99-Jähriger: „Ich rate, mindestens einmal täglich herzhaft zu lachen“

Alfred Moser feiert im Mai seinen 100. Geburtstag. Er blickt auf ein bewegtes Leben zurück und denkt immer positiv.

Erstellt am 05. Januar 2022 | 03:33
Lesezeit: 5 Min
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Seine positive Denkweise hat sich Alfred Moser, der im Mai seinen 100. Geburtstag feiern wird, zeit seines langen Lebens bewahrt.
Foto: Penz

Der ehemalige Gemeindearzt Medizinalrat Alfred Moser feiert im Mai 2022 seinen 100. Geburtstag. Nach der Matura in Linz promovierte der in Wallsee Geborene in Wien zum Doktor der gesamten Heilkunde und absolvierte seinen Turnus im Krankenhaus Amstetten, danach war er sechs Jahre als praktischer Arzt in Seitenstetten tätig, von 1960 – 1985 übte er dieselbe Tätigkeit als Gemeindearzt in Wolfsbach aus. Der Kriegsdienst hatte sein Leben mit einer schweren Verwundung massiv beeinflusst. Ausgleich zum beruflichen Alltag fand er vor allem im Malen von Aquarellen.

NÖN: Herr Medizinalrat, wie war Ihre Kindheit, woran können Sie sich bewusst erinnern?

Alfred Moser: Ich wuchs im Habsburgerschloss Wallsee auf, mein Vater arbeitete dort als Tischler und war Hobbyimker. Ich darf dankbar auf eine unbeschwerte Kindheit mit viel Naturverbundenheit zurückblicken und besuchte die Volksschule Wallsee. Ein Bienenschwarm, den ich vom Baum bringen sollte, wurde mir mit mehr als 20 Stichen fast zum fatalen Verhängnis. Durch die enge Verbindung zu den Habsburgern kam ich drei Jahre lang in den Genuss von Privatunterricht vor Ort, gemeinsam mit deren Kindern als Seitenstettner Gymnasiast mit Externistenprüfungen, danach musste ich an die Bundeserziehungsanstalt in Traiskirchen wechseln, wo im Jahr 1938 die Schülerzahl aus politischen Gründen von 600 auf etwa 200 drastisch reduziert wurde. Diese Schule wurde nämlich zu einer „Kaderschmiede“ umfunktioniert. Ich wurde als guter Mathematiker kurzum einfach mit „nicht genügend“ klassifiziert. Ab der 6. Klasse wohnte ich daher dann bei einer Tante in Linz, wo ich 1941 auch die Matura ablegen konnte.

Schildern Sie den Lesern bitte die Jahre bis 1945, Sie leisteten ja Militärdienst und wurden 1945 durch Granatsplitter kurz vor Kriegsende schwer verwundet.

Moser: Gleich nach der Matura wurde ich für ein halbes Jahr zum Arbeitsdienst eingezogen, ehe ich der Infanterie in Amstetten zugeteilt wurde. Ich habe schon früh meine spätere Frau in Lackenhof am Ötscher besucht, bisweilen sogar mit dem Fahrrad, die Bergwelt und das Skifahren waren mir also irgendwie vertraut. Daher meldete ich mich freiwillig als Gebirgsjäger und tat Dienst beim Hochgebirgsbataillon in Berchtesgaden. Meine Einsatzgebiete waren dann Russland und der Balkan, der Kaukasus und Griechenland. Am vorletzten Kriegstag wurde ich an der ungarischen Grenze schwer verwundet, nachdem vier Meter neben mir eine Granate eingeschlagen hat und mich drei Granatsplitter am linken Fußgelenk getroffen haben.

Sie waren in einem französischen Lazarett in Lindau am Bodensee untergebracht und dann vier Monate in französischer Gefangenschaft? Wie haben Sie diese außergewöhnlichen Lebenserfahrungen geprägt?

Moser: Ich begann trotz körperlicher Beeinträchtigung mein Medizinstudium in Wien und war drei Semester mit Krücken unterwegs. Das brachte sogar manchen Vorteil, denn immer wieder einmal trugen mich als Gehbehinderten Studenten an Kollegen vorbei in die erste Reihe nach vor. Damals gab es sehr viele Studierende, daher kam mir diese Unterstützung doch sehr zugute.

Hatte der Krieg Einfluss auf Ihre Berufswahl?

