NS-Lager: Dunkle Jahre in Amstetten. In der Stadt gab es in der NS-Zeit viele KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter.

Von Hermann Knapp. Erstellt am 23. Juni 2021 (04:33)

Das Bundesdenkmalamt hat es sich zur Aufgabe gemacht, eine Liste der NS-Opferlager in Österreich zu erstellen. 2.113 haben Archäologen in zwei aufeinanderfolgenden Forschungsprojekten bereits dokumentiert. Von den wenigsten Lagern sind heute noch Überreste wie zum Beispiel Mauern oder Baracken erhalten, weshalb eine Zusammenführung der Daten und wissenschaftliche Dokumentation umso dringlicher erscheint.

Bei zwei Drittel dieser Lager, die auch Lager von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern umfassen, wurde durch intensive Forschungen und unter Verwendung der GIS-Atlanten der Bundesländer, Orthofotos und Lidar-Bildern eine parzellengenaue Lokalisierung erreicht. Bei etwa einem Drittel bleibt die genaue geografische Lage bislang ungeklärt.

Arbeiterlagerin Biberbach Oismühle

Auch im Bezirk Amstetten gibt es Lager, deren genauer Standort ungeklärt ist – jenes in Biberbach Oismühle zum Beispiel. Da sind die Informationen spärlich. Gut erforscht und dokumentiert sind hingegen die Lager in der Stadt Amstetten.

Das KZ-Außenlager Amstetten Bahnbau I war in der Grillparzer-straße (heutige Voralpensiedlung) situiert. Ursprünglich war es als Panzerlager gedacht, 1945 wurde es aber zu einem der letzten Außenlager des KZ Mauthausen umfunktioniert.

Bis zu 3.000 männliche KZ-Häftlinge dürften dort untergebracht worden sein. Sie sollten die Bahnanlagen instandsetzen, die durch alliierte Bombenangriffe zerstört worden waren. Am 19. April 1945 wurde das Lager aufgelöst, weil die Rote Armee im Anmarsch war. Der Großteil der Häftlinge wurde ins KZ Ebensee getrieben.

Zahl der Todesopfer unklar

Wie viele Menschen in diesem Lager umkamen, ist nicht klar, mehrere Morde sind belegt und auch, dass zahlreiche Häftlinge aufgrund der katastrophalen Versorgung und der gefährlichen Arbeit – sie mussten Bombenblindgänger räumen – umgekommen sind.

Ebenfalls dokumentiert ist in Amstetten das KZ-Außenkommando Amstetten Bahnbau II . Dabei dürfte es sich aber um ein Pendellager gehandelt haben, die Häftlinge waren also nicht fix in Amstetten untergebracht.

Mit diesem Lager ist eine der größten Tragödien in Amstetten im Zweiten Weltkrieg untrennbar verbunden. Am 20. März 1945 wurden 500 weibliche KZ-Häftlinge (aus Frankreich, Sowjetunion, Polen, Ungarn und Belgien) aus dem KZ Mauthausen beim Amstettner Bahnhof für Aufräumarbeiten eingesetzt.

Viele Frauen bei Angriff getötet

Am Nachmittag des 20. März kam es zu einem der größten Bombenangriffe auf die Stadt. Die Häftlinge durften nicht in die Luftschutzstollen und flüchteten mit ihren Bewachern in ein Waldstück in Eisenreichdornach, wo sie aber getroffen wurden. Die Bomben warfen Bäume auf Menschen und schleuderten umgekehrt Körper in Baumkronen.

Mindestens 34 Menschen starben, viele erlagen noch später ihren Verletzungen, weil es keine medizinische Versorgung für sie gab.

Vermutlich in der Viehdorferstraße dürfte das Zwangsarbeiterlager Klee und Jäger gelegen haben. Die Wiener Firma war ab Anfang 1944 mit dem Bau der groß angelegten Amstettner Luftschutzstollen in der Reitbauernsiedlung und am Krautberg beauftragt, die der gesamten Amstettner Bevölkerung Platz bieten sollten.

Wer nicht mehr arbeiten konnte, wurde getötet

Dafür eingesetzt wurden vor allem sowjetische Zwangsarbeiter, aber auch ungarisch-jüdische Häftlinge. Wenn sie nicht mehr arbeiten konnten, wurden sie getötet. Die Überlebenden wurden in die KZ Mauthausen, Gusen und Ebensee transportiert und die meisten von ihnen dort ermordet.

In Amstetten gab es noch eine bis heute nicht geklärte Zahl an weiteren Zwangsarbeiterlagern, vermutlich zehn bis 20. Im Reitbauernhof waren ab 1940 kriegsgefangene Franzosen untergebracht, die in Amstettner Betrieben Zwangsarbeit leisten musten.

Bei der Firma Hopferwieser waren von Sommer 1944 bis Frühling 1945 Häftlinge des KZ Melk beschäftigt. Die Firma lieferte Bauholz für Stollenanlagen, das von den Häftlingen in Amstetten geschnitten wurde. Neben den KZ-Häftlingen waren auch viele Zwangsarbeiter in den Baracken in der Reichsstraße untergebracht.

Alle im Artikel angeführten Informationen wurden der NÖN dankenswerterweise vom Amstettner Stadtarchiv zur Verfügung gestellt.

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