Allgemeinmediziner Weinhart: „Gemeinde ist ignorant“. Allgemeinmediziner Josef Weinhart wirft Amstetten vor, die Ärzte zu wenig zu schätzen. Seine Kritik entzündet sich dabei an der Tourismusabgabe, die er leisten muss.

Von Hermann Knapp. Erstellt am 26. November 2019 (03:12)
Dr. Josef Weinhart ärgert sich über die Gemeinde.
Hudler

Gar nicht gut auf die Stadt zu sprechen ist der Allgemeinmediziner Josef Weinhart. „Es gibt wohl kaum eine andere Gemeinde, die so ignorant mit ihren Ärzten umgeht wie Amstetten“, sagt er und führt als Beweis dafür die jährlich fällige Tourismusabgabe an. Schon seit Jahren liegt er diesbezüglich mit der Stadt im Clinch. „Ich verstehe nämlich nicht, warum ich als Arzt in einem Ortsteil, in dem es eigentlich keinen Tourismus gibt, solch eine Abgabe zahlen muss“, sagt der Mediziner. Kollegen aus anderen Gemeinden müssten das nicht (Erklärung dafür siehe unten).

Vor drei Jahren hat Weinhart noch 110 Euro Tourismusabgabe geleistet. Heuer waren es 220 Euro, weil er durch den langen krankheitsbedingten Ausfall seines Kollegen Werenfrid Heger in Neufurth und durch die Pensionierung von Leopold Klem in Mauer viel mehr Patienten zu betreuen hatte.

„Allein am 4. März hatten wir, Anrufe und Rezeptausgaben eingerechnet, in der Ordination 359 Patientenkontakte“, berichtet Weinhart. Ein Wort des Dankes von den Verantwortlichen, dass er die Grundversorgung der Bevölkerung sicherstelle, habe er aber nie gehört. „Ich habe mein Privatleben und meine eigenen Sozialkontakte auf ein Minimum reduziert, neue Mitarbeiter aufgenommen und neue Computer angeschafft. Und die einzige Reaktion der Stadt darauf war die Erhöhung der Tourismusabgabe, weil ja durch die größere Zahl an Patienten auch mein Umsatz gestiegen ist. Es geht mir nicht um die 220 Euro, es geht ums Prinzip“, sagt der Allgemeinmediziner.

Weinhart richtet seine Kritik aber durchaus auch an das Land. Denn da mangle es ebenfalls an Unterstützung der praktischen Ärzte. Wien sei dafür ein gutes Beispiel. „Denn dort fördert die Stadt im Problembezirk Favoriten, wo es zu wenig Hausärzte gibt, jede neue Ordination mit 44.000 Euro“, berichtet der Mediziner.

Erhöhung gegen den Willen der Stadt

Mehr Wertschätzung erfährt der Arzt immerhin durch die Patienten. Bei diesen ist das Bewusstsein, wie wertvoll ein Hausarzt ist, im Gegensatz zur Politik offenbar gestiegen.

Bürgermeisterin Ursula Puch ebner lässt sich in Sachen Tourismusabgabe nicht den schwarzen Peter zuschieben, sondern reicht ihn an das Land weiter.

Im Jahr 2016 habe die Stadt sich noch erfolgreich gegen eine Höherstufung in die Tourismusklasse I gewehrt. Im April 2018 habe das Land dann aber mitgeteilt, dass anhand einer Gesamtbetrachtung der Maßzahlen und des Tourismusangebots mit wirtschaftlicher Bedeutung Amstetten in die Ortsklasse I eingestuft werden müsse. „Wir haben erneut dagegen argumentiert und darauf verwiesen, dass durch eine Höherstufung die Wirtschaft und vor allem die Abgabepflichtigen, die aus Tourismus keinen bzw. den geringsten Nutzen ziehen, über Gebühr belastet werden“, berichtet die Stadtchefin. Dennoch habe das Land mit 1.1.2019 die Erhöhung in Kraft gesetzt.

Puchebner bestätigt, dass Weinhart eine Eingabe dagegen gemacht habe, eine Nachsicht sei gesetztlich aber nicht möglich.

Dass die Situation der niedergelassenen Ärzte mehr als angespannt ist, sei ihr bewusst, sagt die Stadtchefin. „In einem Gespräch mit den Allgemeinmedizinern vor einigen Monaten hat sich herausgestellt, dass alle am Rande des Leistbaren arbeiten. Unisono waren sie der Meinung, dass es strukturelle Veränderungen braucht, um die Lage zu entspannen. Ich versuche immer wieder, wo ich die Möglichkeit habe, um mehr Ärzte für Amstetten zu werben. Doch – und das sieht man auch in den Umlandgemeinden – die Lücken, die durch Pensionierungen entstanden sind, können leider nicht gefüllt werden.

Damit verteilen sich die Patienten immer mehr auf die noch vorhandenen Ärzte, was die Situation verschärft“, sagt Puchebner. Gebietskrankenkasse und Ärztekammer müssten daher dringend eine Überarbeitung des Honorarkatalogs überlegen, damit junge Ärzte verstärkt in den niedergelassenen Bereich gehen.

Keinesfalls für sinnvoll hält die Stadtchefin es, wenn Gemeinden anfangen, mit finanziellen Zuckerln um Ärzte zu konkurrieren.