Amstettner Zeitzeuge: „Boden für Frieden war gelegt“. Das Jahr 1989 ging in die Geschichte ein. Zeitzeugen erinnern sich an die historische Entwicklung.

Von Peter Führer und Andreas Kössl. Erstellt am 07. Mai 2019 (04:52)
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Robert Jäger / APA-Archiv / picturedesk.com

Der historische Fall des Eisernen Vorhangs war vor 30 Jahren das Gesprächsthema schlechthin. Und auch wenn der Bezirk Amstetten etwas abseits der Grenzregion liegt, verfolgte man hier das Geschehen äußerst interressiert. Franz Menk, 1989 Bürgermeister der Marktgemeinde Euratsfeld, hat durch die Bekanntschaft mit Außenminister Alois Mock – ebenfalls Euratsfelder – besondere Erinnerungen an die ereignisreiche Zeit. „Alois Mock war ein begeisterter Europäer und hat die Entwicklung, die dann zum Fall des Eisernen Vorhangs geführt hat, massiv gefördert. Vor allem durch die Kontakte zu oppositionellen Politikern. Interessant ist, dass Alois Mock noch im Mai 1989 bei der 20-Jahr-Feier der Hauptschule Euratsfeld bei uns in der Marktgemeinde war. Also nur einen Monat, bevor das historische Foto vom Durchtrennen des Eisernen Vorhangs entstand“, blickt Menk zurück. Damals hätte, so der ehemalige Ortschef, Aufbruchstimmung geherrscht. Die Stimmung war optimistisch und proeuropäisch.

Mittlerweile, so Menk, der während der Ereignisse „Tag und Nacht vorm Fernseher saß“, habe sich das leider etwas geändert. „Mich stimmt etwas traurig, dass sich ein Großteil der heutigen Jugend kaum für diese Themen und den Fall des Eisernen Vorhangs interessiert. Man müsste wieder mehr Begeisterung für die europäische Idee wecken. Das alles ist ja noch nicht lange aus“, erklärt Menk.

Auch Josef Plaimer, im Jahr 1989 Gemeinderatsmitglied und stellvertretender Postenkommandant der Gendarmerie Amstetten, berichtet von der besonderen Atmosphäre. „Der Tenor in unserer Gegend war sicher: ‚Gott sei Dank, jetzt ist wieder eine Kommunistische Diktatur und in Europa die letzte Mauer (zwischen Ost- und Westdeutschland) gefallen‘“. Die Frage, ob es durch mögliche Fluchtbewegungen auch Bedenken bezüglich der Sicherheit gegeben hat, verneint Plaimer. „Die Fluchtbewegung hat von Beginn an einen friedlichen Ablauf signalisiert. Dienstlich gefordert waren die Kollegen an der Grenze und vor allem im Bereich der verschiedenen Grenzübergänge. Über das Fernsehen und die Tageszeitungen erhielt man ausreichende Informationen vom ‚ruhigen‘ Fall des ‚Eisernen Vorhanges‘“, betont der ehemalige Gendarm.

 „Paneuropa-Picknick“ als wichtiger Schritt

 Für Herbert Katzengruber, während der Ereignisse seit einem Jahr Amstettens Bürgermeister, war das „Paneuropa-Picknick“– eine Idee von Otto von Habsburg – von besonderer Bedeutung. Diese Friedensdemonstration nahe Sopron wurde am 19. August abgehalten. Einige Monate nachdem Mock und sein ungarischer Amtskollege Gyula Horn den Grenzzaun durchschnitten. „Vorher wurde ja nach wie vor kontrolliert. Das Picknick hat dann dafür gesorgt, dass alle geglaubt haben, ‚jetzt kann es was werden‘“, erklärt Katzengruber. In Amstetten habe man über die Entwicklung viele Gespräche geführt. Spezielle Vorbereitungen als Reaktion traf man allerdings nicht. „Alle waren der Meinung, dass alles friedlich bleiben wird und so ist das ja dann gottseidank auch eingetreten. Trotzdem waren das wahnsinnig mutige Leute, die die Entwicklung vorangetrieben haben“, erinnert sich Katzengruber.

Aus Sicht des langjährigen SP-Landtagsabgeordneten Eduard Keusch aus Sonntagberg ist die Wiedervereinigung Deutschlands „Höhepunkt der politischen und wirtschaftlichen Neuorientierung. Es war der Beginn einer neuen Ära, die Nachkriegsordnung war überwunden. Damit war für alle Staaten Europas der Boden für eine eigenständige Entwicklung in Frieden und Freiheit gelegt“, analysiert er. Allerdings gebe es auch heute noch viele Herausforderungen, wie soziale Ungleichheit, Arbeitslosigkeit und Rechtsradikalismus. „Meine Hoffnung ist nach wie vor das Friedensprojekt Europa“, so Keusch.

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