Christian Bruckner: Mit dem Rad zum Nordkap. Christian Bruckner radelte in lediglich neun Tagen von Wallsee zum Nordkap.

Von Gerold Keusch. Erstellt am 02. August 2019 (04:23)
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Auf der Reise nach Norden gab es auch einige spannende Begegnungen mit der heimischen Tierwelt. Viele Eindrücke, die es neben der sportlichen Anstrengung auch noch zu verarbeiten galt.
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„Wer mich kennt, der weiß, dass ich immer eine Herausforderung brauche!“ Christian Bruckner sitzt im Freizeitzentrum Wallsee. Hier hat ihn vor zehn Jahren das „Extremsportfieber“ gepackt, das ihn nach Hawaii, Südafrika und zum Nordkap führte.

„Die Idee, von meinem Heimatort an den nördlichsten Punkt Europas zu radeln, hatte ich schon lange. Im letzten Winter konnte ich meine Frau davon überzeugen, dass wir diese Reise gemeinsam unternehmen.“ Evelyne Bruckner, die neben Christian Platz genommen hat, begleitet ihren Mann zu fast allen Wettkämpfen und sportlichen Abenteuern. Sie und Tochter Emilia sind nicht nur die treuesten Fans, sondern auch die Betreuer und mentale Stütze des Extremsportlers aus Wallsee.

„Er wollte das Rennen einige Male beenden und hat uns angefleht, aufhören zu dürfen.“Evelyne Bruckner über die Erinnerung an ein Radrennen von Christian Bruckner

Nachdem Christian im Jahr 2012 seinen ersten Triathlon beendet hatte, ging es in großen Schritten vorwärts. Mit konsequentem Training, eisernem Willen und Ehrgeiz erreichte er zunächst gute und schon bald immer bessere Resultate. Schließlich gewann er nationale Bewerbe und war auch bei internationalen Rennen im Spitzenfeld zu finden. Von der Sprintdistanz (0,75 km Schwimmen, 20 km Radfahren, 5 km Laufen) bis zum Ironman (3,8 km Schwimmen, 180 km Radfahren, 42 km Laufen) fand man ihn in den Ergebnislisten immer ganz oben.

Auch bei internationalen Rennen im Spitzenfeld

„Meine sportlichen Höhepunkte waren der Sieg beim Socialman-Extremtriathlon und bei nationalen Triathlonbewerben sowie die Teilnahme an der Ironman-Weltmeisterschaft in Hawaii und der fünfte Altersgruppenplatz bei der Ironman 70.3 Weltmeisterschaft in Zell am See, wo ich zweitbester Österreicher wurde.“

Groß war die Freude bei Familie Bruckner, als sie das Nordkap und damit den Endpunkt der Radreise erreicht hatten.
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Der Weg an die internationale Spitze schien zum Greifen nahe, bis Christians Laufbahn durch einen Unfall gestoppt wurde. „Bei einem ,Kickerl‘ mit Freunden verletzte ich mich 2017 so schwer am Knie, dass ich ein Jahr pausieren musste.“ Nach dieser Pause wollte der Berufsfeuerwehrmann erneut durchstarten. Als Comeback-Rennen wählte er die Ironman 70.3 Weltmeisterschaft in Südafrika, für die er sich noch kurz vor seinem Unfall qualifizieren konnte. „Bei dem Rennen erkannte ich, dass die Verletzungen schlimmer waren, als ich annahm und ich eine längere Triathlon-Pause einlegen muss.“ Christian konnte den Bewerb zwar in einer guten Zeit beenden, an weitere Starts war vorerst jedoch nicht zu denken.

Anstatt die Rad- und Laufschuhe neben den Neoprenanzug an den Nagel zu hängen, stellte sich Christian neuen Herausforderungen. Eine war ein 10-km-Schwimmmarathon am Hallstättersee, die andere war die „Race around Austria Challenge“, ein Radrennen, bei dem 563 km und knapp 6.500 Höhenmeter an einem Tag zurückzulegen sind. 22 Stunden benötigte er für dieses Rennen, bei dem es viele bittere Moment gab. „ Er wollte das Rennen einige Male beenden und hat uns angefleht, aufhören zu dürfen. Wir ließen ihn aber nicht in den Begleitbus einsteigen, weshalb er weiterfahren musste“, erinnert sich Evelyne. Auch wenn die beiden heute darüber lachen, war es damals alles andere als lustig. Dennoch: „Heute bin ich froh, dass ich das Rennen beenden konnte.“

2.340 Kilometer und 14.000 Höhenmeter legte Chrstian Bruckner auf dem Rad Richtung Nordkap zurück.
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Die „Radreise“ ans Nordkap verlief anders. Sie war kein Bewerb, sondern eine persönliche Herausforderung, die Christian mit seiner Frau Evelyne und Tochter Emilia gemeinsam bewältigte. Am 23. Juni um 7 Uhr fiel am Hauptplatz von Wallsee der Startschuss zu dem Abenteuer. Angefeuert von Freunden und Wegbegleitern begann die Reise zum nördlichsten Punkt Europas. Nach drei Tagen hatte der Mostviertler bereits 820 km zurückgelegt und die Ostsee erreicht. „Der erste Teil der Fahrt lief so gut, dass ich mir sogar einen Ruhetag erradeln konnte“, erzählt Christian, der am dritten Tag seine Höchstleistung erbrachte und eine Strecke von 350 km mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 34,5 km/h bewältigte.

