Erstellt am 11. Mai 2015, 09:25

von Hermann Knapp

Bischof Kräutler: „Habe längst den Geruch der Schafe“. Brasilien und ein Leben unter Todesdrohung.

Bischof Erwin Kräutler setzt sich für die Armen und die indigene Bevölkerung in Brasilien ein. Foto: Wolfgang Zarl  |  NOEN, Wolfgang Zarl
Wache Augen, ein verschmitztes Lächeln, eine Aura der Gelassenheit: Erwin Kräutler, Bischof der Diözese Xingu in Brasilien, ist ohne Zweifel ein Mensch, der seine Mitte gefunden hat.

Er weiß was er tut und warum er es tut. Nicht umsonst lautet eines der Bibelzitate, die ihn in seinem Wirken leiten: „Daran haben wir die Liebe erkannt. Dass er sein Leben für uns eingesetzt hat. Auch wir sind es schuldig unser Leben für die Schwestern und Brüder einzusetzen (1 Joh 3,16)“.

Nach seiner Wahl zum Bischof der Diözese Xingu vor 35 Jahren hat er die Menschen gefragt, was sie sich von ihrem Bischof erwarten. „Eine der Antworten war, dass ich die Diözese nicht vom Schreibtisch aus leiten, sondern hinausgehen, und am eigenen Leib erleben und verspüren soll, wie es den Menschen geht.“

Papst Franziskus hat jüngst den Priestern aufgetragen, dass sie den „Geruch der Schafe“ annehmen sollen. „Ich lebe das schon seit Jahrzehnten“, sagt Erwin Kräutler.



Nur drei bis vier Monate im Jahr verbringt er im Bischofssitz in Altamira. Die andere Zeit reist er durch seine Diözese, per Flugzeug, per Auto und sehr viel mit dem Schiff.

Seine Diözese ist flächenmäßig viereinhalb Mal so groß wie Österreich. Für rund 800 Gemeinden (jede Pfarre umfasst zwischen 30 und 100 Gemeinden) stehen ihm 31 Priester zur Verfügung. „90 Prozent der Einwohner haben keine reguläre Eucharistiefeier, 70 Prozent nur zwischen drei oder vier Mal im Jahr“, berichtete Kräutler den rund 500 interessierten Zuhörern, die am Mittwochabend zu seinem Vortrag ins Stift Seitenstetten gekommen waren (siehe auch Fotoserie oben).

Das Bildungshaus St. Benedikt hatte Kräutler eingeladen. Ohne engagierte Laien, so erzählte der Bischof, „könnten die kirchlichen Strukturen in seiner Diözese nicht aufrechterhalten werden.“

Vor allem Frauen sind es, die ehrenamtlich Verantwortung übernehmen. „Und alle fünf Jahre gibt es eine Großversammlung des Volkes Gottes, da schickt jede Gemeinde einen Delegierten und da werden dann die pastoralen Schwerpunkte bestimmt und geschaut, was gut war und was wir besser machen können.“

„Es gibt bei uns ein Sprichwort, das in etwa so lautet:
Wenn nichts mehr geht, dann geh zum Bischof.“
Bischof Erwin Kräutler

Als Präsident des CIMI, des Indianermissionsrates der brasilianischen Bischofskonferenz, setzt sich Bischof Kräutler auch für die Belange der indigenen Völker ein. Und das mit Erfolg: 1980 wurden erstmals ihre Rechte in der Verfassung Brasiliens verankert. Widerstand dagegen gibt es aber von Unternehmern und Politikern bis heute.

Kräutler ergreift für alle Menschen in seiner Diözese Partei, denen ein Unrecht geschieht. „Es gibt bei uns ein Sprichwort, das in etwa so lautet: Wenn nichts mehr geht, dann geh zum Bischof“, erzählt er.

Genau das haben auch die Eltern von Schulmädchen getan, die misshandelt und missbraucht wurden. Kräutler hat die Täter angezeigt – mächtige Leute, auch Wirtschaftsbosse darunter. Seit neun Jahren steht sein Name deshalb auf einer Todesliste.

Seit neun Jahren auf einer Todesliste

Die Regierung hat ihm Leibwächter beigestellt. „Wenn ich aus der Tür gehe, sind zwei Leute da, beim Gottesdienst ebenso wie bei Versammlungen. Das hat die soziale Dimension meines Lebens stark eingeschränkt. Früher bin ich am Abend öfter durch die Straße gegangen und Leute haben mich spontan zum Kaffee eingeladen. Mit zwei Polizisten im Schlepptau will ich aber nicht in die Häuser gehen“, sagt Kräutler.

