Biberbach verkauft Fernwärme. Fernwärme Seitenstetten GmbH will Anlage und Leitungsnetz erneuern und investiert 4,5 Millionen Euro.

Von Hermann Knapp. Erstellt am 18. November 2020 (06:22)
Bürgermeister Fritz Hinterleitner beim Fernheizwerk Biberbach.
Knapp

Einen historischen Beschluss hat der Gemeinderat in der Sitzung am Montag der Vorwoche gefasst: den Verkauf des Fernheizwerkes an die Fernwärme Seitenstetten GmbH. „Wir sehen darin die einzige Chance, die Wärmeversorgung in Biberbach langfristig sicherzustellen“, sagt Bürgermeister Fritz Hinterleitner.

Gemeinde hat rund 500.000 Euro investiert

Begonnen hat alles vor 35 Jahren. Mit viel Pioniergeist und Engagement errichteten Bürgermeister Karl Latschenberger und sein Team damals eines der ersten Biomasseheizwerke in NÖ. 1985 ging die „Fernwärme Biberbach“ mit 29 Abnehmern (darunter öffentliche Gebäude) in Betrieb. Im Jahr 2003 wurde das Kesselhaus modernisiert, die Hydraulik erneuert und die Feuerungstechnik des Kessels auf den neuesten Stand gebracht. Mittlerweile versorgt die Anlage 154 Abnehmer. In einer Heizsaison werden rund 8.000 Kubikmeter Biomasse aus heimischer Forstwirtschaft verwertet.

Völlig kostendeckend war die Anlage allerdings nie. In diesen 35 Jahren hat die Gemeinde in Summe rund 500.000 Euro zugeschossen. Weil der Zahn der Zeit am Biomasseheizwerk genagt hat und zudem 2019 eine neue Feuerungsanlagenverordnung in Kraft getreten ist, macht man sich in Biberbach seit geraumer Zeit Gedanken, wie es weitergehen soll. Um die neuen Grenzwerte bei den Emissionen zu erfüllen, müssen Rauchgase noch stärker gereinigt werden. Der Einbau eines Elektrofilters im unterirdischen Heizwerk ist unmöglich, bleibt nur die Variante Rauchgaskondensation.

Die würde aber rund 150.000 Euro Kosten. „Aber selbst wenn wir dieses Geld in die Hand nehmen, haben wir noch immer eine veraltete Anlage und auch ein altes Leitungsnetz, in dem es immer öfter zu Wasserverlusten kommt“, sagt Hinterleitner. Daher gelangte man zur Einsicht, dass nur ein Neubau oder ein Zubau unter Einbindung des bestehenden Heizhauses Sinn machen würde.

Die Gemeinde hat sich mit der Ringhofer & Partner GmbH einen Spezialisten ins Boot geholt, der ein Projekt erarbeitet hat, das einen deutlich kleineren Biomassekessel mit einer Leistung von 800 kW, einen Pufferspeicher mit 100.000 Liter Fassungsvermögen, (um Verbrauchsspitzen abzufangen) und eine automatische Aschenentleerung vorsieht. Durch einen westseitigen Zubau würde eine ebenerdige Einfahrt in den bestehenden Kesselraum möglich. Die gesamten Kosten für das Projekt werden auf 2,3 Millionen Euro geschätzt, rechnet man die Erneuerung des Leitungsnetzes dazu, erhöht sich die Summe auf 4,5 Millionen Euro. Für die Gemeinde ist das unmöglich zu stemmen: „Selbst mit Förderungen von Land, Bund und EU hätten wir noch immer eine Finanzierungslücke von 1 bis 1,5 Millionen Euro“, sagt der Bürgermeister.

Zwei Interessenten legten ein Angebot

Guter Rat war da teuer. Doch dann ließ das Land in Gesprächen anklingen, dass es Interessenten für den Kauf der Biberbacher Fernwärme gebe. „Das war für uns insofern überraschend, weil die Anlage in den letzten Jahren von allen Experten als unverkäuflich eingestuft worden war“, berichtet Hinterleitner. Tatsächlich unterbreiteten aber nach Prüfung des Heizwerks zwei Firmen ein konkretes Angebot. Engie, ein international tätiges Unternehmen in den Bereichen Energie- und Gebäudetechnik, das etwa 20 Biomasseheizanlagen in Österreich betreibt, und eben Fernwärme Seitenstetten GmbH von Paul Latschenberger, der ja selbst in Biberbach ansässig ist.

„Wir haben uns die Entscheidung nicht leicht gemacht. Wichtige Kriterien waren ein gesicherter Weiterbestand der Fernwärme, eine möglichst geringe Preiserhöhung und vertretbare Investitionskostenbeiträge für die Kunden. Außerdem ist uns wichtig, einen Partner zu haben, der im Störungsfall rasch greifbar ist“, sagt Hinterleitner. Den Ausschlag für Latschenberger gab letztlich aber die Tatsache, dass dieser schon im kommenden Jahr das gesamte Leitungsnetz erneuern wird, während die Firma Engie das nur Zug um Zug plante.

„Wir werden die Grabarbeiten nutzen, um Leerrohre für Lichtwellenleiter zu verlegen, denn damit schaffen wir praktisch einen flächendeckenden Ausbau im gesamten Ortsgebiet. Mit 150 potenziellen Nutzern wird Biberbach sicher auch für die nöGIG noch interessanter und wir hoffen, dass unsere Gemeinde bei ihrem nächsten Glasfaser-Ausbauprojekt dabei sein wird“ , sagt der Ortschef.

Die Gemeinde wird natürlich einen entsprechenden Beitrag zu den Grabungskosten leisten. „Wir haben uns das schon ausrechnen lassen. Es ist für alle Beteiligten ein Vorteil, wenn wir nicht zwei Mal aufgraben müssen.“

Bis Ende der Heizsaison 2020/21 wird die Gemeinde die Anlage noch betreuen und auch die Abrechnung durchführen. Schon im Frühjahr 2021 soll mit dem Zubau begonnen werden. Das neue Werk soll bis zum Herbst fertig sein.