Erstellt am 19. Juni 2015, 06:26

von Hermann Knapp

WK-Obmann Reinhard Mösl: „Will ein Sprachrohr sein“. /  Wirtschaftskammerobmann Reinhard Mösl über sein Amtsverständnis, die Lage im Bezirk und die Probleme der Unternehmer, Kredite für Investitionen zu bekommen.

Reinhard Mösl ist der neue Wirtschaftskammerobmann im Bezirk. Sein Unternehmen jucyou ist eine Erfolgsgeschichte. Seine Erfahrung will er nun auch an andere Firmengründer weitergeben.  |  NOEN, Knapp

NÖN: Sie übernehmen das Amt des Wirtschaftskammerobmanns in einer schwierigen Phase. Wie beurteilen Sie die derzeitige Lage?
Reinhard Mösl:
Das ist natürlich von Branche zu Branche verschieden. Ich kann hier nur von meinen Wahrnehmungen sprechen und da sehe ich vor allem für Klein- und Mittelbetriebe ein großes Problem im Bereich der Finanzierung. Das Abkommen Basel 3 beginnt zu wirken und dieses verlangt von Banken eine stärkere Risikoabdeckung.

„Die Banken müssen Eigenkapital aufbauen und auch das hemmt die Kreditvergabe."

Das bringt mit sich, dass sie es sich dreimal überlegen, bevor sie einen Kredit vergeben. Zudem müssen die Banken selbst mehr Eigenkapital aufbauen und auch das hemmt die Kreditvergabe. Daher wird es vor allem für kleinere Unternehmen immer schwieriger an Geld für nötige Investitionen zu kommen.

Welche Lösungsansätze wären denkbar?
Mösl: Bundeswirtschaftskammerobmann Christoph Leitl hat kürzlich einige Vorschläge gemacht. Dazu gehören etwa, dass es möglich sein soll für Start-ups Beteiligungen bis 50.000 Euro über fünf Jahre abschreiben zu können oder eine Investitionszuwachsprämie zu realisieren. Das sind alles richtige Schritte.

Wir erleben derzeit aber auch, dass Großunternehmen praktisch selbst Bank spielen. Ein Beispiel: Ich habe mir einen Stapler angeschafft. Der Kleinhändler hätte ihn mir besorgt, um die Finanzierung hätte ich mich selber kümmern müssen.

Der Produzent hat mir hingegen gleich selbst eine Finanzierung angeboten. Das ist für den Kunden zwar bequem, trifft andererseits aber den kleinen Händler, dem ein Geschäft und auch ein Servicevertrag entgehen. Ich persönlich finde diese Entwicklung hin zum Großen bedenklich.

Was kann man auf regionaler Ebene dann tun?
Mösl: Die großen Finanzprobleme können wir hier nicht lösen. Aber nur darüber zu jammern hilft auch nicht. Wir dürfen keinesfalls die Hände in den Schoß legen, sondern müssen nach Wegen suchen, wie wir unsere Wirtschaft stärken und die Arbeitsplätze sichern können, denn auch wir haben ja eine stark steigende Arbeitslosenrate.

„Der Bezirk Amstetten ja wirtschaftlich noch immer sehr stark und hat eine gute Dynamik."

Zum Glück ist der Bezirk Amstetten ja wirtschaftlich noch immer sehr stark und hat eine gute Dynamik. Verglichen mit anderen Regionen des Landes sind wir immer noch privilegiert, aber darauf darf und kann man sich nicht ausruhen.

Wie definieren Sie selbst die Funktion des Wirtschaftskammerobmanns?
Mösl: Der Kammerobmann ist das Sprachrohr der Wirtschaft in der Region. Ich möchte ein Sensor sein, der die Stimmung aufnimmt und sie an das Land weitergibt. Das verlangt natürlich engen Kontakt mit den Wirtschaftstreibenden. Ich werde daher mit Bezirksstellenleiter Andreas Geierlehner eine Tour starten und wöchentlich fünf Betriebe im Bezirk besuchen. Ich möchte mir ein Bild von den Problemen machen, mit denen die Unternehmer zu kämpfen haben. Anfang nächsten Jahres werden wir dann eine erste, kleine Bilanz ziehen.

Sie haben ja selbst Ihren Betrieb von Grund auf aufgebaut und wissen daher, welche Schwierigkeiten damit verbunden sind. Ist das jetzt ein Vorteil?
Mösl:
Auf jeden Fall, weil ich eben aus eigener Erfahrung weiß, welche Probleme sich gerade für Gründer auftun. Ich habe die Idee für mein Produkt aus Australien mitgebracht. Ich hatte damals weder von der Technik noch vom Markt eine Ahnung. Ich bin also einen äußerst steinigen Weg gegangen. Im ersten Jahr habe ich mit drei Mitarbeitern einen Tag in der Woche produziert.

Das Produkt am Markt zu platzieren war über Jahre hinweg eine Gratwanderung. Inzwischen füllen wir monatlich rund 500.000 Flaschen ab und beliefern große Handelsketten mit Eigenmarken. Das Ziel ist die Produktion auf 800.000 bis zu einer Million Flaschen monatlich zu steigern. Das ist realistisch, denn wir hatten in den letzten Jahren ein Wachstum von jeweils 30 Prozent.

Ist ein derart schnelles Wachstum nicht riskant?
Mösl:
Ja, Wachstum und Liquidität ist immer ein Thema und muss immer genau im Auge behalten werden. Ein Beispiel: Ein Neukunde hat ein Zahlungsziel von 45 Tagen. Ich liefere ihm also täglich eine Palette Flaschen und bekomme die erste schlechtestenfalls erst nach 45 Tagen bezahlt. Das heißt, dass ich eine hohe Vorleistung bringe.

„Ich kann nur jedem Firmengründer raten, sich eingehend zu informieren. Dafür ist die Wirtschaftskammer auch da."

Dies muss man entsprechend kalkulieren, sonst komme ich in Zahlungsnöte. Ich kann nur jedem Firmengründer raten, sich eingehend zu informieren. Dafür ist die Wirtschaftskammer auch da. Wir dürfen die Gründer aber auch später nicht aus den Augen verlieren, sondern müssen immer wieder nachfragen, wie es ihnen geht und ob sie Unterstützung benötigen. Das ist mir ein großes Anliegen.

Wie stehen Sie zu den Einpersonen-Unternehmen?.
Mösl:
Knapp 60 Prozent der Kammermitglieder im Bezirk sind Einpersonen-Unternehmen. Sie sind eine ganz wichtige Gruppe. Mit ihnen in Kontakt zu kommen ist schwierig. Die Anfragen und Problemstellungen an uns möchte ich näher analysieren. Wir wollen auch für sie da sein und aufmerksam hinhören, wo ihre Probleme und Sorgen liegen.


Zur Person

  • Reinhard Mösl hat Jus studiert und war jahrelang als Stiftungsexperte tätig.

  • 2005 hat er in Haag die Firma jucyou gegründet und produziert erfolgreich Smoothies – ein Getränk, welches zu 100 Prozent aus Frucht besteht.