Abt Petrus Pilsinger: „Fürchtet euch nicht!“. Abt Petrus Pilsinger über den Trost des Glaubens in der Krise und mögliche Lehren für die Zukunft.

Von Josef Penzendorfer. Erstellt am 20. März 2020 (14:16)
Abt Petrus Pilsinger vom Stift Seitenstetten: „Vielleicht werden wir durch diese Krise dankbarer, was ein großer Schritt wäre.“
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NÖN: Was sagen Sie aus theologischer Sicht zur Corona-Krise. Vielleicht stellt sich ja mancher Gläubige die Frage, warum Gott so etwas zulässt?

Abt Petrus: Theologie, (die Lehre von Gott) betreiben heißt im Grunde genommen nichts anderes, als die Welt und die Geschichte mit den Augen Gottes sehen zu lernen. Dabei haben die Menschen erkannt: Der Lauf der Geschichte ist kein blindes Schicksal, sondern Gott begleitet sein Volk und gibt der Geschichte ihren Sinn. Am Beispiel des Volkes Israel wird diese Erkenntnis in der Bibel dargelegt. Gott verlässt die Menschen nicht. Die Befreiung des Volkes Israel aus der Sklaverei in Ägypten zeigt: Der Weg durch die Wüste in das Gelobte Land war kein Spaziergang. Hunger, Durst, Kriege, Lagerkoller, Giftschlangen, alles das hat das Volk Gottes auf dem Weg in die Freiheit durchzumachen. Aber Krisen wurden immer wieder auch überwunden. Daran erkannten die Menschen, dass Gott sein Volk nicht verlassen hat. Es wurde ihnen bewusst: Gott ist mit uns, er geht mit. Mit Jesus Christus wird das noch einmal deutlicher! Jesus Christus, der „Immanuel -Gott mit uns“ ist bei den Menschen – grad bei den Armen, Notleidenden, Kranken usw… . Er geht mit bis zum Tod! Er (Gott) teilt sogar den Tod mit uns Menschen. So einen Gott muss man einmal haben, einen Gott, der sich das alles antut. Aber das ist die entscheidende Erkenntnis der Hl. Schrift und des Glaubens: Unser Gott ist die Liebe. Diese theologische Sichtweise, denke ich, dürfen wir auch für die gegenwärtige Krise anwenden. Virus, Krankheit und Tod, wirtschaftlicher Schaden, Verzicht auf Vieles, was wir selbstverständlich gewohnt waren. Das wird gewiss keine leichte Zeit. Aber die biblische Erfahrung sagt uns, dass wir nicht verlassen sind! Nicht von Gott, aber auch nicht von den Menschen. Viele „geben ihr Leben hin“ für andere – im Krankendienst, in der Organisation und Leitung der Dienste, in Hilfsdiensten für andere. Diese Erfahrung deckt sich mit den Beschreibungen in der Bibel.

Ein Problem ist jetzt doch auch: Gerade in einer Zeit, in der die Menschen dringend Zuspruch bräuchten, können die Geistlichen nicht zu ihnen ...

Abt Petrus: Stimmt – persönlichen Zuspruch brauchen wir Menschen gerade in Krisenzeiten. Wir leben von Zuwendung. Schlimm ist, dass gerade die persönlichste Zuwendung durch Nähe und Berührung uns zur Zeit zum Verhängnis werden kann. Daher müssen wir auf andere Formen des Zuspruchs ausweichen. In unserem digitalen Zeitalter gibt es ja Gott sei Dank viele Möglichkeiten, um miteinander in den Kontakt zu treten. Email, SMS, WhatsApp und vieles andere mehr! Freilich kann das alles einen persönlichen Zuspruch und persönliche Gegenwart nicht ersetzen. Aber es sind gute Möglichkeiten, um zu kommunizieren. Wir sollten sie nutzen.

Was ist für einen Christen jetzt wichtig?

Abt Petrus: Glauben und Christsein heißt: In Beziehung mit Gott leben. Am Sonntag in die Kirche zu gehen und in der Hl. Eucharistie den Höhepunkt unserer Glaubensbeziehung mit Christus und untereinander zu feiern ist jetzt nicht möglich. Daher ist es notwendig, alle anderen Formen unserer Beziehung zu Gott zu pflegen. Jetzt ist die Zeit der Hauskirche! Die Hl. Schrift sagt uns, dass dort, wo zwei oder drei im Namen Jesu beisammen sind, Gott gegenwärtig ist. Das heißt: Durch Beten und Lesen der hl. Schrift bezeugen wir Gott, dass er uns wichtig ist. Und dies ist überall möglich, auch und gerade zu Hause. Gott ist dabei nicht weniger gegenwärtig, als in der Hl. Messe, aber anders. Das zweite neben der Gottesliebe, und genauso wichtig: Liebe Deinen Nächsten wie dich selbst! Das Gebet für den Nächsten und auch die Tat für den Nächsten sind Wesenskennzeichen von uns Christen. Kreative Formen der Nächstenliebe sind in Zeiten der Krise notwendig.

Haben Sie eine Botschaft für die Menschen in diesen Wochen der Krise? Irgendetwas Tröstendes, Aufbauendes?

Abt Petrus: Fürchtet euch nicht! Diese Worte kommen in der Hl. Schrift angeblich 366 mal vor! Das sind genau die Anzahl der Tage des heurigen Jahres. Für jeden Tag also gilt: Fürchtet euch nicht!

Wie hat sich das Leben im Stift Seitenstetten durch den Coronavirus verändert?

Abt Petrus: Wir haben eigentlich einen ganz normalen klösterlichen Tagesablauf. Um 6.30 Uhr beten wir gemeinsam das Morgengebet, die Laudes, anschließend feiern wir die Hl. Messe. Zu Mittag das Mittagsgebet und am Abend das kirchliche Abendgebet, die Vesper und das Nachtgebet. Das Schöne daran ist: Wir sind fast immer vollzählig.

Wir haben aber natürlich auch den Abstand zueinander bei Tisch und im Chorgebet erhöht, kein Händeschütteln, keine Hausbesuche, keine Gäste. Alle Veranstaltungen (Kurse, Seminare, Exerzitien, etc…) im Haus wurden abgesagt. Wir sind eine abgeschlossene Hausgemeinschaft. Schließlich leben wir ja in Klausur.

Was wird gesellschaftlich gesehen, längerfristig durch die Krise wohl anders werden?

Abt Petrus: Ich weiß es nicht. Möglicherweise werden wir dankbarer, was ein großer Schritt wäre. Eine gute Änderung wäre auch, etwas einfacher, bescheidener und zufriedener zu leben. Wir leben ja bisher auf höchstem Niveau. Ein Virus bringt ein ganzes System zu Fall, das offensichtlich auf sehr zerbrechlichen Beinen steht. Vielleicht bringt das eine neue Sicht von Nachhaltigkeit und ermutigt Politik und Wirtschaft dazu, tatsächlich Schritte zu setzen, die eine feste Lebensbasis zur Grundlage haben.