Moser: Ursprünglich wollte ich ja Maschinenbau studieren, aber nachdem ich in Griechenland viermal an Malaria erkrankt war, lernte ich die medizinische Tätigkeit als Patient relativ gut kennen. Das hatte zur Folge, dass, obwohl ich dort in der Schreibstube Dienst machte, in meinem Soldbuch „Medizinstudent“ eingetragen war. Vielleicht gab das tatsächlich den Ausschlag für meine Berufswahl.

Wie haben Sie den Wiederaufbau unseres Vaterlandes in der Nachkriegszeit oder auch die „Vier im Jeep“ in der Bundeshauptstadt wahrgenommen?

Moser: Es war sicher außergewöhnlich, als Tischlersohn in bescheidenen Verhältnissen lebend, ein Studium antreten zu dürfen. Aber meiner Familie ging es persönlich dank der Unterstützung durch die Wallseer Habsburger selbst zu dieser Zeit relativ gut, wir wurden stets ausreichend mit Holz aus den Auwäldern oder auch Naturalien und Lebensmitteln versorgt. Ich konnte sogar den Honig meines Vaters in Wien relativ teuer an einen Kellner verkaufen, der ihn kleiner portionierte und weitervertrieb. Die „Vier im Jeep“ waren für mich nicht präsent, ich blieb politisch stets unbeeinflusst und lebte als Student meine Freiheit aus. Die Stimmung in der Jugend war nach dem Kriegsende überaus positiv. Wir verspürten keine Belastung, besuchten Bälle, ich war auch einmal Türsteher bei einem Studentenball, habe mich jedenfalls von den Besatzungsmächten nie irgendwie bedroht gefühlt.

Was schätzen Sie an Österreich so ganz besonders? Was bedeutet Ihnen Niederösterreich?

Moser: Österreich und Niederösterreich sind mir Heimat, und Heimat ist, wo man sich geborgen fühlt, vor allem auch bei den Eltern und in der eigenen Familie.

Was würden Sie als größte Herausforderungen in Ihrem Leben bezeichnen?

Moser: Das waren eindeutig meine Familie mit Frau und vier Kindern und die Ausübung des Arztberufes. Ich war ja als Gemeindearzt 24 Stunden am Tag im Dienst, und gerade in strengen Wintern wurde ich – obwohl ich schon ein Auto besaß – aufgrund schlechter Straßenverhältnisse nicht selten von Bauern per Traktor zu den Patienten transportiert.

Blieb da auch noch Zeit für Hobbys und Freizeit?

Moser: Ich spielte gerne im Orchester des Kirchenchores die Violine. Der Werkstoff Holz hat mich auch immer fasziniert, im Besonderen aber bin ich der Aquarellmalerei verfallen, für die ich auch Kurse belegt habe. Das hat mich erfüllt. Zuerst malte ich die Bilder eher nur als Geschenke, daraus aber entwickelte sich eine wahre Leidenschaft. Meine Werke wurden dann auch bei Ausstellungen gezeigt.

Wenn Sie heute auf Ihr Leben zurückblicken, welche Parameter würden Sie als Ihre Lebensmaximen nennen?

Moser: In der Zwischenkriegszeit war es selbst bei manchem Verzicht die Zufriedenheit; meine Eltern kannten kein Jammern. Der Krieg ist etwas Fürchterliches, die Nachkriegszeit erlebte ich in jugendlichem Leichtsinn, die Berufsjahre waren fordernd und der Ruhestand ist eine Gnade. Lang zu leben ist schön, alt zu werden nicht immer!

Sie setzten sich einst für die „Aktion Leben“ ein, was bedeutet Ihnen Religion? Wie lautet kurzgefasst Ihr Lebensmotto?

Moser: Wir können nichts ergründen und beweisen, daher ist der Glaube notwendig, weil der Beweis fehlt! Mein Lebensmotto orientiert sich an der Uhr: Alles ist vorgegeben und regelmäßig, der Stundenschlag ist festgelegt. Man muss Geduld aufbringen und Maß halten, in jeder Hinsicht! Ich habe nie über’s Ziel geschossen.

Und wie sehen Sie die Zukunft? Haben Sie einen Rat an die Jugend?

Moser: Ich würde jedenfalls zu einer positiven Lebenseinstellung raten, das ist das Wichtigste – mit guter Planung, geregeltem Leben, Mäßigung und mindestens einmal täglich herzhaftem Lachen!