Erstellt am 09. März 2015, 09:17

von Daniela Führer

Aufregung um „Neue Medizin“-Vortrag. Helmut Pilhar referiert in Weistrach. Patientenanwalt warnt.

Daniel Bierbaumer über die »Neue Germanische Medizin«: »Der Gipfel an Verschwörungstheorien.« Foto: Schlemmer  |  NOEN, Daniela Schlemmer
Daniel Bierbaumer aus Aschbach ist zutiefst bestürzt und aufgeregt: Konkret geht es um einen Vortrag des prominenten Referenten Helmut Pilhar (siehe Infobox), der am 15. Juni, 19 Uhr, bei einem Treffen des Vereins GAIA (siehe unten) die „Germanische Heilkunde nach Ryke Geerd Hamer“ in einem Lokal in Weistrach vorstellt.

„Ist der Gipfel von Verschwörungstheorien“

„Der Vortrag über die ‚Neue Germanische Medizin‘ ist der Gipfel von Verschwörungstheorien und obskuren Weltverschwörungen, was per se ja nichts Verwerfliches ist, wenn sich die geneigten Teilnehmer hobbymäßig damit beschäftigen. Geht es aber um die Gesundheit von Menschen ist Schluss mit lustig“, erklärt Bierbaumer.

Er selbst war ein GAIA-Mitglied der ersten Stunde. „Ich sah den Verein zunächst als Plattform für einen Wissensaustausch rund um die Erforschung von alternativen technischen Möglichkeiten zur Energieerzeugung. Das ist ja nichts Schlechtes“, erklärt der 39-Jährige. „So kam ich dazu.“

Auch mit der „Neuen Germanischen Medizin“ habe er sich eingehend beschäftigt. „Aufgrund schwerer Krankheit eines Familienmitgliedes war ich bei zwei Vorträgen der ‚Germanischen Heilkunde‘, bei einem mit Helmut Pilhar persönlich. Durch meine leidvolle Erfahrung kann ich sagen, dass die Versprechungen nur leere Worte waren – vor allem die strikte Ablehnung jeder schulmedizinischen Unterstützung halte ich für verwerflich.“

„Thesen und Ansichten sind irreführend“

Die vorgetragenen Thesen und Ansichten seien laut Bierbaumer irreführend. „Die immer angeführte ‚Universität Sandjeford‘ ist lediglich ein Buchversand von Hamer und keine reale, existierende Universität.“

Bei der Recherche im Internet über Hamer stolpere man rasch über „vollkommen surreale, teils antisemitische Aussagen. Ich will niemandem etwas Böses, aber ich möchte andere vor diesem Wahnsinn bewahren. Ich habe den Eindruck, dass mit der Angst der Menschen vor Krankheit und Tod unseriös umgegangen wurde. Dass der Verein GAIA diese medizinischen Falschaussagen unterstützt, ist höchst verwerflich“.

Rückenwind bekommt Bierbaumer vom NÖ Patientenanwalt Gerald Bachinger: „Wer Vorträge über Hamers Germanische Medizin hält, verbreitet dummen Unfug. Hamer ist ein ehemaliger Arzt, der außerhalb jeder Wissenschaft stehende Theorien vertritt“, nimmt er sich kein Blatt vor den Mund.

„Herr Pilhar ist ein Jünger des Hamer, seine Vorträge zu besuchen ist Zeitverschwendung, außer man will lachen“, meint er und fügt resignierend hinzu: „Gegen Dummheit ist noch kein Kraut gewachsen.“

„Verteufeln nichts und reden niemanden schlecht“

Der Mostviertler GAIA-Botschafter Gerald Weixlbaum erklärt, der Verein sei eine Plattform, die den Menschen Einsicht in verschiedene Ansätze gebe. „Im Sektor Gesundheit gibt es neben der Schulmedizin auch noch die Chinesische Medizin, die Homöopathie oder eben die ,neue Germanische Medizin‘“, sagt Weixlbaum.

„Wir bieten den Menschen die Möglichkeit an, sich Vorträge zu verschiedenen Gebieten anzuhören, um dann selbst über ihren Weg zu entscheiden. Mehr machen wir nicht. Wir verteufeln nichts und reden niemanden schlecht“, betont er.

