Amstettner Kidsnest: Gewalt wird nicht weniger. Im Vorjahr wurden 443 Kinder, Jugendliche und Angehörige betreut. Zahl der Anfragen steigt deutlich.

Von Doris Schleifer-Höderl. Erstellt am 02. April 2021 (05:22)
Das Kidsnest-Team (von links) Margit Pollheimer-Pühringer, Eveline Skarek, Dunja Baux, Theresia Ruß, Marina Wurzer, Daniela Radovanovic und Barbara Lugmayer-Lettner setzt sich für Kinder, Jugendliche und deren Angehörigen, die von Gewalt und sexuellen Missbrauch betroffen sind ein.
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Schleifer-Höderl, Doris
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Seit Jänner sind es 20 Jahre, dass das multiprofessionelle sechsköpfige Team des Kidsnest-Kinderschutzzentrums rasche, anonyme und kostenlose Hilfe für von Gewalt betroffene Kinder, Jugendliche und deren Angehörige bietet.

Im vergangenen Jahr gab es bei den Klientinnen und Klienten allerdings einen leichten Rückgang, wie Kidsnest-Kinderschutzzentrums-Leiterin Theresia Ruß berichtet. „Wir haben 2020 um 49 Personen weniger betreut als 2019. Dies lässt sich auf die Pandemie zurückführen, weil wir im ersten Lockdown in Kurzarbeit gegangen sind, da persönliche Beratungen nicht mehr möglich waren. Es war anfangs ruhiger, weil Kinder ja nicht selbst bei uns anrufen und sich Eltern erst zeitverzögert meldeten. Familien, die bei uns landeten, hatten echte Not und wir verzeichneten 161 Erstkontakte.“

Ruß: „Vor allem Grooming boomt“

Vorherrschende Themen seien Überforderung in der Erziehung und gewalttätige Auseinandersetzungen aus den verschiedensten Gründen gewesen. Das Kidsnest-Team hatte aber auch vermehrt Anfragen für Prozessbegleitung, da es auch Beratungen bezüglich Anzeigen bietet und durch das gesamte Verfahren begleitet.

„Fakt ist außerdem, dass es durch die Pandemie bedingt Kinder und Jugendliche aus prekären Familiensituationen gibt, die dringend soziale Kontakte brauchen und durch die Isolation in eine starke Krise geschlittert sind“, sagt Ruß.

Auch die Themen Überforderung sowie sexueller Missbrauch seien aktueller denn je, so die Diplomsozialarbeiterin und Mediatorin. „Durch den steigenden Medienkonsum ist auch der Online-Kindermissbrauch deutlich angestiegen“, berichtet Theresia Ruß. „Vor allem Grooming boomt. Da geben sich Erwachsene als Kinder aus und suchen im Internet nach einsamen Kindern, die sie dann kontaktieren und zu sexuellen Handlungen auffordern. Wenn die Kinder das nicht tun, werden sie mit Sätzen wie „Ich bring deine Mutter um“ oder „Ich zeig´ dich an“ erpresst.“

Schauen, wo Kinder im Internet unterwegs sind

Ruß appelliert daher dringend an Eltern, hier gemeinsam mit ihren Kindern zu achten, wo sie im Internet unterwegs sind. „Sich digitale Kompetenz anzueignen ist für uns alle eine Herausforderung, da kann www.saferinternet.at hilfreich sein.“

Rechnet das Kidsnest-Team eigentlich heuer, bedingt durch die anhaltende Pandemie, mit einem Anstieg der Beratungssuchenden? „Wir merken bereits jetzt einen Anstieg der Anfragen, müssen aber aus Ressourcengründen an andere Familienberatungsstellen weiterverweisen. Denn wir müssen uns auf unser Kerngebiet Gewalt und sexueller Missbrauch beschränken.“

Auch den runden Geburtstag der Einrichtung möchte man entsprechend begehen und hofft, dass Corona dies zulässt. Um das 20-jährige Bestehen des Kinderschutzzentrums Amstetten gebührend zu feiern, ist im Juni eine Mal- und Sprühaktion mit Kindern und Jugendlichen zum Thema ’GEWALTig daneben’ geplant.

„Zudem soll es im September am Hauptplatz eine Kinderaktion geben, wo der Spielbus „zum aktiv dabei“ sein einlädt. Am 16. September wird auch eine Fachtagung mit dem Titel ’GEWALTige Hilfen’ abgehalten. Wir sind in jedem Fall davon überzeugt, dass es pandemiebedingt wichtiger denn je ist, auf das Thema Gewalt an Kindern hinzuweisen.“