Wie real die Gefahr für sein Leben ist, zeigen schreckliche Ereignisse. Eine seiner Mitarbeiterinnen, Ordensschwester Dorothy Stang, wurde 2005 erschossen. Kräutler selbst überlebte schon im Jahr 1987 ein als Autounfall getarntes Attentat nur schwer verletzt, ein Mitbruder starb.

„In Österreich genieße ich schon sehr, dass ich mich frei bewegen kann, ohne Leibwächter“, sagt der Bischof. Der gebürtige Vorarlberger kommt jedes Jahr rund um Pfingsten in seine Heimat und spendet in Pfarren das Sakrament der Firmung.

„Bei uns drüben ist auch nicht das Problem, dass es
arme Leute gibt, sondern dass sie arm gemacht werden.“
Bischof Erwin Kräutler

Im Mostviertel war er zum ersten Mal. Am Vormittag erzählte er Schülern des Stiftsgymnasiums über sein Leben und seine Arbeit, am Abend Erwachsenen und er warb natürlich auch um Unterstützung für seine Diözese. Denn in Brasilien gibt es keine, Kirchensteuer.

„Die Leute besteuern sich selbst. Sie geben das, was sie sich leisten können. Ich bitte auch Österreicher darum, sich selbst zu besteuern und meine Arbeit zu unterstützen. Zum Glück gibt es Menschen, die das tun.“ Es gehe da nicht um Almosen, sondern um gerechtes Teilen.

Vergleiche zwischen Österreich und Brasilien will Kräutler nicht anstellen. „Ich habe ja nichts dagegen, dass es den Leuten hier gut geht. Bei uns drüben ist auch nicht das Problem, dass es arme Leute gibt, sondern dass sie arm gemacht werden. Der Graben zwischen denen, die sehr viel haben und jenen, die nichts haben, ist unendlich tief. Bei Großgrundbesitzern und anderen Unternehmen herrschen oft sklavenähnliche Verhältnisse. Bei diesem wirtschaftlichen System kann ich nicht mittun.“

Schweigen konnte Kräutler auch nicht, als 1983 Zuckerrohrbauern Geld, das ihnen zustand, neun Monate lang vorenthalten wurde. Er nahm an einer Demonstration teil. Die Militärpolizei verhaftete ihn und schlug ihn zusammen. „Da riefen die Menschen: Lasst unseren Bischof frei!“ erzählt Kräutler. Das habe seine Verbundenheit mit ihnen noch gestärkt.

Kampf gegen einen Monsterstaudamm

Derzeit kämpft er auch gegen den Bau des Monsterstaudamms von Bel Monte, durch den der Fluss Xingu auf einer Fläche von 502 Quadratkilometern aufgestaut werden soll. Die Lebensgrundlage von 40.000 indigenen Bewohnern ist bedroht – und das Ökosystem des Amazonas-Regenwaldes, das wichtig für das Gesamtklima der Erde ist.

Auch bei Kräutlers Besuch beim Papst im April 2014 war das Projekt Thema. „Die Kirche muss sich klar für die Bewahrung der Schöpfung aussprechen. Ich habe noch den tropischen Regenwald erlebt. In den letzten fünfzig Jahren wurde viel kaputt gemacht“, sagt er.

Bei seinem Papstbesuch trug Kräutler übrigens dieselbe Soutane, wie bei der Bischofsweihe vor 35 Jahren. „Ich brauche sie ja sonst nicht.“ Von kirchlichem Pomp und Ämterdünkel hält er nicht viel. „Wir müssen endlich von diesem alten Zopf wegkommen.“ Er selbst sieht sich als Knecht Christi Jesu (Röm 1,1).

Wie lange er noch in Amt ist, ist ungewiss. Mit 75 Jahren hat der Bischof in Rom seinen Rücktritt angeboten. „Ich werde aber auch, wenn ich nicht mehr in der vorderen Reihe stehe, wie wir in Brasilien sagen, meine Fußballschuhe nicht an den Nagel hängen“, versichert Kräutler.


Selbstbesteuerung

Der einzige Weg zum Frieden ist die „Globalisierung“ der Liebe.

Ein Weg zur Globalisierung der Liebe und zur Gerechtigkeit im Teilen ist die Selbstbesteuerung.

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