Seitenstettner Ärztin hilft Menschen in Gaza. Die Seitenstettner Ärztin Michaela Fried setzt sich für Menschen in Gaza ein.

Von Doris Schleifer-Höderl. Erstellt am 04. August 2019 (04:34)
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Michaela Fried mit einem autistischen Buben, mit dem sie über quietschendes Malen mit Kreide auf der Tafel und mit Wasser und Tafellöschen in Kontakt kommt.
privat

„Ich bin mir der Gefahren bewusst, aber wenn ich etwas in meinem Leben gelernt habe, dann ist es genau hin- und nicht wegzuschauen. Einen faulen Frieden gibt es für mich nicht“, erklärt Michaela Fried, ihres Zeichens Fachärztin für Kinderheilkunde, Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie.

Sie war bereits sechs Mal im Gazastreifen und hat auch Bombenangriffe hautnah miterlebt. „Ich lasse mich nicht unterkriegen. Mein Mann trägt wohl die Angst und Sorge um und für mich, immer wenn ich wieder einmal im Gaza bin. Aber ich kann nicht anders, ich will und muss etwas tun.“

Bombenangriffe in Gaza hautnah miterlebt

Die 55-jährige Wahl-Mostviertlerin ist ärztliche Leiterin des Heilpädagogischen Zentrums Rust, stellvertretende Leiterin des Psychosozialen Dienstes für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Eisenstadt sowie Konsiliarfachärztin in Kinderwohngruppen und Landesjugendheimen in Niederösterreich, Oberösterreich und im Burgenland. In Salzburg aufgewachsen und seit zwölf Jahren in Seitenstetten wohnhaft, gründete die engagierte Medizinerin gemeinsam mit Kollegen 2017 das Internationale Netzwerk „Bridges for Hope und Peace“.

Michaela Fried mit ihrem Mann beim Benefiz-Friedenslauf „Run4GAZA“ im Mai dieses Jahres in Seitenstetten.
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Die NGO unterstützt psychologisches Engagement in konfliktreichen Gebieten unter anderem in Papua Neuguinea, Arizona und im Gazastreifen. „Wir bauen Brücken zwischen Helfern und Opfern von Kriegen, Belagerungen, Gewalt, Lebensmittelknappheit, Ärzte- und Medikamentenmangel, die ohne Bildung, in Armut und vertrieben von ihrem Zuhause leben. All diese Fälle haben in den letzten Jahren zugenommen. Unsere NGO ist davon überzeugt, dass wir Konflikte nur lösen können, wenn wir ihren systemischen Kontext im Auge behalten.“

Doch wie ist Michaela Fried eigentlich zur Friedensaktivistin geworden? „Ich bin drei Monate zu früh auf die Welt gekommen und brauchte danach zehn Jahre, um überhaupt ins Leben zu finden. Es war nicht einfach, weil die Ärzte meinen Eltern vermittelten, ich werde nie ein normales Leben führen können. Damals begann mein Kampf, mich zu behaupten und zu beweisen. Bis zu meinem sechsten Lebensjahr konnte ich nur zu 20 Prozent sehen und benötigte mehrere Augenoperationen. Es ist mir aber gelungen, mich von der Minderwertigkeit zu einem vollwertigen Menschen zu entwickeln.“

„Brauchte zehn Jahre um ins Leben zu finden“

Michaela Fried absolvierte zudem eine Spezialausbildung zum Thema Traumatherapie und war für die Organisation „Ärzte ohne Grenzen“ Ende der 1990er-Jahre in Mazedonien und im Südsudan im Einsatz.

Bereits sechs Mal war die Ärztin im Gazastreifen unterwegs und hat auch Bombenangriffe hautnah miterlebt. Am Bild: Das Flüchtlingslager Jabalia im Norden von Gaza.
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Vor neun Jahren unternahm die Ärztin schließlich gemeinsam mit ihrem Mann Michael und der Pfarre Seitenstetten eine Pilgerreise nach Israel. „Die Reise hat mir sehr gefallen. Anderseits hatte ich das Gefühl, wir sehen nicht alles. Damals wusste ich schon, ich muss nochmals hin, aber mit einem anderen Ziel. So kam ich mit dem Pädagogischen Institut für Neue Autorität von Haim Omer in Kontakt und begann, mich mit der Situation der Menschen im Gazastreifen zu beschäftigen. Nirgendwo habe ich die bildmachende Gewalt deutlicher gesehen als im Gazastreifen.“ Dort leben 1,9 Millionen Menschen – 70 Prozent davon in den neun Flüchtlingslagern. Sie sind auf humanitäre Hilfe angewiesen.

„Wir arbeiten mit Pädagogen, Schülern und Eltern vor Ort. Und wir sehen, dass wir damit Familien helfen können. Nun sind wir dabei, Fachkräfte vor Ort auszubilden. Unser derzeitiges Projekt ist ein Trainingsprogramm für zukünftige Anwender von gewaltfreiem Widerstand oder „Neue Familienautorität“, wie wir es im Gaza nennen. Damit wird es möglich sein, die Ideen von Gewaltfreiheit zu verbreiten und Eltern sowie Lehrern in gewaltfreiem Verhalten Zuhause und in der Schule zu coachen. Unser Ziel ist es, die Gewalt, die Kinder im Gaza erleben, zu reduzieren.“