"Totenglocke": Zerstörung Herz Jesu Kirche. Vor 75 Jahren - am 20. März 1945 - wurde Amstetten von schweren Bombenangriffen heimgesucht, bei denen viele Menschen starben.

Von Wolfgang Zarl. Erstellt am 27. Oktober 2020 (14:06)
Pater Franz Kniewasser vor der Totenglocke bzw. Herz Jesu Kirche
Wolfgang Zarl

Darunter waren dutzende KZ-Häftlinge, die wegen Aufräumarbeiten aus dem damaligen Konzentrationslager Mauthausen in die Mostviertler Stadt gebracht wurden. Man verwehrte ihnen den Zugang zu den Luftschutzbunkern, etliche wurden zerfetzt und hingen in den Bäumen, erinnern sich Zeitzeugen.

Wolfgang Zarl

Pater vertraute auf höhere Hilfe

Es gab Amstettner, die keinen Schutz suchten, sondern auf „höhere Hilfe“ vertrauten, wie Gerold Keusch vom Nachrichtenmagazin „Truppendienst“ des österreichischen Bundesheeres in der Ausgabe vom März 2017 berichtete. Ein Salesianerpatter der Herz-Jesu-Kirche sei an diesem Tag auf einem der beiden Kirchtürme gestanden und habe zugesehen, wie die Bomben auf die Stadt fielen. Als die letzten Flieger den Himmel über der Stadt verließen, schlugen die letzten Bomben ein. Eine davon traf auch den Mitteltrakt der Kirche neben den Türmen. Der Pater sei unverletzt geblieben. Die Kirche und mit ihr die Totenglocke waren jedoch zerstört. „An dem Tag, als die meisten Menschen in Amstetten starben und man sie am meisten benötigte, war sie verstummt“, so Keusch. Die Reste der Totenglocke aus dem zerstörten Turm der Herz-Jesu-Kirche wurden Jahre später gefunden und wieder zusammengefügt. Sie befinden sich heute in dem Teil der Kirche, der damals von der Bombe besonders zerstört wurde.

Kirchen als Orientierungshilfen
 

Es waren nicht immer Angriffe von Bomberverbänden. Am 16. April 1945 flog abends ein russischer Jagdbomber über die Stadt, der drei Bomben abwarf. Diese trafen den Haupttrakt des Franziskanerinnenklosters, die Klosterkirche und den südlichen Trakt der Amstettner St. Stephans-Kirche. Die Treffer auf die Einrichtungen der römisch-katholischen Kirche geschahen nicht in der Absicht religiöse Symbole treffen zu wollen. Das ergab die spätere Auswertung des Angriffsberichtes. Unumstritten ist jedoch, dass einzelne Flieger sich auch an Kirchen orientierten, die sich häufig in den Zentren von Städten befanden. Bei dem letzten Angriff, am 8. Mai 1945, der so wie der erste Angriff nicht planmäßig erfolgte, fielen die letzten Bomben des Zweiten Weltkrieges auf österreichischem Boden.

Wolfgang Zarl


 

Wiederaufbau der Herz Jesu-Kirche

 

1951 begann der Wiederaufbau der Kirche. Bei der 2. Grundsteinlegung steht als Inschrift: "MENSCHENHASS ZERSTÖRT - GOTTESLIEB BAUT AUF". Dieser Grundstein befindet sich neben der früheren Wandlungsglocke. 1953 wurde eine Holzdecke eingezogen. An Stelle der durch den Krieg verlorenen Glocken wurden Stahlglocken vom Ersten Weltkrieg angebracht, welche bis heute in Verwendung sind (unter Pfarrer Bloderer gab es einen Pfarrgemeinderatsbeschluss: Solange ein Mensch in der Welt hungert, kommen keine neuen Glocken auf unsere Türme).
 
Die neue Kirchweihe erfolgte durch den damaligen Bischofkoadjutor Dr. Franz König am Christkönigsfest 1953.