Seitenstettner Alois Schlager: „Mein Herz schlägt für meine Heimat“

Erstellt am 13. Juni 2022 | 06:16
Lesezeit: 6 Min
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Alois Schlager vor dem Meierhof in Seitenstetten: „Hier waren früher viele Arbeiter beschäftigt und hier ist sozusagen auch die Seitenstettner SPÖ geboren worden.“ 60 Jahre stand die Familie Schlager an der Spitze der Partei.
Foto: Knapp
Alois Schlager scheidet aus der Gemeindepolitik aus. Damit geht in der Seitenstettner SPÖ eine Ära zu Ende.
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NÖN: Sie waren 42 Jahre in der Gemeindepolitik aktiv. Jetzt haben Sie Ihr Mandat zurückgelegt. Sind Sie amtsmüde?
Alois Schlager: Ich werde am 20. Juni 70 Jahre und ich habe schon immer gewusst und intern gesagt, dass das für mich der Zeitpunkt ist, an dem ich mich zurückziehe und meinen Kollegen alles Gute für die Zukunft wünsche.

Mit Ihrem Ausscheiden aus dem Gemeinderat geht in Seitenstetten eine Ära zu Ende.
Schlager: Ja, denn die SPÖ und die Familie Schlager gehörten in den letzten 60 Jahren zusammen. 1963 hat mein Vater die Partei übernommen. Meine Mutter war nicht begeistert, weil sie Nachteile für ihre fünf Kinder befürchtete und tatsächlich habe ich in meiner Schulzeit aufgrund des politischen Engagements meines Vaters psychischen Druck erlebt. Ich erinnere mich, dass ein Lehrer einmal an mir gerochen und dann gemeint hat: ,Schlager, schau, dass deine Mutter die Kleider ordentlich wäscht. Du stinkst.‘ Solche Untergriffe gab es immer wieder. Ich wurde auch der Unterschriftenfälschung bezichtigt, obwohl die Unterschrift von meinem Vater stammte und er das bestätigte. Auch die schlechten Noten in den Hauptfächern waren nicht allein durch schlechte Leistungen in der Schule zu erklären.

Sie haben sich aber nicht von einem politischen Engagement abbringen lassen?
Schlager: Der starke Druck hat uns als Familie motiviert, dass wir zusammenhalten, der Mehrheit die Stirn bieten und durch gute Arbeit überzeugen. Freundschaften sind allerdings nur innerhalb der SPÖ entstanden. Auch viele, die politisch nicht engagiert waren, haben Distanz gehalten, weil sie sonst Nachteile fürchteten. Ich bin 1968 der Partei beigetreten und 1980 in den Gemeinderat gekommen. Insgesamt war mein politisches Leben eine spannende Zeit und ich habe viele gute Bekanntschaften innerhalb der Partei gemacht. Auf Bezirks- und bis hinauf zur Bundesebene habe ich dabei ein großes Netzwerk entwickelt, mit dem ich gut arbeiten konnte.

Beruflich waren Sie ja auch als Betriebsrat aktiv?
Schlager: Ja, ich war von 1994 bis 2013 Betriebsratsvorsitzender bei CNH Österreich. Ich habe mich 1967 bei den Steyr-Werken, wie sie damals noch hießen, beworben und bin der Firma mein Berufsleben lang treu geblieben. Betriebsrat bin ich geworden, weil ein neuer Geschäftsführer damals meine kleine Abteilung aufgelöst hat und ich der Meinung war, dass das eine falsche Entscheidung war. Deshalb habe ich mich dann in der Personalvertretung engagiert. Ich habe nie den Kopf hängen lassen, wenn etwas nicht ging.

Mit wie vielen Bürgermeistern haben Sie eigentlich zusammengearbeitet?
Schlager: Mit fünf. Die ersten Gemeinderatssitzungen, an denen ich teilnahm, waren noch im Sparkassengebäude. Dann übersiedelten wir in die Volksschule und schließlich in den neuen Gemeindesaal. An Bürgermeister Pfeiffer erinnere ich mich noch sehr gut. Wir haben zwar im Gemeinderat oft harte Duelle ausgefochten, aber im Wirtshaus haben wir uns dann immer wieder zusammengesetzt.

Was waren Ihre größten Erfolge in diesen 42 Jahren?
Schlager: Politisch gesehen war das die Gemeinderatsperiode von 2015 bis 2020. Da haben wir mit fünf Mandaten unseren Höchststand erreicht, und gemeinsam mit den Grünen hat uns nur ein Mandat gefehlt, um die Zweidrittelmehrheit der ÖVP zu knacken.

