Frauenhaus Amstetten: Gewalt wird unterschätzt. Das Team der Opferschutzeinrichtung sieht sich vermehrt mit Fällen von schwerer Gewalt konfrontiert und appelliert an Betroffene, sich rasch Hilfe zu holen.

Von Doris Schleifer-Höderl. Erstellt am 08. Juli 2021 (06:58)
Sicherheit ist oberstes Gebot: Das Frauenhaus ist daher auch direkt mit der Polizei verbunden, wie Maria Reichartzeder (l.) und Ursula Kromoser-Schrammel demonstrieren.
Schleifer-Höderl, Schleifer-Höderl

Nicht zuwarten, sondern Hilfe in Anspruch nehmen, lautet der Appell der Frauenhaus-Mitarbeiterinnen Maria Reichartzeder und Ursula Kromoser-Schrammel. Denn ein Drittel der Frauen, die Jahr für Jahr Zuflucht im Frauenhaus suchen, sind seit Jahren extremer Gewalt ausgesetzt und müssen um ihr Leben bangen.

„Gewalt ist ein Prozess, der schleichend beginnt und mit dem Tod enden kann.“

„Obwohl schon viel Aufklärung passiert, wird Gewalt noch immer unterschätzt. Was viele nicht wissen, bei uns kann man sich diesbezüglich auch beraten lassen. Denn Gewalt ist ein Prozess, der schleichend beginnt und mit dem Tod enden kann.“ Bestürzt sind die Frauenhaus-Mitarbeiterinnen auch darüber, dass so viele Gewalt-Anzeigen hierzulande niedergelegt werden – nämlich acht von zehn.

„Einfach, weil die Beweise nicht ausreichen“, sagt Maria Reichartzeder, die mit ihren Kolleginnen immer wieder Frauen bei den Anzeigen begleiten. „Frauen müssen faktisch die Gewalt dokumentieren. Das heißt, Fotos von Verletzungen mit Datum machen.

Nicht zoomen, sondern eine Ganzkörperaufnahme sowie zwei weitere Fotos von den Verletzungen immer zum Verhältnis zur Person machen, damit man sie ihr auch zuordnen kann. Wir wissen, dass das eine Zumutung ist, aber die Beweislast liegt beim Opfer.“

Videoüberwachung hat sich bewährt

Bewährt haben sich indessen die neuen Sicherheitsvorkehrungen des Amstettner Frauenhauses, die seit Winter 2020 zum Einsatz kommen. „Sowohl der Zaun als auch die Videoüberwachung haben es mit sich gebracht, dass es zu weniger Vorkommnissen kommt, wo Männer von Schutzsuchenden versuchen, ins Haus zu gelangen oder Frauen und Kinder vorm Haus abzupassen“, erklären die Frauenhaus-Mitarbeiterinnen.

Wohnstandards sollen angepasst werden

In den nächsten Jahren soll auch der Wohnstandard des Frauenhauses den heutigen Erfordernissen angepasst werden. „Wir haben dafür gerade ein Projekt mit der Universität für Bodenkultur in Wien laufen. Professor Benjamin Kromoser vom Institut für Konstruktiven Ingenieurbau hat mit Studentinnen und Studenten im Rahmen der Lehrveranstaltung Hochbau und Bauphysik die Aufgabe übernommen, Vorschläge für einen Um- bzw. Zu- oder Neubau zu machen“, berichten Reichartzeder und Kromoser-Schrammel.

Daran haben sich 25 Gruppen mit je drei Studierenden beteiligt, die auch schon ihre Vorschläge präsentiert haben. Einzig die Finanzierung für unser Vorhaben, das zumindest ein Zimmer mehr und weitere Sanitärbereiche schaffen soll, ist noch offen. „Aber wir wollen, wenn irgendwie möglich, das Ganze im kommenden Jahr in Angriff nehmen!“