Lehrlinge im Bezirk Amstetten kaum zu finden. Auch an Facharbeitern und sogar an Hilfsarbeitern herrscht trotz Corona-Krise bei vielen Betrieben im Bezirk ein Mangel. Grund: Zu viele Kinder wählen höhere Schule.

Von Hermann Knapp. Erstellt am 27. März 2021 (05:44)

„Wir suchen schon seit Monaten einen Lehrling und haben bisher keinen gefunden. Wir haben auch im Polytechnikum einen Aushang gemacht, mit einer genauen Beschreibung der Lehre als Steinmetz und mit Fotos dazu, aber es hat sich leider niemand gemeldet“, sagt Andrea Leitner von der Firma Steinmetzmeister Leitner in Öhling. Im Vorjahr habe man zwar einen Lehrling gehabt, der auch tüchtig war, aber dann tageweise unentschuldigt nicht in die Firma gekommen sei. „Und das geht natürlich auch nicht“, sagt Leitner.

Die Auftragsbücher des Betriebes sind trotz Corona-Krise voll und um die Arbeit zu bewältigen, bräuchte man dringend noch Personal. Auch ein geschickter Hilfsarbeiter wäre willkommen, aber die sind ebenfalls rar. Auch Anfragen der Firma beim Arbeitsmarktservice waren bislang erfolglos. „Ich verstehe das nicht, denn der Beruf des Steinmetzes ist durchaus attraktiv und vielfältig. Natürlich muss ein Lehrling auch auf den Friedhof mitfahren, aber er muss sich genauso computertechnisch auskennen“, berichtet Leitner.

Die Firma Lanzinger GmbH, Installationen – Spenglerei, in Wallsee sucht ebenfalls schon lange einen Lehrling. „Es kommt momentan aber aus den Schulen nichts heraus. Da muss man sich etwas einfallen lassen, damit nicht alle Kinder, die technisch interessiert sind, in eine HTL gehen und sich dort dann vielleicht mühsam durchkämpfen, obwohl sie für einen Handwerksberuf viel geeigneter wären“, sagt Sigrid Lanzinger. Auch Facharbeiter sind in der Branche derzeit nicht zu finden. „Wir haben jetzt aber zumindest einen Hilfsarbeiter. Der kommt zwar auch nicht aus unserer Branche, ist aber sehr willig und geschickt.“ Die Auftragsbücher der Firma Lanzinger sind voll: „Eigentlich sind wir jetzt schon für heuer ausgebucht.“

Zu viele Jugendliche in höheren Schulen

Beim Transportunternehmen Regina Wögerer aus St. Georgen am Ybbsfelde ist man ebenfalls ständig auf Personalsuche. „Wir brauchen Lkw-Fahrer mit den Berechtigungen C und C 95, aber es gibt zu wenig, oder wir haben immer das Pech keinen zu erwischen“, sagt Wögerer. Die Corona-Krise hat das Unternehmen, das hauptsächlich Baustellentransporte durchführt, kaum getroffen, der Personalmangel ist dafür ein Dauerproblem. „Vielleicht liegt es auch an den Kontrollen, die ein Fahrer ständig im Genick hat und am Digi-Tacho. Das wollen sich die jungen Leute nicht antun“, vermutet die Firmenchefin.

Bei Wögerer wäre auch ein Führerscheinneuling willkommen, wenn er geschickt und willig ist. Wichtig sei, dass er mit der Kundschaft und auch mit den Polieren auf den Baustellen gut umgehen könne. Auch Wögerer sieht es als Problem, dass zu viele Jugendliche in höhere Schulen gehen. „Es hat immer geheißen, wir brauchen mehr Akademiker. Jetzt haben wir zu viele, aber zu wenig Facharbeiter.“

Bei der Wirtschaftskammer bestätigt man, dass es schon seit Monaten wieder einen Fachkräftemangel gibt. „Egal wo, ob im produzierenden Bereich, im Handwerksbereich oder auch bei Hilfsarbeitertätigkeiten. Die Ursache ist bekannt und seit vielen Jahren dieselbe. Es ist ein Thema der Berufsausbildung. Natürlich sind manche Branchen nicht so sexy und cool – zum Beispiel die Fleischverarbeitung – aber, dass zum Beispiel auch Tischler schwer Lehrlinge finden, ist doch verblüffend“, sagt Bezirksstellenleiter Andreas Geierlehner. „Wir haben das Problem ja schon 2003 festgestellt und deshalb auch die Bildungsmeile ins Leben gerufen. Oft haben die Jugendlichen zu wenig Informationen über die möglichen Berufe.“

Am Einkommen liegt es nach Ansicht von Geierlehner nicht, dass Jugendliche keine Lehre machen, dafür sei für die Generation Z die Work-Life-Balance aber ein berufsentscheidendes Thema. Einen positiven Aspekt hat die Nachfrage nach Fachkräften aber auch. „Es zeigt, dass große Teile der Wirtschaft trotz Corona wieder gut laufen“, sagt der WK-Bezirksstellenleiter.

Der Leiter des Arbeitsmarktservice im Bezirk, Harald Vetter, ortet ein Missmatch zwischen Arbeitssuchenden und Anforderungsprofil. „Wir haben jetzt zwar mehr Arbeitslose, aber fast 50 Prozent davon haben nur einen Pflichtschulabschluss und mehr als ein Drittel ist schon über 50 Jahre alt.“ In der Krise würden zuerst die schwächeren Arbeitskräfte freigestellt und erst dann besser Qualifizierte. „Die gibt es zwar auch, aber nicht in der Masse, wie man glaubt“, sagt Vetter.

33 Lehrstellensuchende, 122 offen Lehrstellen

Bei den Lehrstellen sei die Kluft noch größer. Die Nachfrage nach Lehrlingen sei riesig, aber diese am Arbeitsmarkt einfach nicht da und zum Teil fehlten den jungen Arbeitssuchenden auch die Basisqualifikationen für eine Lehrstelle. Im Februar standen 33 Lehrstellensuchende im Bezirk 122 offenen Lehrstellen gegenüber.

Auch Vetter ortet ein Problem darin, dass zuviel Jugendliche in höhere Schulen gehen. „Das liegt sicher daran, weil viele mit 14 Jahren einfach noch kein konkretes Berufsinteresse haben.“ Der AMS-Leiter ist überzeugt, dass es bei den Gymnasiumabgängern noch großes Potenzial für eine Lehre gäbe. „Denn mit Matura allein bekommt man kaum einen Job und nicht alle wollen in eine Fachhochschule gehen oder studieren. Daher wäre es sicher sinnvoll, ihnen mit verschiedenen Modulen eine Lehre in verkürzter Zeit anzubieten.“