Und inhaltlich? Worauf sind Sie besonders stolz?
Schlager: Was mich wirklich freut ist, dass sich Praevenire in Seitenstetten etabliert hat. Es ist zu einem Ort geworden, wo Ideen für die Zukunft der Gesundheitsversorgung der Bevölkerung geboren werden. Auch das Bürgerforum, bei dem brennende Gesundheitsthemen besprochen werden, wie zuletzt die Demenz, ist eine wichtige Veranstaltung. Da würde ich mir mehr Beteiligung vonseiten der Gemeindepolitik wünschen.
Glücklich bin ich auch darüber, dass in Seitenstetten jetzt ein Ärztezentrum gemacht wird. Ich habe ja schon vor Jahren vorgeschlagen, den alten ebenerdigen Kindergarten dafür zu nutzen und den neuen woanders zu bauen. Durch das Schwesternhaus hat sich endlich eine Chance ergeben, so ein Projekt zu verwirklichen. Bei der Praevenire-Tagung hat kürzlich ja Landesrat Eichtinger betont, dass Primärversorgungszentren in NÖ die Zukunft sein werden. Das ist eine Bestätigung meiner jahrelangen Bemühungen.
Ein wichtiges Thema, bei dem wir uns als SPÖ stark eingebracht haben, war die Nordumfahrung, weil sie eine Entlastung des Ortskerns bedeutete. Es war ein zähes Ringen.

Was wünschen Sie sich für Seitenstetten in der Zukunft?
Schlager: Ich wünsche mir, dass bei allen Interessensunterschieden mehr gemeinsam gearbeitet wird. Wenn alle zusammenhelfen, entstehen einfach bessere Ideen für unsere Heimatgemeinde. Seitenstetten ist ein schöner Wohnort im Sternpunkt zwischen Waidhofen, Steyr und Amstetten. Das macht uns für Zuzügler attraktiv. Für die Bevölkerung wünsche ich mir, dass sie mehr mitgestalten kann. Es gibt eine aufgesetzte Bürgernähe und eine wirkliche Bürgerbeteiligung. Das Zweite fehlt mir und das liegt an der Art, wie die ÖVP Politik macht. Ich habe den Eindruck, sie hat Sorge, Ideen, die die Leute einbringen, nicht lenken und beherrschen zu können.

Wie war Ihr Verhältnis zurregierenden ÖVP? 
Schlager: Ich habe es nicht so negativ empfunden, aber es war natürlich schwierig. Aus meiner Sicht wäre es wichtig, dass die ÖVP öfter den Mut hat, Dinge, die von oben, also zum Beispiel vom Land, vorgegeben werden, zu hinterfragen, ob sie auch Sinn für Seitenstetten machen.

Wie sehen Sie die Zukunft der SPÖ in Seitenstetten?
Schlager: Hubert Henickl wird die Aufgaben als geschäftsführender Gemeinderat übernehmen. Wer statt mir in das Gremium nachrückt, wird die Partei rechtzeitig entscheiden. Vielleicht ist mein Rückzug ja eine Chance für die Partei. In diesen 60 Jahren hat sich das Bild der Schlager-SPÖ in den Köpfen festgesetzt. Jemand mit so langer politischer Erfahrung, kann vielleicht auch abschreckend auf junge Leute wirken, sodass sie sich nicht trauen, sich einzubringen. Da entsteht nun ein neuer Freiraum. Politisch würde ich mir wünschen, dass es nach der nächsten Gemeinderatswahl keine Zweidrittelmehrheit der ÖVP mehr gibt, damit die kleinen Parteien mehr mitreden können.

Haben Sie so etwas wie ein politisches Credo?
Schlager: „Be hard on the problem, soft on the people.“ Wenn man sich für etwas einsetzt, soll man so kantig sein, dass man auch gespürt wird, aber man soll nie verletzend sein.

Wie sieht Ihre persönliche Zukunft aus. Sie leben ja teilweise in Deutschland.
Schlager: Ich werde auch künftig viel Zeit in Seitenstetten verbringen. Mein Liebesherz ist ja aus Berlin, mein Gestaltungsherz schlägt für meine Heimat. Ich werde die Entwicklung der Gemeinde weiterhin verfolgen und biete meinen Freunden auch meinen Rat an. In der SPÖ-Ortsgruppe werde ich noch bis Herbst wirken. Ich möchte mich dem Aquarellmalen widmen. Da habe ich schon vor längerer Zeit einen Kurs bei Professor Swoboda gemacht, aber bisher keine Zeit gehabt, meine künstlerische Ader auszuleben.

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