Interview mit einer Ukrainerin: „Es fühlte sich nicht echt an“

Erstellt am 09. März 2022 | 03:33
Lesezeit: 4 Min
Viktoria Vovkanets
Die gebürtige Urkainerin Viktoria Vovkanets lebt sei 2016 in Österreich. Sie macht sich Sorgen um ihre Verwandten und Bekannten in der Ukraine.
Foto: privat
Viktoria Vovkanets, eine gebürtige Ukrainerin, die seit 2016 in Österreich in der Gemeinde Öhling lebt und arbeitet, schildert im Gespräch mit der NÖN ihre Sicht des Kriegs in der Ukraine.
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NÖN: Woher aus der Ukraine stammen Sie und haben Sie aktuell noch Familienangehörige vor Ort?

Viktoria Vovkanets: Meine Familie und ich kommen aus dem Westen der Ukraine. Bis zur slowakischen Grenze sind es etwa zwanzig Kilometer. Meine Verwandten und Freunde sind auch momentan dort und haben auch vor, zu bleiben. Dadurch, dass die Situation in der Westukraine nicht ganz so schlimm ist wie im Osten und in der Mitte, will meine Familie die Landsleute, die aus den betroffenen Gebieten kommen, unterstützen. Momentan haben sie auch Freunde, die auf der Flucht waren, in ihrem Haus aufgenommen. Auch meine Schwester wollte in Lwiw weiterstudieren, stattdessen arbeitet sie nun in einem Lager, von wo aus Lebensmittel und Hilfsgüter in den Osten befördert werden.

Wie geht es Ihnen selbst mit der Situation? Was war die erste Reaktion auf den Angriff?

Vovkanets: Ich war einfach schockiert. Es war im ersten Moment ein Gefühl, als wäre es nicht echt. Es war uns klar, dass die Lage nicht komplett ruhig und entspannt war, da es seit 2014 immer wieder Unruhen gab, aber keiner hätte gedacht, dass Russland uns beinahe von allen Seiten angreift. Ein Freund arbeitet in Kiew. Er ist dem freiwilligen Militär beigetreten, um die Stadt zu verteidigen. Am Tag des ersten Angriffs habe ich mit ihm geredet und er hat mir erzählt, er sei von den Einschlägen der Bomben aufgeweckt worden. Alle dachten zuerst, es ist eine militärische Übung, aber kurz darauf waren schon Videos online und dann war es erst allen klar, was da gerade passiert. Für mich persönlich war es die ersten zwei Tage schwer, mich auf irgendetwas zu fokussieren, jetzt denke ich nur daran, wie ich helfen kann.

Was brauchen die Menschen jetzt? Wie kann man von Österreich aus helfen?

Vovkanets: Ich denke, dass die Menschen, die bereits aus der Ukraine ausreisen konnten, erstmal in Sicherheit sind. Viel mehr Hilfe brauchen die, die noch im Land ausharren oder auch versuchen zu fliehen. Oft ist eine Flucht nicht möglich, da es einfach zu gefährlich ist. Und viele ältere Personen können die Reise einfach nicht bewältigen. Es ist nun wichtig, Sachspenden wie Medikamente, konservierte Lebensmittel, Erste-Hilfe-Materialien, Decken, aber auch Helme und Schutzwesten zu liefern. Ich bin auch in Verbindung mit der ukrainischen Gesellschaft Österreich, die sich in Wien in der Postgasse 8 befindet. Dort ist es möglich, direkt Sachspenden abzugeben. Die Organisation transportiert diese an die Grenzen zwischen der Ukraine mit Polen, Slowakei und Ungarn, um sie in die Kriegsgebiete weiter zu befördern. Eine weitere wichtige Sache ist es auch, an Vereine wie Nachbar in Not oder Caritas zu spenden, um Hilfeleistungen vor Ort organisieren zu können. (Spende- Möglichkeiten siehe Infobox).

Wie denken Sie über das Verhalten Europas? Und was ist Ihre Meinung zu Putin?

Vovkanets: Die Sanktionen der EU haben schon Wirkung gezeigt, das sieht man im Wertverlust des russischen Rubels. Die Menschen in Russland müssen die Situation erst erkennen. Ein Beispiel dafür ist meine Cousine, die in Moskau wohnt. Sie sagt, dort wird es dargestellt, als gäbe es keinen Krieg und Putin habe alles im Griff. Die Propaganda dort ist einfach so ausgeprägt, dass sie sich in den Köpfen der Menschen festgesetzt hat und viele blind der Regierung vertrauen. Zusammengefasst kann man sagen, dass die wirtschaftlichen Sanktionen schon helfen, aber es wäre wichtig, dass die NATO doch einschreitet und den Luftraum über der Ukraine sichert. Wie wir alle vor Kurzem gesehen haben, könnte sonst bald ganz Europa in den Krieg aktiv involviert sein, denn wenn ein Atomkraftwerk zerstört wird, breitet sich die Strahlung auch über die Grenzen der Ukraine aus. Ich persönlich glaube nicht mehr an eine Lösung auf dem diplomatischen Weg.

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