Thomas Hörmann: „Elektromobilität ist die derzeit beste Lösung“

Erstellt am 23. Juli 2022 | 05:19
Lesezeit: 7 Min
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Thomas Hörmann hat mit Polestar in Österreich viel vor.
Foto: Polestar/Zsolt Marton
Polestar-Österreich-Geschäftsführer Thomas Hörmann im großen NÖN-Interview.
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NÖN: Mit der Eröffnung des Polestar Space in der Wiener Innenstadt im Herbst 2021 ist Polestar offiziell in Österreich angekommen. Was hat sich seither getan?

Thomas Hörmann: Sehr viel! Wir haben vor etwas mehr als zwölf Monaten unsere Tätigkeiten in Österreich aufgenommen und im Sommer 2021 die ersten fünf Fahrzeuge in Wien vor der Presse präsentiert. Unser Team bestand damals aus ebenso vielen Personen. Heute sind wir hierzulande bereits 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und haben mehrere hundert Autos auf den Straßen unterwegs. Die Eröffnung des Polestar Space im Hochhaus Herrengasse war sicherlich einer der wichtigsten Meilensteine für uns. In den vergangenen Monaten durften wir mit dem Startschuss von zusätzlichen Probefahrtangeboten noch einige weitere feiern. Mittlerweile bieten wir auch in Wiener Neudorf, Linz, Graz und Innsbruck die Möglichkeit, Polestar kennenzulernen und zu testen. Unser Fußabdruck wächst also kontinuierlich weiter.

Wo kann man Polestar live in Niederösterreich erleben?

Hörmann: In Wiener Neudorf bei Grünzweig Automobile gibt es seit dem Frühjahr 2022 eine sogenannte Polestar Temporary Destination. Ähnlich wie in unserem Polestar Space bietet das Konzept ein modernes, minimalistisch-skandinavisches Umfeld und Beratung durch kommissionsfreie Spezialisten. Außerdem gibt es natürlich die Möglichkeit, eine Probefahrt mit dem vollelektrischen Polestar 2 zu buchen. Der Standort ist strategisch günstig in einem Top-Gewerbegebiet gelegen und die Firma Grünzweig ist auch ein engagierter Polestar-Partner der ersten Stunde.

Wie groß ist das Interesse an Probefahrten?

Hörmann: Ein Auto wie den Polestar 2 muss man selbst erleben. Analog zu unserer Bekanntheit wächst somit auch das Interesse an Probefahrten an allen fünf Standorten. Die Slots, die übrigens online gebucht werden können, sind gut gefüllt. Aktuell sind wir zusätzlich auf Roadshow durch Österreich unterwegs und touren durch die Urlaubsregionen des Landes, um noch mehr Interessierten die Möglichkeit zu geben, Probefahrten zu absolvieren.

Nach dem Motto „digital first“ setzt Polestar auf ein ganz besonderes Kauferlebnis: Interessierte wickeln alle Prozesse online ab, von der Probefahrtbuchung über die Konfiguration und das Leasing bis hin zum Kauf … Autos übers Internet verkaufen: ein gewagter Ansatz?

Hörmann: Das war es vielleicht vor einigen Jahren noch, heute sehen wir, dass immer mehr OEMs den Direktvertrieb in Angriff nehmen – vermutlich hat auch die Pandemie hier ein Umdenken bewirkt. Dennoch ist das digitale Geschäftsmodell im Automobilverkauf vergleichsweise neu und deshalb etwas, was uns von anderen unterscheidet. Wichtig ist dabei, dass der gesamte Prozess benutzerfreundlich gestaltet ist. Wir setzen auf einen 360 Grad Ansatz und bieten, wie gesagt, von der Probefahrtbuchung über die Konfiguration bis hin zur Versicherung durch unseren Partner Uniqa alles online an. Selbst Beratung zu Förderungsmöglichkeiten und zur Ladeinfrastruktur sind im Onlineprozess integriert. Und dann gibt es natürlich immer noch unsere Polestar-Spezialisten an den Standorten und auch unsere Hotline, die bei Fragen stets unterstützen.

Ihre Partner sind Volvo-Händler in Österreich, sind auch Nicht-Volvo-Händler denkbar?

Hörmann: Unser Volvo-Backbone ist eine unserer Stärken. Wir können Synergieeffekte nutzen und profitieren von dem weit verzweigten, gut etablierten und vor allem hochqualitativen Netzwerk, das sich Volvo mit seinen fast 100 Jahren aufgebaut hat. Aktuell verfügen wir über 26 autorisierte Polestar-Servicepunkte von Ost nach West, die geschulte Ansprechpartner für Services, Wartungen und Reparaturen bieten. Wir sind bereits gut aufgestellt und diese hohe Abdeckung zeichnet uns gegenüber manchem Mitbewerber aus.

Wie viele Service-Partner gibt es derzeit bzw. wie viele sollen es werden?

Hörmann: Aktuell besteht unser Netzwerk aus 26 Polestar-Servicepunkten. Ein Ansprechpartner in unmittelbarer Kundennähe ist ganz einfach über die Website zu finden. Wir haben damit bereits die erwähnte gute Abdeckung, aber evaluieren natürlich laufend unsere weiteren Möglichkeiten

Wie wichtig ist das B2B-Geschäft für Sie?

