Nachtdienst im Frauenhaus: „Da blutet dir das Herz“

Anni Kronberger und Anny Hackl versehen seit mehr als zwei Jahrzehnten Nachtdienst im Frauenhaus Amstetten und berichten von ihren Erlebnissen.

Erstellt am 04. April 2018 | 06:01
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Anni Kronberger und Anny Hackl setzen sich aus Überzeugung für Frauen, die von Gewalt betroffen sind, ein. „Es ist wichtig, sie ernst zu nehmen. Viele von ihnen haben das Gefühl ganz alleine mit ihrem Problem gelassen zu werden. Wenn sie sich ans Frauenhaus wenden, ist meistens schon viel Leid passiert!“
Foto: NOEN, Schleifer-Höderl

Es ist nach 19 Uhr und im Frauenhaus Amstetten läutet das Telefon. Eine Frau ist am Apparat, die mit leiser Stimme erzählt, dass sie von der Nachbarin aus anruft und ob sie nicht sofort ins Frauenhaus kommen könne. Ihr Mann wurde gewalttätig – nicht zum ersten Mal – und sie habe nur rasch ihre Handtasche nehmen können, weil sie flüchten musste. Der Gatte habe ihr massiv gedroht und sie verbal sowie körperlich attackiert. Solche Telefonate sind für Anni Kronberger (56) und Anny Hackl (75) keine Seltenheit.

„Man glaubt gar nicht, wie viele Frauen von Gewalt betroffen sind.“

„Gerade bei den Frauen, die sich in der Nacht bei uns melden, ist oft rasches Handeln erforderlich“, berichten die beiden Nachtdienst-Damen. „Pro Jahr sind es rund 35 Frauen, die im Frauenhaus Aufnahme finden, rund sechs bis sieben von ihnen wenden sich nachts an uns.“

Insgesamt besteht das Nachtdienst-Team des Frauenhauses aus sechs Frauen, die abwechselnd vier bis fünf Mal im Monat Dienst machen. „Bis 21 Uhr nehmen wir uns Zeit für die Bewohnerinnen und die Kinder, ab dann sind wir für sie und für Notrufe von außen jederzeit erreichbar“, berichtet Anni Kronberger. Die Öhlingerin gehört seit 1994 zum Team. Ihre Amstettner Kollegin Anny Hackl ist seit der Eröffnung des Frauenhauses (1991) dabei.

Für beide Frauen ist es selbstverständlich sich für andere Frauen zu engagieren. „Wir sind durch die Erzählungen von Freundinnen auf das Frauenhaus aufmerksam geworden und haben uns dann zur Mitarbeit entschlossen. Man glaubt gar nicht, wie viele Frauen von Gewalt betroffen sind.“

Eingearbeitet habe man sich rasch. Nach zwei bis drei Monaten dürfe man den ersten Dienst alleine machen. „Um unsere Erlebnisse besser reflektieren zu können, haben wir regelmäßige Supervisionen und Weiterbildungen“, erklären die beiden hilfsbereiten Damen.

Nicht nur Frauen in Notsituationen melden sich nachts im Frauenhaus, manche wollen sich einfach nur jemandem anonym mitteilen. „Da kann ein Gespräch schon mal mehr als eine Stunde dauern“, erklärt Anny Hackl.

„Frauen, die kommen, sind oft sehr verstört“

Aber auch die Frauen, die schon Zuflucht im Frauenhaus gefunden haben, haben oft abends, wenn die Kinder schon schlafen, das Bedürfnis mit der Nachtdienstfrau zu sprechen.

Besonders erschütternd seien aber Aufnahmen von Frauen, die tatsächlich noch in der selben Nacht erfolgen. „Nicht selten meldet sich die Polizei bei uns und kündigt das Kommen einer Frau mit ihren Kindern an. Die Frau ist oft sehr verstört, meist nur mit zwei oder drei Plastiksackerln, in der das Notwendigste hastig zusammengesucht wurde und die Kinder halb schlafend und erschöpft. Da blutet dir das Herz“, berichten Anny Hackl und Anni Kronberger. „Der Gang ins Frauenhaus ist nach wie vor für viele Frauen nicht einfach. Wenn dann noch ein Polizeieinsatz wegen häuslicher Gewalt dazukommt, umso mehr.“

Dasein, Zuhören und Ernstnehmen seien da gefordert, um die betroffenen Frauen und Kinder spüren zu lassen, dass sie nun sicher sind. „Im Laufe der Jahre, die wir hier Dienst machen, haben wir schon viele Frauen aus allen Gesellschaftsschichten und jeden Alters betreuen dürfen. Am schönsten ist es für uns, wenn eine Frau einen Neubeginn schafft. Immer wieder bekommen wir dann auch Karten geschickt. Etwa aus dem Urlaub oder zu Weihnachten. Das motiviert uns weiter zu machen.“

Kontakt

Das Frauenhaus Amstetten ist von 0 bis 24 Uhr unter der Telefonnummer 07472/66500 sowie unter frauenhaus@amstetten.aon.at erreichbar.