Tante auf Eis gelegt

Erstellt am 14. Februar 2012 | 00:00
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GERICHT / Existenzängste plagten 47-Jährigen. Um die Rente der verstorbenen Tante zu kassieren, legte er sie in die Tiefkühltruhe.
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VON CLAUDIA STÖCKLÖCKER

NEUHOFEN / In der Tiefkühltruhe versteckte Gerhard B. aus Neuhofen an der Ybbs seine verstorbene 89-jährige Tante, kassierte deren Pension und Pflegegeld weiter und sitzt nun wegen gewerbsmäßigem Betrug vor dem Richter. Ob der 47-Jährige ein Sozialschmarotzer ist und ein grausiges Verbrechen von langer Hand geplant hat? „Mitnichten! Arbeitsscheu ist er nicht, er hat sein Leben lang gearbeitet und war nie versichert“, erklärt sein Verteidiger im Prozess am Landesgericht St. Pölten.

Zuerst Mutter, dann schwer  kranke Tante gepflegt

Dort erzählt Gerhard B. von seinem Leben. „Ich habe die Handelsschule besucht, ein paar Jahre die Handelsakademie, ich spreche drei Sprachen. Meine Mutter war ein General. Sie hat mich nie weggelassen. Den Führerschein habe ich gemacht, durfte aber nicht Auto fahren. Freundinnen habe ich nicht mit heimgenommen, die hätte sie vertrieben. Um Arbeit habe ich mich beworben. Die Mutter hat es verhindert. Am Hof habe ich von früh bis spät gearbeitet, die Landwirtschaft hat aber nichts abgeworfen. Und dann habe ich die Mutter gepflegt.“ Rebelliert hat er nie. „Weil sie mir leidgetan hat. Ich bin ein lediges Kind“, erklärt der 47-Jährige. „Der Vater wollte mich nicht, meine Mutter, die hat sich für mich entschieden. Und dann habe ich mich um die Tante zehn Jahre lang gekümmert, weil sie die Einzige war, die mich gefördert hat.“

„Vor Tod weniger  gefürchtet als vor Heim“

Die Schwerkranke ins Altersheim geben? Undenkbar! „Sie hat sich vor dem Tod weniger gefürchtet als vor dem Heim. Oft hat sie sich bedankt, gesagt, dass sie wüsste, dass sie bald sterben müsse. Leicht war es nicht, wenn man das Elend jeden Tag mit anschauen muss! Am 3. Juni, im letzten Jahr, als die Tante starb, war „Badetag“. Ich habe das Shampoo geholt, da ist sie am Boden gelegen. Es war furchtbar, ich war sehr traurig. Ich habe sie auf die Decke gelegt, habe stundenlang gewartet, gehofft, dass sie wieder zu sich kommt.“ Später verwahrte er die Tante im Badezimmer in der Truhe. „Ich hatte Angst, weil ich allein dagestanden bin, für mich ist alles zusammengebrochen. Gut ist es mir dabei nicht gegangen. Heute noch sehe ich die Tante dort! Gegessen habe ich wenig, ich konnte nicht.“ Als Verwandte vor der Tür standen, flog alles auf.

Der Richter unterschreitet  die Mindeststrafe

„Ich habe mich geschämt. Jetzt muss ich neu anfangen, wie ein 18-Jähriger“, sagt Gerhard B. Die Mindeststrafe von sechs Monaten unterschreitet Richter Mag. Helmut Weichhart und verhängt drei Monate bedingt, weil „der Angeklagte nur wegen der Erziehungsverhältnisse in diese Situation geschlittert ist und die Milderungsgründe bei Weitem überwiegen“. Das Urteil ist nicht rechtskräftig.

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