menschenrechte als gegeben und selbstverständlich anzusehen. „Von einem Tag auf den anderen kann alles anders sein. Unwissenheit über die lokale NS-Zeit ist generell noch immer ein Thema. Ständige Nachfragen zeigen mir aber, dass besonders die ‚Enkelgeneration‘ mehr über jene Zeit in Amstetten erfahren möchte.

Willi Resetarits hinterließ uns einen klugen Satz, dem ich mich nur anschließen kann: ‚Seid´s vuasichtig und losst´s eich nix gfoin!‘“

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