Johann Schlemmer marschierte zu Fuß nach Frankreich. Mit nur einem Paar Schuhen legte Johann Schlemmer (62) aus Ferschnitz 2.300 Kilometer des Jakobswegs vom Heimatort bis zur französisch-spanischen Grenze zurück.

Von Daniela Führer. Erstellt am 08. September 2020 (05:55)

Jeden Tag waren es im Schnitt 31,5 Kilometer, die der Ferschnitzer Johann Schlemmer (62) in knapp zweieinhalb Monaten Fußmarsch zurückgelegt hat – entlang des berühmten Jakobsweges, dessen Begehung bis Spanien er sich schon seit Jahren in der Pension zum Ziel gemacht hat.

Aufgrund der Coronakrise schien das Vorhaben mit mehreren Länderüberquerungen aber zunächst im Frühjahr unter keinem guten Stern zu stehen. Doch die raschen Lockerungen der Corona-Maßnahmen Ende Mai ließen doch noch auf einen guten Reiseverlauf hoffen.

Am 9. Juni war es soweit. Der pensionierte Unternehmer und Tischlermeister schnallte seinen Rucksack um und verließ sein Haus. Bei Zeillern stieg er in den Jakobsweg ein. Die ersten Wochen hatten es auch gleich in sich: Strömender Regen und fehlende oder falsch gesetzte Wegpfeile gestalteten die Tour am österreichischen Jakobsweg oft mühsam. „In der Schweiz waren die Wegmarkierungen dann nahezu perfekt, wenn sie nicht komplett zugewachsen waren“, schmunzelt er.

In Frankreich wurde die Quartiersuche zusehends schwieriger, nicht nur aufgrund der Fremdsprache: „Einige Herbergen hatten coronabedingt geschlossen. Andere waren wieder von Touristen aus dem eigenen Land ausgebucht. Einmal landete ich nach der vergeblichen Suche nach einer Unterkunft spät abends und nach 50 Kilometern Fußmarsch auf einem Campingplatz, wo mir dann ein anderer Gast dankenswerterweise ein Zelt geborgt hat“, berichtet er.

Überhaupt wurde er stets sehr gastfreundlich empfangen: „In Frankreich kam ich einmal, wieder nach einer längeren Quartiersuche, bei einem älteren Herren unter, der ein Zimmer in seinem Privatquartier frei hatte. Ich hab‘ mich mit ihm lange unterhalten – mittels Google Translator, denn ich konnte kein Französisch und er kein Deutsch. Er ist mit 72 Jahren noch den spanischen Jakobsweg gegangen und hatte viel zu erzählen“, berichtet Schlemmer.

Die ein oder andere Tür in Quartieren repariert

Am Tag darauf, als er für Abendessen, Frühstück und die Nacht zahlen wollte, nahm der Vermieter kein Geld und sagte nur: ‚Wanderer hilft Wanderer‘.“ Doch auch der Tischlermeister gab so manchen Gastgebern mehr als nur sein Geld: „Die ein oder andere Tür konnte ich auch reparieren“, lacht er.

Seine Reise führte ihn nicht ganz an sein Ziel, Santiago de Compostela in Nordspanien, sondern endete in Biarritz kurz vor der französisch-spanischen Grenze nach 2.300 Kilometern. „Es waren heuer wegen Corona nur wenige deutschsprachige Pilger in Frankreich unterwegs. Gegen Ende meines Weges wurde es mit den Kontakten immer weniger. Für mich war dann der Sinn nicht mehr da, ich bin ja ein kontaktfreudiger Mensch und das macht den Jakobsweg ja aus: Dass man immer wieder Menschen trifft, mit denen man sich unterhalten kann“, erklärt er seinen Entschluss, nach 74 Wandertagen in den Flieger zu steigen und nach Hause zurückzukehren. „Mir war aber immer klar, dass dieser Fall im heurigen Corona-Jahr eintreten konnte.“

Das letzte Stück des Jakobswegs in Spanien möchte er schon nachholen: „Sofern es die Gesundheit und die Corona-Bedingungen erlauben.“ Zumindest neue Schuhe braucht er sich für die Fortsetzung nicht mehr zu kaufen: Von drei Paar Sportschuhen, die er mit auf die Reise nahm, hat er dank eines Schuhmachers in Feldkirch nur ein einziges Paar gebraucht.