„Defizite sind beträchtlich!“

Erstellt am 21. August 2012 | 00:00
Lesezeit: 9 Min
Dieser Artikel ist älter als ein Jahr
Web-Artikel 58153
Foto: NOEN
INTERVIEW / Sportarzt Dr. Karl Freynhofer aus Neustadtl/Donau ist auch als Schularzt tätig.
Werbung

Web-Artikel 58153
Foto: NOEN

VON DORIS SCHLEIFER-HÖDERL

BEZIRK AMSTETTEN / Nach dem schlechten Abschneiden der heimischen Sportler bei Olympia wird nun intensiv über die Nachwuchsarbeit im Sport debattiert.

Helmut Fellner, Jugendtrainer des Union Tennisclubs (UTC) Amstetten und Leiter der taf-tennis academy, hält nichts von der Idee jedes Kind zu mehr Sportstunden in der Schule zu verpflichten. „Wichtiger wäre es, gezielter bereits mit der Einbindung von Vereinen zu fördern. Wir haben hier ein Gesellschaftsproblem, denn so bald es um Leistung geht, wird gebremst. Mir fehlt es ehrlich gestanden dabei an Individualität. Es kann nicht jeder alles gleich gut können, auch im Sport nicht.“

Fellner: Talente müssen  individuell gefördert werden

Talente müssten individuell erkannt und gefördert werden. Anders funktioniere Leistungssport einfach nicht, so der Experte. „Freilich bedarf es auch vermehrter finanzieller Förderung. In unseren Landen haben der Fußball- sowie der Schiverband das meiste Geld zur Verfügung. Tennis läuft da unter ferner liefen. Natürlich stützt und hilft ein Verein seinen Talenten. Aber letztlich ist man gerade in unserer Sparte darauf angewiesen, fürs Training die Finanzen selbst aufzustellen. Nur hat nicht jeder die Möglichkeit dazu.“

„Allgemein hat Sport in Österreich keinen Stellenwert“, so Micha Henschke, Nachwuchstrainer des Volleyball Clubs Amstetten (VCA). „Wenn man sieht, was etwa die Kultur an Geldern verschlingt und was für Sport zur Verfügung steht, dann darf man sich über das Debakel bei Olympia nicht wundern. Es fängt bereits im Kindergarten an, wo absolut kein Sport gemacht wird und es geht weiter im gesamten Schulbereich, wo der Sportunterricht von vier auf zwei Stunden gekürzt wurde. Wenn das so weitergeht, werden künftig noch mehr Kinder an Fettsucht, Drogen- und Alkoholproblemen leiden. Das Bild von Olympia ist nur ein Abklatsch der Entwicklung der letzten zwanzig Jahre des österreichischen Sports. Ich kam 1994 nach Österreich und außer viel Gerede hat sich nichts getan.“

Alleine in Amstetten gäbe es keinen Mädchenclub im Ballsportbereich. „Uns rennen die Mädls die Bude ein, nur wir haben die Kapazitäten nicht dazu hier etwas aufzubauen. Es ist wirklich schlimm.“ Nach dem Olympiadebakel gäbe es laut Henschke nun aber die einmalige Chance bei Null anzufangen. „Das gesamte Sportsystem gehört umgekrempelt. Sportminister Darabos hat völlig Recht, es muss endlich mit dem Gießkannenprinzip aufgehört und gezielt gefördert sowie unterstützt werden. Außerdem wäre es sinnvoll, endlich den Trainerberuf anzuerkennen und die Leute vernünftig zu entlohnen. Ehemalige Spitzensportler könnten hier Großartiges leisten. Doch bei der derzeitigen Situation und der dürftigen Bezahlung tut sich das kein Mensch an.“

„Trainer sollten an den  Schulen angestellt werden“

Einer der Jugendtrainer des Leichtathletik Clubs Amstetten (LCA), Michael Schweighofer, nimmt auch die Eltern in die Pflicht. „Kinder sind von Natur aus an Bewegung interessiert, man muss sie diesbezüglich nur fördern. Nur passiert das heute viel zu wenig. Weiters plädiere ich dafür, dass die Vereine viel mehr in die Schulen mit eingebunden werden, um Talente zu erkennen und individuell zu fördern. Sport als Ausgleich muss auf eine breite Basis gestellt werden. Die Amerikaner haben da ein gutes und sinnvolles Modell entwickelt. Dort sind Trainer an den Schulen angestellt und arbeiten sportartenübergreifend.“

