52-Jährige getötet: Beschuldigter bestritt Vorwürfe. Am Landesgericht St. Pölten hat am Dienstagvormittag der Mordprozess gegen einen 40-Jährigen begonnen. Der deutsche Staatsbürger soll Ende Mai 2019 im Amstettner Stadtteil Greinsfurth eine 52-jährige Oberösterreicherin getötet haben. Neben Mord wurde dem Mann auch schwerer Raub angelastet, der Beschuldigte war zu beiden Vorwürfen nicht geständig. Ein Urteil wurde für Mittwoch erwartet.

Von APA / NÖN.at und Melanie Baumgartner. Update am 16. Juni 2020 (15:44)
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Der Angeklagte unmittelbar vor Prozessbeginn
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Die Leiche der 52-Jährigen war am späten Abend des 28. Mai vergangenen Jahres in einem Gebüsch neben dem Parkplatz des Einkaufszentrums WestSide City entdeckt worden. Vom Verdächtigen fehlte vorerst jede Spur, der damals 39-Jährige wurde letztlich am 29. Juli 2019 festgenommen.

"Hier und heute geht es um eine Zeitspanne von neun Minuten im Leben zweier Menschen", führte Staatsanwalt Leopold Bien in seinem Eröffnungsvortrag aus. "Am Ende dieser neun Minuten war eine Frau tot, bestialisch ermordet - und der Andere ein Mörder."

Der Angeklagte hatte im Frühjahr 2019 keinen festen Wohnsitz, lebte und übernachtete überwiegend in seinem Pkw. Am Tag der Bluttat soll der 40-Jährige gegen 20.00 Uhr seinen Wagen auf dem Parkplatz des Einkaufszentrums abgestellt haben. Kurz vor 20.30 Uhr überquerte die 52-Jährige nach Ladenschluss der Supermarktfiliale, in der sie beruflich tätig war, das Areal auf dem Weg zu ihrem Auto. Bevor sie einstieg, soll die Frau auf den Beschuldigten getroffen sein. Die Opfer "war einfach zur falschen Zeit am falschen Ort", befand Bien.

Leiche wurde im Mai 2019 in einem Gebüsch gefunden
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Der Beschuldigte soll sein Opfer zu Boden befördert und längere Zeit gewürgt haben. Vor Eintritt der Bewusstlosigkeit wehrte sich die Oberösterreicherin noch heftig und fügte dem Angeklagten eine blutende Wunde zu. Gewebe und Blutspuren des 40-Jährigen wurden später an drei Fingerkuppen ihrer linken Hand gefunden. Bevor der Deutsche die Frau in einem Gebüsch neben dem Parkplatz ablegte, soll er ihr mit einem Schnittwerkzeug die Ellenarterie der linken Hand durchtrennt haben. Als Todesursache wurde dem Staatsanwalt zufolge eine "komprimierende Gewalteinwirkung gegen den Hals" festgestellt.

Während oder unmittelbar nach der Attacke soll der Mann die Handtasche, einen Gürtel mitsamt Bauchtasche und die optische Brille der 52-Jährigen an sich genommen haben. In der Handtasche befanden sich das Handy der Frau und der Schlüssel für ihren Pkw. Den Wagen des Opfers soll der Angeklagte in der Nähe eines etwas mehr als einen Kilometer entfernten Waldgebietes abgestellt haben.

In Verdacht geriet der Deutsche, als er das Handy der 52-Jährigen am 12. Juli 2019 kurzzeitig aktivierte und darin eine auf ihn selbst registrierte SIM-Karte eingelegt war. "Das war der erste Hinweis auf den Angeklagten", schilderte Bien. Nach der Wiedereinreise nach Österreich infolge eines Deutschland-Aufenthalts wurde der Mann schließlich im Bereich der Abfahrt der Westautobahn (A1) in Haag (Bezirk Amstetten) festgenommen. Spuren im Pkw des Opfers und am Rücken der Getöteten hätten danach - neben jenen unter den Fingerkuppen der Frau - dem Beschuldigten zugeordnet werden können.

Außerdem konnte die DNA des 40-Jährigen in dem Auto der Toten sichergestellt werden.

Der Angeklagte bekennt sich zu den Vorwürfen nicht schuldig. Wie seine DNA in das Auto der Toten gekommen sei, kann er sich nicht erklären. Jedoch hat er eine Erklärung, dafür, wie seine Spuren unter die Nägel der 52-Jährigen gekommen sind. „Es gab lediglich ein Zusammentreffen mit der Toten. Ich war im Supermarkt einkaufen. Dort habe ich gesehen, dass Flaschen am Boden lagen und habe diese aufgehoben“, erzählt der Angeklagte der Richterin. Dann habe er gehört, wie jemand „das müssen Sie nicht tun“ hinter ihm gesagt hat. Bei diesem Zusammentreffen dürfte es, laut dem Angeklagten, irgendwie zu den Kratzern gekommen sein. „Ich habe das erst kurze Zeit später gemerkt, als die Frau ‚oh‘ gesagt hat“, so der 40-Jährige. Auf einem Foto, das zwei Tage nach der Tat aufgenommen wurde, ist zu erkennen, dass der Angeklagte Kratzspuren auf seinem linken Nasenflügel aufweist. „Die Tote hatte aber Ihre DNA unter den Fingernägeln ihrer linken Hand. Wie kann das möglich sein?“, konfrontiert ihn die Richterin. Das wisse er nicht.

Auch auf dem Rücken der Toten fand man Spuren des Deutschen. Das erklärt er sich damit, dass sie die DNA, die sich unter ihren Fingernägeln befand, möglicherweise selbst irgendwie auf den Rücken beförderte.

Mehrmals betont der Angeklagte während der Verhandlung, dass er unschuldig sei. „Ich war es nicht. Ich habe die Frau nicht getötet.“

"Es ist nichts so, wie es scheint zu sein", sagte Verteidiger Michael Dohr, der "bestimmte Lücken" in der Anklage ortete. So gebe es etwa keinen Beweis dafür, dass sein Mandant zum Tatzeitpunkt auf dem Parkplatz des Einkaufszentrums war. Handydaten zufolge sei der 40-Jährige erst gegen etwa 21.00 Uhr an Ort und Stelle gewesen. Der Angeklagte habe außerdem kein Motiv gehabt, um die Frau "auf diese schreckliche Art zu töten".

Urteil wird am Mittwoch erwartet

Nach der Einvernahme des Beschuldigten wurden vier Familienmitglieder des Opfers befragt. Die Öffentlichkeit wurde dabei ausgeschlossen.

Gutachter kamen zu Wort

Am ersten Verhandlungstag kamen außerdem zwei Gutachter zu Wort. Laut der Expertise des gerichtsmedizinischen Sachverständigers wurde die Frau durch komprimierende Gewaltauswirkung auf den Hals getötet, das heißt sie wurde gewürgt. Dafür sprechen auch massive Einblutungen der Hals- und Nackenmuskulatur. Auf dem Hals der Toten konnten jedoch keine DNA-Rückstände festgestellt werden. „Der Täter könnte Handschuhe getragen haben“, so die Gutachterin, die die DNA untersuchte. Sehr wohl konnten Spuren unter den Fingernägeln des Opfers gefunden werden. Insgesamt neun von zehn Fingernägeln waren analysierbar. Bei zwei fand man eindeutige DNA-Spuren des 40-Jährigen. An einem dritten Finger fand man ebenso Spuren des Mannes. 

Die Verhandlung wird morgen Mittwoch fortgesetzt. Weitere Zeugen sollen dann befragt werden. Ein Urteil wird für Mittwoch erwartet.