Pilgern tut der Seele gut. Brigitte Hofschwaiger bot zwei Wanderungen zum Entschleunigen und Sinnfinden an.

Von Josef Penzendorfer. Erstellt am 26. Juli 2020 (04:03)
Die Pilgergruppe beim Abmarsch von der Hubertuskapelle.
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‚Ultreïa!‘ – dieses mutmachende Grußwort rufen sich in aller Morgenfrühe Jakobsweg-Pilger vor dem Weitermarsch bei der Herberge zu und dieser freudige, brüderlich aufmunternde Ruf ertönt auch, wenn auf dem Camino ein Pilger an einem anderen vorbeigeht. Der uralte Pilgergruß bedeutet einfach ‚Vorwärts, weiter, aufwärts im geistigen Sinne‘ und galt schon im Mittelalter als Ausdruck der Freude bei Begegnungen unter Pilgern.

Gehen bedeutet ihm sehr viel: Walter Wagner.
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„Begegnung mit anderen, gemeinsam unterwegs sein, mitunter auch in Stille – das ist es, was ich am gemeinsamen Gehen so schätze, daher war ich bei beiden Pilgerungen dabei“, begründet der pensionierte Hauptschullehrer Walter Wagner seine Motivation für’s Gehen. Er hat in der Vorwoche das Angebot des gemeinschaftlichen Unterwegsseins im Herz Mostviertel ab 6 Uhr früh zu zwei besonderen ‚Orten mit Ausblick‘ angenommen und ist montags vom Bildungshaus St. Benedikt aus zur Kreuzkapelle in St. Georgen/Klaus und tags darauf zur Hubertuskapelle nach St. Michael/Bruckbach marschiert. „Das Gehen hat meditative Wirkung, es ist als Akt der Selbsterfahrung zu sehen, man kann Entschleunigung finden, es dient der Klärung eigener Gedanken durch das ‚In-sich-Gehen‘, und das noch dazu in unserer so wunderschönen Landschaft“, sagt Wagner. In und aus der Natur neuen Sinn schöpfen zu können erfüllt ihn mit großer Dankbarkeit.

Brigitte Hofschwaiger hat als Leitende dieser Pilgerung an jedem der beiden Tage auch das achtsame Unterwegssein in der Natur mit diversen Impulsen in den Fokus gerückt, ob zum Thema ‚Schöpfung‘ oder auch zum Symbol des ‚Baumes‘ mit einer Blatt-Meditation.

Gehen in Stille erlebt eine Renaissance

„Durch die Steigerung der Achtsamkeit wird die Natur plötzlich wieder wahrgenommen, man kann wieder Blumen sehen und Blüten riechen“, ist sich die passionierte Pilgerbegleiterin sicher. „Impulse, Lieder, Stille und Gespräch sind die wichtigsten Elemente am Weg; Menschen jedes Alters suchen die Natur, Bewegung und Ruhe, um für ihren Alltag Kraft zu sammeln, um zu entschleunigen und zu klaren Entscheidungen zu kommen und ihr Leben zu vertiefen. Pilgern symbolisiert ja Aufbruch, Unterwegssein und Ankommen“, ergänzt Hofschwaiger.

Gerade in der Zeit von Einschränkungen, wie der Coronakrise, spüren Menschen laut Bildungshausleiterin Lucia Deinhofer die Sehnsucht nach dem Unterwegssein, allein und in Gemeinschaft. Sie beschäftigen sich mit der grundsätzlichen Frage, was in ihrem Leben wirklich wichtig ist: „Auch wir im Bildungszentrum starten wieder neu durch in dieser fordernden Zeit der Einschränkungen, in der gerade Gemeinschaft und Begegnung so bedeutsam erscheinen!“

Pilgern – ein Leben voller Spiritualität

Auch Rupert N. schätzt die Energie des Pilgerns ganz besonders: „Pilgern geht man, um Energie zu tanken, die Batterien aufzuladen, die Wurzeln zu festigen, den inneren Brunnen zu reinigen, um wieder klares Wasser schöpfen zu können und um zu danken und zu bitten!“

Pilgerbegleiterin Brigitte Hofschwaiger
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Die Geherlebnisse können freilich ganz unterschiedlich sein: Manchen gelingt es, das strukturierte, hirnlastige, analytische Denken sogleich hintanzustellen, der Stress legt sich allmählich; andere stoßen allzu schnell an mentale oder auch physische Grenzen. Manchmal kommen dabei verschüttete Erinnerungen hoch, vielfach aber schweifen die Gedanken spürbar weniger in die häufig negativ bewertete Vergangenheit ab und wenden sich positiveren Zukunftsperspektiven zu.

Und dieses schöne Gefühl, das sich beim Gehen entwickelt hat, lässt sich auch später noch zurückrufen, macht den Kopf und den Weg frei zu sich selbst. Die Biberbacherin Elisabeth Nikodem umschreibt das so: „Ich breche auf, lege am Ziel den ‚schweren Stein‘, die drückende Last ab und fühle mich danach befreit und leicht!“

Gehen ist eine Kulturtechnik, die jedem verfügbar ist! Gehen ist die ursprünglichste und natürlichste Art der Fortbewegung, nur gehend kann der menschliche Organismus Vorgängen abseits des Weges bewusst folgen. Allein beim Gehen – Schritt für Schritt – kann auch die Seele mitkommen!

Neben religiösen Hintergründen darf man beim Pilgern aber auch durchaus einmal einfach in Muße unterwegs sein: „Man hört auf die Seele, der Geist erhebt sich, das Herz weitet sich und bewegt sich in die Höhe. Daher: ‚Ultreïa!‘ Vorwärts, weiter, aufwärts!“, sagt Hofschwaiger.