Erstellt am 30. Juli 2015, 05:31

"Sonntagberg-Bild öffnete Herzen". Kematens Altbürgermeister Walter Baumann über seine Beziehung zum Sonntagberg.

Walter Baumann hat eine ganz besondere Beziehung zum Sonntagberg. Von der Terrasse seines Hauses hat er ihn stets im Blick.  |  NOEN, Kössl

Als ich acht Jahre alt war, machte eine Pilgergruppe aus der Slowakei eine Wallfahrt auf den Sonntagberg. Für uns Kinder war das ein ganz besonderes Ereignis, als die Gruppe in ihren bunten Trachten an uns vorbeizog.

Aufnahme vom Sonntagberg

Als mein Vater 1938 nach mehrjähriger Arbeitslosigkeit wieder eine Arbeit bekam, kaufte er sich mit dem ersten verdienten Geld einen Fotoapparat. Als zwölfjähriger durfte ich mir diesen Fotoapparat einmal ausborgen. Ich machte eine Aufnahme vom Sonntagberg. Als ich 1944 nach Warschau einrücken musste, gab mir meine Mutter dieses Bild vom Sonntagberg mit. Da die Russen schon vor Warschau standen, kam ich gerade zum Rückzug zurecht.

In einem polnischen Dorf ersuchte ich auf dem Weg zurück eine Bäuerin, mir einen Hosenknopf, der ausgerissen war, wieder anzunähen. Die Frau war natürlich äußerst ablehnend. Als ich ihr jedoch erklären wollte, wo ich herkomme und ihr das Bild vom Sonntagberg zeigte, nahm sie Nadel und Zwirn zur Hand und begann zu nähen.

"Partisanen wollten uns umbringen"

Mit einem Kameraden setzte ich mich dann weiter in die Slowakei ab. Wir wollten nach Budapest. In der Ostslowakei wollten wir in einem Wirtshaus übernachten. Dort zeigte ich einem jungen Mädchen das Bild vom Sonntagberg. Wir bekamen ein Zimmer und hatten uns gerade niedergelegt, als das Mädchen kam und uns aufforderte, sofort zu gehen, da Partisanen uns umbringen wollten.

Es war Sonntag, als wir auf unserem Weg nach Budapest Menschen in Tracht begegneten – jener Tracht, wie ich sie damals schon als Bub am Sonntagberg gesehen hatte. Jetzt war mir klar, warum die Leute so freundlich auf mein Bild reagierten. Später in Ungarn wollten mein Kamerad und ich bei einem Bauern übernachten, der uns jedoch ebenfalls mit großer Ablehnung begegnete.

Inmitten des Kriegs Weihnachten gefeiert

Es war kurz vor Weihnachten. Als ich in Gedanken an zuhause mein Sonntagberg-Bild aus der Brusttasche holte, sah es auch der Bauer. Daraufhin deutete er uns, mitzukommen. Er führte uns in ein Schlafzimmer mit zwei Betten. Darin hingen drei Bilder: eines von Mariazell, eines von Maria Taferl und – als Erinnerung einer einstigen Wallfahrt – auch ein Bild vom Sonntagberg. Der Mann war wie verändert, er tischte uns Speck und Weißbrot auf und wir stießen mit Schnaps an. Durch den Sonntagberg feierten wir inmitten des Kriegs wenige Tage vor Heiligabend Weihnachten.

Später, nachdem ich in Budapest schwer verwundet worden war, verlor ich im Lazarett mein Bild vom Sonntagberg – ein Bild, das Türen, Tore und Herzen geöffnet hatte.

In der Serie „Mein Sonntagberg“ präsentiert die NÖN ganz persönliche Geschichten über den Wallfahrtsort.


Nächste Termine

Am Sonntag, 26. Juli“ um 12 Uhr bestreitet Klaus Oberleitner das „Orgelmittag“-Konzert in der Basilika am Sonntagberg.