Vereinsjubiläum in Amstetten: „Gutes Leben für alle“. Vor dreißig Jahren wurde der Verein „Gemeinsam für EINE Welt“ gegründet und der Weltladen eröffnet.

Von Doris Schleifer-Höderl. Erstellt am 09. April 2021 (04:38)
Katharina Krammer, Maria Irauschek und Ernst Gassner sind überzeugte Fairtrader. „Unsere Gemeinschaft wächst von Jahr zu Jahr. Und die Pandemie zeigt uns eindeutig auf, dass Leben und Leben lassen das Gebot der Stunde ist!“
Doris
Schleifer-Höderl, Doris
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„Die Pandemie zeigt uns auf, dass die Welt ein Dorf ist, auch wenn das noch immer nicht alle glauben wollen“, meint Ernst Gassner vom Weltladen Amstetten, Vorsitzender der ARGE Weltläden und Vorstandsmitglied von Fairtrade Österreich. In einem Dorf trage jeder für den anderen Verantwortung. Deshalb sei es wichtiger denn je, den Slogan „Leben und leben lassen“ zu verinnerlichen.

„Fair-ändern“ war schon immer die Devise von Ernst Gassner und so tat sich einst eine Gruppe junger Leute in Amstetten voller Tatendrang und Freude zusammen. „Uns war Solidarität mit den Ländern des Südens wichtig“, berichtet Gassner. „So engagierten wir uns Anfang der 80er-Jahre auch als Nicaragua-Solidaritätskomitee. Solche Gruppen existierten an vielen Orten Österreichs und Europas“, erinnert sich Gassner zurück. Nach etwa zehn Jahren, Ende 1990, gründete man dann den Verein „Gemeinsam für EINE Welt“. Er fungiert bis heute als Träger des Weltladens.

Verkaufsfläche mit

„Aus Geschichten werden Produkte, die von Leuten berichten, die sie unter fairen Bedingungen in Afrika, Asien und Lateinamerika herstellen.“ Ernst Gassner vom Weltladen Amstetten

18 Quadratmeter

Am 1. März 1991 wurde der Weltladen schließlich in der Bahnhofstraße mit einer Verkaufsfläche von 18 Quadratmetern eröffnet. „Die Ladeneinrichtung war ziemlich improvisiert. Wichtige Unterstützung kam damals von den beiden engagierten Priestern Karl Gravogel und Franz Sieder. Sie ermöglichten uns das Startkapital. Wir hatten auch von Beginn an eine Angestellte, damals gefördert von der sogenannten Aktion 8.000. Maria Irauschek ist bis heute unsere großartige Geschäftsführerin.“

Doch einfach hatten es Ernst Gassner und seine Mitinitiatoren anfangs nicht. So wurde man als „Exot“ und „Jutesackträger“ betitelt. „Und das waren noch ehrenvolle Bezeichnungen“, meint Ernst Gassner schmunzelnd. Das Team sei belächelt worden und kaum einer habe geglaubt, dass die Sache mit dem fairen Handel aufgehen würde.“

Mit dem Standortwechsel an die Adresse Hauptplatz 43 mit 100 Quadratmetern Verkaufsfläche kam dann die Wende. „Die verschrobenen Öko-Fuzzis“ haben sich etabliert. Heute reicht die Kundschaft vom 13-jährigen Teenie bis zur 90-jährigen Pensionistin.

Wenn Ernst Gassner auf 30 Jahre Weltladen zurückblickt, dann geht ihm durch den Kopf, wie großartig es doch ist, wie es sein Team geschafft hat, den Menschen in der Region etwas vom fairen Handel erzählen zu können. „Aus Geschichten werden Produkte, die von Leuten berichten, die sie unter fairen Bedingungen in Afrika, Asien und Lateinamerika herstellen. In Amstetten sind diese Dinge zu kaufen und bereichern das eigene Leben. Was gibt es Erfreulicheres?“ Ernst Gassner und sein Team haben es geschafft, dass Fairtrade mittlerweile zum guten Ton gehört. Ob Lebensmittel, Schmuck und Accessoires, Taschen und Lederwaren, Körperpflegeprodukte, Home-Style oder bio-faire Mode – man weiß, alles ist fair produziert. „1993 haben wir – die Weltläden waren Mitgründer – den Verein Transfair Österreich ins Leben gerufen.

Nun, 28 Jahre später, gibt es unzählige Produkte mit dem Fairtrade-Gütesiegel. Als aktuellstes Beispiel kann ich auf ein klassisches österreichisches Produkt verweisen: Die Manner-Schnitten sind jetzt fairtrade-zertifiziert.“

Doch wie wirkt sich eigentlich die Pandemie auf die Produzentinnen und Produzenten der Weltläden aus? „Der Corona-Virus hat viele, vor allem durch die Shut-downs, stark getroffen“, so Ernst Gassner. „Die Covid-19-Fälle im globalen Süden nehmen weiterhin zu und die Ausgangssperren und -beschränkungen führen zu Produktions- und Lieferstopps und damit Einkommensverlusten. Für die ohnedies oft schwache Wirtschaft und vor allem die armen Bevölkerungsschichten ist diese Infektionskrankheit verheerend.“

Den Partnerorganisationen gehe zusehends die Luft aus und die finanziellen Rücklagen würden oft nicht reichen, um die laufenden Ausgaben ohne Produktion und ohne staatliche Unterstützung zu decken. „Hier sind die Vorauszahlungen und Aufträge der fairen Handelspartner und Lieferanten aus dem globalen Norden gerade notwendiger denn je. Unser österreichweiter Weltläden-Soforthilfefonds, gestartet im Mai 2020, konnte da helfen“, erzählt Gassner. Bis dato konnten hier 90.000 Euro lukriert und an die Produzentinnen und Produzenten überwiesen werden. „Es ist aber noch nicht vorbei“, unterstreicht Gassner.

Auf die Frage, ob sich die Corona-Pandemie nicht auch dahingehend positiv auswirken kann, dass sich fairer Handel noch mehr in unseren Köpfen manifestiert, meint er: „Da bin ich nicht so optimistisch! Der Großteil der Wirtschaft wird sich nicht so schnell ‚fair-ändern‘. In den Weltläden arbeiten wir aber schon immer Hand in Hand mit den Produzenten. Die sogenannte Lieferkette ist sehr kurz und gut sichtbar. Der Weg von der Kaffeebäuerin oder der Näherin zu uns ins Weltladen-Regal ist einzigartig.“

Derzeit gäbe es österreichweit 86 Weltläden, in Niederösterreich sind es 23. Wesentlich sei jetzt jedenfalls, dass noch mehr Menschen zu fair gehandelten Produkten greifen. Und was wünscht sich Ernst Gassner für die kommenden dreißig Jahre Weltladen? „Der faire Handel muss selbstverständlich werden und damit zu einem guten Leben für alle Menschen weltweit beitragen.“