Es bringe nichts, jetzt nur zu jammern, weil Österreich trotz einiger großartiger Leistungen keine Medaillen in London geholt habe, meint Schweighofer: „Wir sollten uns viel mehr überlegen, wie wir in Zukunft wieder Medaillen erringen können und das kann nur funktionieren, wenn gezielter gefördert und mehr Geld in die Hand genommen wird.“

„Meiner Meinung nach ist die Einstellung der Gesellschaft zum Sport eines der Grundübel, erklärt Bernhard Keller, Obmann des Schwimm- und Triathlonvereins RATS Amstetten. „Sehr oft sind die Eltern nicht bereit, eigene Freizeit für das Training der Kinder zu opfern. Sehr oft sind sie auch nur mangelhaft über die Angebote in den örtlichen Vereinen informiert. Eine Mitschuld an dieser schlechten Informationspolitik haben sicher auch die Medien, die sehr einseitig vom Sport berichten. Sogenannte Randsportarten kommen viel zu selten vor. Problematisch finde ich auch, dass in der Politik jeder die Schuld von sich weist.“

Eine Sportart, die einen ungebrochenen Zulauf an Interessenten hat, ist Fußball. Helfried Minixhofer, Jugendleiter des SKU Amstetten, freut sich über regen Nachwuchs. „Ich habe jetzt erst wieder erlebt, wenn die Kleinen einmal motiviert sind, dann sind sie voll bei der Sache. Es ist schön zu sehen, wie begeistert alle waren. Das Geheimnis lautet Freude und Spaß an der Sache und das bietet Fußball allemal!“

NÖN: Betreibt die heutige Jugend Ihrer Meinung nach eigentlich genug Sport?

Dr. Freynhofer: Nein! Der Teil, der Sport betreibt, der macht es möglicherweise sogar zu intensiv und der andere Teil gar nicht. Zwischen diesen beiden Extremen gibt es sozusagen kein Mittelmaß.

NÖN: Nun, nach der Olympiamisere bei den Sommerspielen in London wird auch wieder über den Schulsport diskutiert. Kritiker meinen, es gäbe zu wenige Bewegungs- und Sportstunden. Wie sehen Sie es?

Dr. Freynhofer: Dass es zu wenige Sportstunden gibt, kann ich nur unterstreichen. Aber das hat mit Olympia überhaupt nichts zu tun. Denn der Schulsport ist nicht dazu da, um Olympioniken zu formen, sondern sollte die Freude an der Bewegung vermitteln. Dies geschieht aber leider von der Zeit und von der Intensität her zu wenig.

NÖN: Was sollte Ihrer Meinung nach den Kindern und Jugendlichen an Sportaktivitäten angeboten werden?

Dr. Freynhofer: Ich glaube, das Angebot ist durchaus ausreichend. Nur wird es nicht angenommen, weil es nicht genügt Sportstätten zur Verfügung zu stellen, sondern dazu auch dementsprechend ausgebildete Kräfte vorhanden sein müssen, die den Kindern bereits im Vorschulalter die Freude an der Bewegung vermitteln.

Ein Beispiel: Die Volksschule Neustadtl/Donau ist seit Jahren Landessieger bei der Laufolympiade, weil ein Lehrer einige Stunden im Jahr mit den Kindern auf den Fußballplatz geht und dort mit ihnen läuft. Was ich damit sagen möchte, ist folgendes: So wenig Einsatz benötigt es, um Großes zu erreichen. Es mangelt eindeutig an Personen wie den angesprochenen Lehrer, um den Kindern Bewegung erlebbar zu machen.

NÖN: Was sehen Sie in Ihrer Schulpraxis an negativen Auswirkungen mangelnder Bewegung?

Dr. Freynhofer: Ich sehe schon ab dem sechsten Lebensjahr beträchtliche Bewegungsdefizite sowie muskuläre Unausgeglichenheit, sogenannte Dysbalancen und schwerste koordinative Mängel. Wenn ich Bewegungsformen vorgebe, dann wissen viele nicht, wie sie diese ausführen sollen. Einfachste Vorgaben von Bewegungsausführungen sind einfach nicht möglich.

