Maria Reichartzeder: „Irgendwie bin ich schon stolz“

Erstellt am 21. Mai 2022 | 06:27
Lesezeit: 3 Min
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Maria Reichartzeder hat in der Pension viel vor – unter anderem eine längere Reise in einem alten VW-Golf nach Georgien.
Foto: Schleifer-Höderl
Drei Jahrzehnte gehörte Maria Reichartzeder dem Frauenhaus-Team an. Ende Mai geht sie in den Ruhestand.
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31 Jahre ist es mittlerweile her, dass Maria Reichartzeder gemeinsam mit Ursula Kromoser-Schrammel mit dem Betrieb einer Krisenwohnung begonnen hat, aus der dann das Frauenhaus entstand. „Leicht war es nicht und es gab auch Widerstand, aber heute sind wir eine anerkannte Einrichtung in Amstetten. Da haben wir viel erreicht, irgendwie bin ich schon stolz“, sagt die engagierte Mostviertlerin, die Ende Mai in den Ruhestand geht.

Tatsächlich hat sich gesellschaftspolitisch einiges Positives getan in diesen drei Jahrzehnten, aber Gewalt gegen Frauen gibt es immer noch. „Damals dachten wir, eines Tages wird das Frauenhaus nicht mehr benötigt, da haben wir uns leider geirrt“, sag Reichartzeder. Wenn sie an all die Frauen und Kinder denkt, denen im Frauenhaus geholfen werden konnte, dann hat sich der Einsatz gelohnt. Aber er hat auch bei den Mitarbeiterinnen Spuren hinterlassen. „Freilich bekommst du vieles schier Unfassbares zu sehen und zu hören, das dich auch noch nach Dienstschluss beschäftigt. Du fragst dich oft, wie du all dieses Leid, das Männer Frauen antun, überhaupt verkraften sollst. Aber andererseits macht es dich noch stärker ,gegen Gewalt einzutreten.“ Noch heute freut es Maria Reichartzeder, wenn sie von ehemaligen Bewohnerinnen des Frauenhauses auf der Straße erkannt und angesprochen wird. „Ich kann das Gefühl gar nicht beschreiben, wenn sie mir dann erzählen, dass Gewalt keine Rolle mehr in ihrem Leben spielt.“

Reichartzeder bleibt Vorstandsmitglied

Wenn sie die Möglichkeit hätte, würde die gebürtige Ybbsitzerin sofort wieder Teil des Frauenhaus-Teams werden. „Die letzten beiden Pandemie-Jahre mit den Lockdowns waren allerdings sehr hart, die haben mich ordentlich gefordert. Diese enorme Flexibilität – ständig hat das Telefon geläutet, gleichzeitig mussten wir Gespräche mit den Frauen führen, die Kinder beschäftigen und keiner durfte raus – da war ich ehrlich gesagt oft am Limit. Ich denke, das hat auch etwas mit dem Alter zu tun. Früher hätte ich nur gelacht darüber. Jetzt ist es aber an der Zeit, der nächsten Generation den Weg freizumachen“, sagt Reichartzeder. Sie glaubt zwar schon, dass ihr das Frauenhaus fehlen wird, aber als Vorstandsmitglied bleibt sie ihm ja noch verbunden. Einen „Pensionsschock“ befürchtet Reichartzeder auch deshalb nicht, weil sie sehr in der Persenbeuger Flüchtlingshilfe engagiert ist. Und da ist im Moment viel zu tun. „Wir betreuen Ukrainerinnen und helfen ihnen beim Ankommen“, sagt Reichartzeder.

Im Juni will sie mit ihrem Mann in der Donau von Wien nach Bratislava paddeln und sie überlegt, eventuell im Sommer auf einer Tiroler Alm auf 2.000 Metern mitzuarbeiten.

Die gesellschaftliche Entwicklung wird Reichartzeder auch in der Pension aufmerksam verfolgen. „Denn, Obacht – auch wenn ich mir in meinem Alter nichts mehr beweisen muss – wenn’s erforderlich ist, dann kann ich schon noch ordentlich auf die Barrikaden steigen!“

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