Hochwasser genau ein Jahr her: „Die Angst steckt in den Knochen“

Erstellt am 27. Juli 2022 | 05:09
Lesezeit: 5 Min
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Gerlinde Preitfellner zeigt, wie hoch das Wasser am 18. Juli 2021 stand - vor und leider auch im Haus.
Foto: Knapp
Vor einem Jahr ergoss sich eine braune Flut ins Haus von Gerlinde und Alois Preitfellner in Senftenegg.
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„Das Elend, wenn auf einmal alles weg ist, was du dir ein Lebtag lang aufgebaut hast, das kann sich niemand vorstellen, der es nicht erlebt hat“, sagt Gerlinde Preitfellner. Sie hat heuer am 18. Juli Ribisel-Marmelade eingekocht, genau wie vor einem Jahr. Damals ahnte sie nicht, dass die eben gefüllten Gläser kurz darauf in schlammigem Bachwasser schwimmen würden.

Zu regnen begonnen hatte es schon am Nachmittag des 17. Juli, einem Samstag, und es hörte nicht mehr auf. „Unser Haus liegt genau zwischen dem Zusammenfluss von Grubbach und Gafringbach. Wir sind Sonntagfrüh natürlich immer wieder schauen gegangen, wie hoch das Wasser darin steht, aber es sah gar nicht so schlimm aus“, berichtet Alois Preitfellner.

Doch dann verstopften Schlamm und Gehölz, die von den Bächen mitgeschwemmt wurden, den Durchlass der Brücke nahe ihres Heims und die Fluten stauten sich. „Innerhalb einer Stunde stand unser Haus eineinhalb Meter unter Wasser und wir haben vom Fenster im ersten Stock auf einen See hinausgeschaut“, berichtet das Ehepaar. Es blieb ihnen nicht einmal Zeit, ein paar persönliche Dinge zu retten, denn es ging ums nackte Überleben. Gerlinde hatte Glück im Unglück. Ihr kleiner Hund war aus Angst in der Küche unter eine Sitzbank gekrochen. „Ich bin hin, habe ihn herausgeholt und war gerade auf den ersten Stufen der Treppe ins Obergeschoß, als neben mir die Haustür vom Wasser aus den Angeln gerissen und hereingeworfen wurde. Ein paar Sekunden früher und sie hätte mich getroffen“, erzählt sie.

Ofen, Möbel, Fenster wurden vernichtet

Schmutzig braunes Wasser ergoss sich wie ein Sturzbach in die Wohnräume, vernichtete Böden, Möbel, technische Geräte und brachte die Familie auch um unwiederbringliche Erinnerungen. „Unsere Hochzeitsfotos sind weg und auch Bastelarbeiten unserer Kinder aus der Kindergartenzeit, die ich aufgehoben habe. Wir waren völlig hilflos und mussten zuschauen, wie das alles hinausschwimmt“, sagt Gerlinde bedrückt. Stunden saß das Paar im Obergeschoß fest. Als die Flut zurückwich, ließ sie 40 Zentimeter hoch Schlamm und Unrat zurück und die Familie stand vor den Trümmern ihrer Existenz.

Die erwachsenen Kinder kamen, um bei den ersten Aufräumarbeiten zu helfen, und viele Freiwillige, die nicht lange fragten, sondern mit Schaufeln anfingen, den Schlamm aus dem Haus zu schaffen, was Schwerarbeit war. „Wir möchten allen danken, die da damals geholfen und uns in den ersten Tagen auch wieder ein Stückchen Hoffnung gegeben haben“, sagen die Preitfellners. Richtig schwer wurde es für sie, nachdem die gröbsten Arbeiten erledigt und die Helfer abgezogen waren. „Wir haben oft bis spät in die Nacht hinein sortiert, was noch zu verwenden ist und was wir wegwerfen müssen. Am Morgen bin ich in die Arbeit und wenn ich heimgekommen bin, haben wir weitergemacht“, erzählt Gerlinde. Der schimmlige Geruch im Haus war kaum auszuhalten, weil die Wände trotz wochenlangen Einsatzes von Trockengeräten noch immer feucht waren. „Und wenn das Wetter umschlägt, riecht man es noch heute.“

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Als das Wasser zurückwich, hatte sich das Heim von Gerlinde und Alois Preitfellner in einen Trümmerhaufen verwandelt.
Foto: Foto privat

Zu all der deprimierenden Arbeit kamen auch noch die finanziellen Sorgen, denn der Katastrophenfonds übernahm zwar einen Teil der Schäden und es gab auch private Spenden, aber die deckten die Kosten für die Sanierung bei Weitem nicht. „Die Heizung, alle Böden, alle Möbel, alle Elektrogeräte und alle Türen und Fenster im Erdgeschoß waren kaputt“, resümiert Alois.

Erschwerend kam die Corona-Pandemie hinzu, die die Instandsetzungsarbeiten verkomplizierte. „In den ersten 14 Tagen hatten wir nicht einmal eine Haustür, weil so schnell keine zu bekommen war. Auf den neuen Ofen haben wir bis Anfang November gewartet. Da war es schon kalt“, erzählt das Paar. Für neue Möbel reichte das Geld nicht, aber da die Preitfellners handwerklich geschickt sind, wurden sie auf Flohmärkten fündig und haben gebrauchte Bänke, Tische und Kästen eigenhändig aufgehübscht.

Gemeinde und Land prüfen Hochwasserschutz

Ein Jahr nach der Katastrophe erinnert den Besucher vor und im Haus kaum noch etwas daran, aber die Erinnerung ist für die Preitfellners noch frisch. Sorgen macht sich das Paar, weil der Bach unterhalb der Brücke fast zugewachsen ist und im Ernstfall das Wasser vermutlich nicht gut genug abfließen könnte.

Bürgermeister Michael Hülmbauer ist diesbezüglich aber schon mit dem Wasserverband Ybbsunterlauf in Kontakt. Der Ortschef berichtet auch, dass die Gemeinde und das Land derzeit mögliche Hochwasserschutzmaßnahmen für den Bereich prüfen. In einigen Wochen sollen Vorschläge am Tisch liegen.

Bis zur Umsetzung werden die Preitfellners jedes Mal, wenn Unwetter angesagt sind oder es sehr stark regnet, bangen. „Denn die Angst steckt in den Knochen“, sagt Gerlinde.

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