Stift Seitenstetten: Mönche als Erdäpfelpioniere. Der Klostergarten des Stiftes Seitenstetten zählt zu den frühesten Anbaustätten von Kartoffeln in Europa.

Von Josef Penzendorfer. Erstellt am 05. Mai 2021 (04:14)
Erdäpfelanbau 2021 am „Zeitfeld“ hinter dem Hofgarten des Stiftes Seitenstetten: Tourismusleiterin Sabine Fallmann, Gastmeister P. Benedikt Resch, Wirtschafter P. Georg Haumer, Hofgartenleiter Stefan Kastenhofer, Franz Wagner, Abt Petrus Pilsinger und Ausstellungskurator Mathias Weis (von links). Foto: Penz
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Erst vor etwa eineinhalb Jahren wurde im Abteigang des Stiftes die Äbtegalerie eröffnet. Ein bemerkenswerter Abt war ohne Zweifel Kaspar Plautz, der unter einem Pseudonym im Jahr 1621 nicht nur von benediktinischer Missionarstätigkeit samt blutrünstigen Geschichten mit Kannibalen im Rahmen der zweiten Amerikareise des Christoph Kolumbus berichtete. Er tat auch kund, dass im Klostergarten in Seitenstetten erstmals Erdäpfel angebaut wurden, die exotischen Knollen habe er von einem belgischen Gärtner bekommen.

Der Abt liefert neben ersten Kupferstichen auch gleich einige Rezepte mit. Besonders bemerkenswert ist zweifellos die erste regionale Zubereitungsformel für Erdäpfelsalat: „So stellst du Salat aus diesen her: Nimm diese Bacaras oder Papas, sauber und weich gekocht, schneide sie in Scheiben, füge Öl, Essig, Pfeffer, Salz oder auch Zucker hinzu und genieße!“

Schaugartenfläche mit vielen Kartoffelsorten

Dieses Rezept und vieles mehr werden ab 1. Juni im Rahmen von Stiftsführungen mit dem besonderen Fokus auf die „Seitenstettner Erdäpfelpioniere“ präsentiert – in der Bibliothek und auch im Glashaus des historischen Hofgartens. Beim Gang durch die Ausstellung erfährt der Besucher viel Interessantes rund um dieses wertvolle Lebensmittel, von dem die Bauern zu sagen pflegten: „Legst mi im Mai, komm i glei, legst mi im April, komm i, wann i will!“

Im Erdäpfel-Jubiläumsjahr 2021 wurden auf einer zusätzlichen Schaugartenfläche am „Zeitfeld“ unmittelbar hinter dem Hofgarten auch zwölf verschiedene Sorten wie „Rosegarden“, „Blue Salat Potato“ oder auch die „Rote Emma“ gepflanzt, wobei sich Abt Petrus Pilsinger – er stammt ja von einem Bauernhof in Euratsfeld ab – als umsichtiger Traktorfahrer bewies und die Patres Benedikt Resch (Gastmeister) und Georg Haumer (Stiftsökonom) unter „Aufsicht“ des Stiftsgärtners Stefan Kastenhofer die alte Einlegemaschine bedienten.

Liebhabersorten in Töpfen kultiviert

„Wir pflanzen erlesene, 300 bis 400 Jahre alte Ursorten und Raritäten – vor allem aus Schottland und Irland oder von den Kanaren. Uns ist nicht die marktkonforme Knolle oder die Erntemenge wichtig, wir legen Wert auf die Sortenvielfalt und vor allem auf den guten Geschmack“, erläutert Hofgartenleiter Stefan Kastenhofer, der in Töpfen weitere Liebhabersorten kultiviert, die bei einem Gartenbesuch – genau beschriftet – zu begutachten sind.

Die wissenschaftliche Aufarbeitung des Jahresschwerpunktes hat der Altseitenstettner und Professor am Stiftsgymnasium, Mathias Weis, übernommen, dessen 2016 an der Universität Wien veröffentlichte Diplomarbeit vom Hofgarten handelt, der seit 1996 wieder öffentlich zugänglich ist. Weis sieht die gesamte Gartenanlage als wichtigen Ort der Rekreation und Repräsentation.

„Hier erlebt man alte Gartenbaukunst mehrerer Epochen – vom Barock bis herauf in die Gegenwart, wenn man zum Beispiel den Schulgarten betrachtet. Auf begrenztem Raum blüht die Vielfalt der wunderbaren Natur zu verschiedenen Jahreszeiten auf – konzentriert in verschiedenen Vegetationsbereichen oder Pflanzengesellschaften. Hier begegnet man der Schöpfung, die stärkt, sei es durch bloße Ästhetik oder in Form von Heilpflanzen und Nahrungsmitteln, besonders aber auch darin, Körper, Geist und Seele in Einklang zu bringen“, schwärmt der Biologie.

Der historische Hofgarten des Stiftes ist jetzt schon frei zugängig, das Stift kann derzeit großteils mit Audio-Guide besichtigt werden.