Hier sehe ich dringenden Handlungsbedarf. Wir wissen, dass Bewegung ein Lebensprinzip ist und wenn wir das nicht fördern, dann brauchen wir uns nicht zu wundern, dass es internistische Erkrankungen wie Altersdiabetes schon bei Zehn- und Zwölfjährigen gibt.

„Meiner Meinung nach ist die Einstellung der Gesellschaft zum Sport eines der Grundübel, erklärt Bernhard Keller, Obmann des Schwimm- und Triathlonvereins RATS Amstetten. „Sehr oft sind die Eltern nicht bereit, eigene Freizeit für das Training der Kinder zu opfern. Sehr oft sind sie auch nur mangelhaft über die Angebote in den örtlichen Vereinen informiert. Eine Mitschuld an dieser schlechten Informationspolitik haben sicher auch die Medien, die sehr einseitig vom Sport berichten. Sogenannte Randsportarten kommen viel zu selten vor. Problematisch finde ich auch, dass in der Politik jeder die Schuld von sich weist.“

Eine Sportart, die einen ungebrochenen Zulauf an Interessenten hat, ist Fußball. Helfried Minixhofer, Jugendleiter des SKU Amstetten, freut sich über regen Nachwuchs. „Ich habe jetzt erst wieder erlebt, wenn die Kleinen einmal motiviert sind, dann sind sie voll bei der Sache. Es ist schön zu sehen, wie begeistert alle waren. Das Geheimnis lautet Freude und Spaß an der Sache und das bietet Fußball allemal!“

NÖN: Betreibt die heutige Jugend Ihrer Meinung nach eigentlich genug Sport?

Dr. Freynhofer: Nein! Der Teil, der Sport betreibt, der macht es möglicherweise sogar zu intensiv und der andere Teil gar nicht. Zwischen diesen beiden Extremen gibt es sozusagen kein Mittelmaß.

NÖN: Nun, nach der Olympiamisere bei den Sommerspielen in London wird auch wieder über den Schulsport diskutiert. Kritiker meinen, es gäbe zu wenige Bewegungs- und Sportstunden. Wie sehen Sie es?

Dr. Freynhofer: Dass es zu wenige Sportstunden gibt, kann ich nur unterstreichen. Aber das hat mit Olympia überhaupt nichts zu tun. Denn der Schulsport ist nicht dazu da, um Olympioniken zu formen, sondern sollte die Freude an der Bewegung vermitteln. Dies geschieht aber leider von der Zeit und von der Intensität her zu wenig.

NÖN: Was sollte Ihrer Meinung nach den Kindern und Jugendlichen an Sportaktivitäten angeboten werden?

Dr. Freynhofer: Ich glaube, das Angebot ist durchaus ausreichend. Nur wird es nicht angenommen, weil es nicht genügt Sportstätten zur Verfügung zu stellen, sondern dazu auch dementsprechend ausgebildete Kräfte vorhanden sein müssen, die den Kindern bereits im Vorschulalter die Freude an der Bewegung vermitteln.

Ein Beispiel: Die Volksschule Neustadtl/Donau ist seit Jahren Landessieger bei der Laufolympiade, weil ein Lehrer einige Stunden im Jahr mit den Kindern auf den Fußballplatz geht und dort mit ihnen läuft. Was ich damit sagen möchte, ist folgendes: So wenig Einsatz benötigt es, um Großes zu erreichen. Es mangelt eindeutig an Personen wie den angesprochenen Lehrer, um den Kindern Bewegung erlebbar zu machen.

NÖN: Was sehen Sie in Ihrer Schulpraxis an negativen Auswirkungen mangelnder Bewegung?

Dr. Freynhofer: Ich sehe schon ab dem sechsten Lebensjahr beträchtliche Bewegungsdefizite sowie muskuläre Unausgeglichenheit, sogenannte Dysbalancen und schwerste koordinative Mängel. Wenn ich Bewegungsformen vorgebe, dann wissen viele nicht, wie sie diese ausführen sollen. Einfachste Vorgaben von Bewegungsausführungen sind einfach nicht möglich.

Hier sehe ich dringenden Handlungsbedarf. Wir wissen, dass Bewegung ein Lebensprinzip ist und wenn wir das nicht fördern, dann brauchen wir uns nicht zu wundern, dass es internistische Erkrankungen wie Altersdiabetes schon bei Zehn- und Zwölfjährigen gibt.

IM GESPRÄCH

Werbung