Für die Fahrt zum Nordkap trainierte der Extremsportler unzählige Stunden. „Ich stand früh auf, fuhr mit dem Rad in die Arbeit und nutzte jede freie Minute für das Training – egal bei welchem Wetter.“ Kälte, Regen und Wind begleiteten ihn auch bei der Fahrt in den Norden.

„Bei der Etappe von Dresden bis zur Ostsee war es knapp 40 Grad heiß. Umso näher ich dem Nordkap kam, desto kälter und regnerischer wurde es jedoch. Kurz vor dem Ziel hatten wir nur noch drei Grad, was sich bei dem Wind, der über 50 km/h stark war, extrem kalt anfühlte.“ Das Wetter hielt Christian jedoch nicht davon ab, sich Kilometer für Kilometer seinem Ziel zu nähern. Die tägliche „Radausfahrt“ begann um etwa 10 Uhr am Vormittag und endete manchmal erst um Mitternacht. „Evelyne und Emilia fuhren von Punkt zu Punkt. Dort warteten sie auf mich, gaben mir etwas zu essen und sprachen ein paar motivierende Worte. Dann ging es weiter“, erzählt Christian, der bei seiner Fahrt etwa 70.000 Kilokalorien verbrannte.

70.000 Kilokalorien auf Nordkap-Fahrt verbrannt

„Wenn Christian nicht radelte oder schlief, hat er gegessen – am liebsten Fisch“, erzählt Evelyne. Die Ernährung war bewusst eiweißreich und zuckerarm, und sollte die rasche Regeneration unterstützen. Zusätzlich nahm er Fußbäder, spezielle Cremes und Nahrungsergänzungsmittel, um die Ruhepausen bestmöglich zu nutzen und achtete auf einen ausgeglichenen Säure-Basen-Haushalt.

Obwohl Christian keine Leistungseinbrüche wie beim „Race around Austria“ hatte, gab es auch Motivationstiefs. „Am zweiten Tag in Finnland bat mich Christian nach etwa 50 km Fahrt darum, ein Hotel zu suchen, da er nicht mehr fahren wollte. Da das nächste Hotel jedoch 300 km entfernt war, musste er weiterradeln“, erzählt Evelyne. Als sie nach 350 km, die Christian mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 34 km/h zurücklegte, dort ankamen, war die Stadt wegen der Mitternachtssonne in Partystimmung. Die drei Mostviertler mussten jedoch noch ein wenig warten, bis sie feiern konnten, denn nun begann der härteste Teil der Reise. Endlose Straßen, eisige Kälte vom Nordpol, starker Wind, drei Tage Dauerregen und ein Ende, das nicht kommen wollte, waren Christians Gegner auf seinem Weg ans Nordkap. Dennoch saß er täglich acht bis zehn Stunden am Rad und fuhr dabei noch über 200 Kilometer.

Am 3. Juli gellte ein Schrei durch den Nebel am „Ende der Welt“.

Das Nordkap in Norwegen ist der nördlichste Punkt des europäischen Festlands. Hier trifft der Atlantik auf die Arktik. Die örtlichen Wetterphänomene können dabei schon einmal auch die Sicht etwas einschränken. Davon hat sich Familie Bruckner vor Ort selbst überzeugen können.
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Nach 2.340 Kilometer und 77 Stunden reiner Fahrzeit hatten Christian, Evelyne und Emilia ihr Ziel erreicht, das Rad unter das Denkmal mit der Weltkugel gestellt und lagen sich in den Armen. Nun begann der gemütliche Teil der Reise - die Rückfahrt, bei der Christian die Strecke aus einer bequemeren Position kennenlernte und ihm seine Leistung bewusst wurde. Christians Begleiter und Weggefährten wussten, dass die Reise zum Nordkap keine Spazierfahrt ist. Auch wenn sie nicht vor Ort waren, begleiteten sie das Abenteuer auf Christians Homepage und seinen Social-Media-Kanälen, die laufend aktualisiert wurden.

Auf die Frage, wohin ihn die nächste Reise führen wird, hat Christian sofort eine Antwort: „Zum Meer! Ich möchte mit dem Rad in einem Tag an die Adria fahren. Wer weiß, vielleicht schon in den nächsten Wochen.“ Bevor er sich der nächsten Herausforderung stellen wird, möchte er Vorträge über das Projekt Nordkap halten. Dort gibt es die Möglichkeit, seine Erlebnisse von der „Radreise zum Ende der Welt“ aus erster Hand zu erfahren.