Michael Garschall: „Fasten ist ein Akt der Befreiung“. Blindenmarkts Herbsttage-Intendant Michael Garschall im Gespräch darüber, was Fastenzeit für ihn bedeutet, ob Verzicht heute schon „Lifestyle“ ist und Folgen des Überflusses.

Von Leopold Kogler. Erstellt am 18. Februar 2021 (15:43)
Herbsttage Blindenmarkt-Intendant Michael Garschall
Gerhard Wagner

NÖN: Fastenzeit. Es ist die Zeit, in der sich viele Menschen vornehmen, auf gewissen Luxus oder auf Angewohnheiten zu verzichten. Was bedeutet für Sie Fastenzeit?

Michael Garschall: Fastenzeit bedeutet für mich nicht nur der bewusste Verzicht auf bestimmte Lebensmittel wie Alkohol, Fleisch oder Süßigkeiten. Fastenzeit ist für mich vor allem eine Lebenseinstellung: ein Rückzug, ein Loslassen und damit verbunden eine Übung in Selbstdisziplin. Fasten ist ein geistiges Experiment, um seinen Blick zu schärfen und Dankbarkeit zu zeigen. Dabei halte ich mich an die christliche Ansicht: „Faste, aber lass‘ es die anderen nicht merken.“ Denn schließlich soll das Ganze ja nicht zur Alibi-Aktion vor anderen werden.

"Überfluss macht uns nicht glücklicher, sondern verführt vielmehr zur Maßlosigkeit."

Ist für Sie Fasten eine Form der Bewährung? Gehört Fasten zu einem „guten“ Leben? Welchen Stellenwert hat Fasten für Sie?

Fasten ist nie Selbstzweck, sondern ein Akt der inneren Befreiung. In jeder der monotheistischen Religionen der Welt hat das Fasten einen wichtigen Stellenwert. Die Fastenzeit soll den Menschen den Spiegel vorhalten und dazu anleiten, bestimmte Dinge im Leben zu überdenken. Ich meine damit etwa den Lebensstil, moralische Prinzipien und gute Vorsätze, die man vielleicht gebrochen hat. Ich persönlich faste bewusst mehrmals im Jahr. Oft fällt es mir nicht leicht, Maß zu halten, beharrlich zu sein, Nein sagen zu können und bestimmte Dinge bewusst zu tun, die man sonst im Alltag eher vermeidet.

Die Kultur des Fastens steht für mehr als nur freiwilligen Nahrungsverzicht. Warum denken Sie, fastet man?

Fasten im religiösen Sinn ist eine Reinigung von Körper und Geist. Ein Abwerfen von überflüssigem Ballast, der sich im Laufe eines Jahres angesammelt hat. Ein Innehalten und Nachdenken über sich selbst. Eine heilsame Erfahrung. Fasten ist eine Geisteshaltung und verlangt viel Beherrschung in körperlicher und geistiger Hinsicht. „Denn wer gesund leben will, braucht ein Gespür dafür, was er seinem Leib und seiner Seele zutrauen kann“, wie es Anselm Grün in „Die Kunst, das rechte Maß zu finden“ formuliert.

Religion hat heute nur noch einen geringen Einfluss auf den Alltag. Trotzdem verzichten viele Frauen und Männer auf Alkohol, Süßes oder Fleisch. Ist diese Askese zum Lifestyle geworden?

Das ist eine schwer zu beantwortende Frage. Enthaltsamkeit ist in unserer schnelllebigen Zeit für viele zum Lifestyle-Produkt geworden wie Yoga oder Fernreisen. Den Körper zu entschlacken, um jünger, fitter, sportlicher oder attraktiver zu wirken, ist ein Ziel, dem viele Menschen hinterherlaufen. In dem Überangebot an Lebenshilfen haben viele Menschen ihre eigene Spur verloren und die dahinter liegende Geisteshaltung kommt zu kurz. Denn was bedeutet denn Askese? Die Erlangung von Fertigkeiten zur Festigung und Selbstkontrolle des Charakters. Diese Askese erlange ich, indem ich freiwillig auf bestimmte Annehmlichkeiten verzichte und nicht, um einem bestimmten Gesellschaftsideal zu entsprechen.

„Wer mit permanenter Fülle konfrontiert wird, sehnt sich nach Leere“, schreibt der Philosoph Thomas Macho. Man ist ja heute gewöhnt, dass immer etwas da ist. Wie interpretieren Sie diese Aussage?

Überfluss macht uns nicht glücklicher, sondern verführt vielmehr zur Maßlosigkeit. Mir fällt in diesem Zusammenhang ein schönes Zitat ein: „Nur mit leeren Händen kann man nach Neuem greifen“. Wenn man im Konsumrausch steckt, dann fallen dir Kleinigkeiten nicht mehr auf. Aber das Leben ist auch im Kleinen lebenswert. Ich reise zum Beispiel sehr gerne. Und wenn ich in Länder des Südens komme, dann wird man demütig und zufriedener. Wieder zu Hause stellt man dann fest, wie gut es einem doch geht. Denn je weniger man hat, desto glücklicher ist man. Schließlich hat das letzte Hemd keine Taschen...