Auf Helmut Pilhars Homepage gibt es die Annahmen der „Germanischen Heilkunde“ nach Ryke Geerd Hamer genau nachzulesen. Krebs entstünde laut Hamers „Eisernen Regeln des Krebses“ stets durch einen „schweren, hochakut-dramatischen und isolativen Konflikt-Schock.“ Dieser hinterlasse im Gehirn Spuren, die man mithilfe der Computertomographie (CT) fotografieren könne. Das nenne man den „Hamerschen Herd“.

Chemotherapie gleiche „Teufelsaustreibung“

Jeder Konfliktinhalt führe zu einem bestimmten Krebs im Körper. Daher kenne die „Neue Medizin“ die Ursache jeder Krebserkrankung und könne diese durch eine Konfliktlösung „heilen“. „Aber auch in der Germanischen Heilkunde kann ein Patient an seiner Erkrankung sterben“, steht dort geschrieben.

Das komme vor, wenn „der Patient zu lange oder immer wieder in Konflikt war, also das Problem selbst, das ihn akut ‚auf dem falschen Fuß‘ erwischt hatte, nicht in den Griff bekommen hat.“ Eine Chemotherapie gleiche außerdem „einer Teufelsaustreibung“.


Der Verein GAIA und der Fall Pilhar

  • Die „Gesellschaft für autarke Energie, technische Innovation & Altruismus“, kurz GAIA, beschäftigt sich mit den Themen Energie & Technologie, Wissen & Bildung, Ökonomie & Finanzen sowie Gesundheit & Ernährung. Der Verein hält regelmäßig in einem Lokal in Weistrach Treffen zu diesen Themen ab.

  • Helmut Pilhar ist der Vater von Olivia Pilhar, deren Krebserkrankung im Jahr 1995 international für Schlagzeilen sorgte. Das Mädchen litt an einem Nierentumor, aus Sicht der Ärzte ein operabler. Seine Eltern, überzeugt von Ryke Geerd Hamers „Neuer Germanischer Medizin“, verweigerten eine Therapie nach der Schulmedizin. Sie flüchteten nach Spanien. Als sie Olivia schließlich zurück nach Österreich brachten, war der Tumor schon mehrere Kilo schwer. Per Gerichtsbeschluss wurde sie operiert und einer Chemotherapie unterzogen. Olivia überlebte, ihre Eltern sind aber bis heute überzeugt, dass nicht die Schulmedizin ihre Tochter gerettet hat, sondern Hamers „Neue Germanische Medizin“.


„Irrtum würde mich freuen“

Kritiker stellt Auftriebskraftwerk, auf das auch Mostviertler warten und Anzahlung geleistet haben, sehr infrage.

Der Verein GAIA beschäftigt sich seit seiner Gründung 2011 mit den Themen Energie & Technologie. Im Vorjahr machte er mit einem Auftriebskraftwerk (AuKW), hergestellt von der Schweizer Firma Rosch, von sich reden. Dieses soll energieautark und emissionsfrei eine Tagesleistung von über 100 kWh liefern und den einzelnen Haushalt stromunabhängig machen.

Der 39-jährige Aschbacher Techniker Daniel Bierbaumer, der vor Jahren zum Verein ging, um sich über Entwicklungen für neue Energien auszutauschen, glaubt aber nicht daran: „Ich würde mich freuen, wenn ich mich irre, denn dann gäbe es kein Energieproblem mehr auf der Welt. Aber es wird nicht funktionieren. Laut Aussagen von Rosch und GAIA soll in einem geschlossenen System mehr Energie rauskommen, als hineingesteckt wird. Es wird als perpetuum mobile verkauft, aber das ist physikalisch unmöglich“, ist er überzeugt.

Bierbaumer kennt Leute im Bezirk, die bereits eine Anzahlung für so ein Kraftwerk geleistet haben.
Auch auf zahlreichen Internetseiten wird das AuKW und seine Funktionsweise angezweifelt. Der Oberösterreicher Wolfgang Süß etwa, Betreiber der Internetseite gaia.ws1.eu, widmet sich diesem schon über ein halbes Jahr lang äußerst kritisch.

Der Mostviertler GAIA-Botschafter Gerald Weixlbaum kann nicht mit Sicherheit sagen, dass das Kraftwerk die erhoffte Energieunabhängigkeit tatsächlich bringen werde. Im Frühjahr soll in Köln ein Serienmuster präsentiert werden. Erfülle es die Erwartungen nicht, dann könnten die Leute aber vom Vertrag zurücktreten und bekämen auch die Anzahlung (rund 2.000 Euro) zurück.