Hörmann: Österreich ist ein B2B-Markt. Firmenkunden nehmen daher einen hohen Stellenwert für uns ein bzw. machen einen großen Anteil aus. Der Polestar 2 ist das ideale Firmenauto, denn es vereint Design und Nachhaltigkeit mit finanziellen Vorteilen. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass die wirtschaftlichen Vorteile für Dienstwagenfahrer und Unternehmen gewichtig sind. Stichworte sind hier insbesondere Vorsteuerabzug (bei der Erfüllung bestimmter Rahmenbedingungen), Sachbezug, motorbezogenen Versicherungssteuer.

Wie viele Polestar sind derzeit auf Österreichs Straßen unterwegs?

Hörmann: So viele, dass Polestar als Marke zunehmend bekannt wird, aber die Fahrzeuge dennoch für interessierte Blicke sorgen. Das ist natürlich auch ihrer ansprechenden Optik geschuldet.

Welche Polestar-Modelle sind aktuell in Österreich erhältlich? Welche Modelle sind für die nächsten drei Jahre geplant?

Hörmann: Unser Produktportfolio umfasst zwei Fahrzeuge, wobei der Polestar 1 nicht mehr erhältlich ist. Er wurde bis Ende letzten Jahres in Kleinserie gefertigt und ist daher ein echtes Sammlerstück. In Österreich gibt es nur eine Handvoll des Performance Hybrid-GT. Das Volumenmodell Polestar 2 ist allerdings verfügbar und das innerhalb von rund vier Monaten bei Neukonfiguration. Bereits vorkonfigurierte Fahrzeuge und sogenannte pre-owned Polestar 2 sind ebenfalls auf unserer Website erhältlich, diese können innerhalb von drei bis vier Wochen ausgeliefert werden. Im Falle der pre-owned-Fahrzeuge geschieht das sogar direkt vor die Haustüre mit dem Home Delivery Service durch unseren Partner Hödlmayr.

Was ist mittelfristig Ihr Businessplan?

Hörmann: Wir wollen in Österreich weiter wachsen und eine Relevanz erreichen, indem wir Volumen machen. Dazu wird auch der Polestar 3, ein elektrischer Performance SUV wichtig sein, den wir im Oktober präsentieren. Global gesehen gibt es sehr ambitionierte Wachstumspläne. Bis 2024 wird die Produktpalette um drei neue Fahrzeuge erweitert, bis 2025 wollen wir weltweit 290.000 Autos pro Jahr verkaufen. Das sind zehnmal mehr als 2021. Bisher sind wir auf einem sehr guten Weg. Alleine in den ersten Monaten des Jahres konnten wir global gesehen einen Rekordabsatz verzeichnen.

Viele Autoinsider meinen, dass die Reichweite der Elektroautos nicht mehr das Problem sei, sondern die Infrastruktur der Ladestationen …

Hörmann: Eine gute Ladeinfrastruktur ist das Um und Auf, das steht außer Frage. Wer nicht zuhause laden kann, ist auf öffentliche Angebote angewiesen und diese werden immer mehr. Gerade entlang der Autobahn sind alleine im letzten Jahr mehrere Ladeparks entstanden, an denen mehrere Hypercharger zur Verfügung stehen. Auch im Stadtgebiet wird die Infrastruktur sukzessive ausgebaut. Sie laden also einfach dann, wenn Sie parken, zum Beispiel beim Supermarkt oder vor dem Restaurant. Wir sind hier auch in regem Austausch mit unserem Partner Smatrics, der natürlich erhebliche Investitionen in den weiteren Ausbau tätigt.

Der Polestar 2 mit einem 78-kWh-Akku hat eine Reichweite von maximal 540 Kilometer (laut WLTP). Wie hoch wird die Reichweite eines Polestars in zehn Jahren sein?

Hörmann: Die Reichweiten werden laufend besser. Auch jetzt schon beim Polestar 2, der dank Over-the-Air-Updates bereits Verbesserungen bei der Ladegeschwindigkeit und realen Reichweite erhalten hat. Für den Polestar 3 ist eine Reichweite von zumindest 600 Kilometer laut WLTP angekündigt. Spätestens mit weiteren Fortschritten in der Batterieentwicklung werden auch bald hohe Reichweiten realistisch sein und darüber hinaus wird dank neuer Technologien auch das Laden deutlich schneller gehen.

Geht es nach der EU, dann dürfen ab 2035 nur mehr Elektroautos zugelassen werden. Ihre Meinung dazu?

Hörmann: Wenn wir unsere Klimaziele erreichen und unsere Umwelt schützen wollen, müssen wir handeln, und das schon gestern. Es ist nicht die Zeit für schrittweise Veränderungen. Die Gelder, die noch immer in die Entwicklung von Verbrennungsmotoren fließen, sollten in Innovationen für eine klimaneutrale Mobilität investiert werden. Wir sind der Meinung, dass Elektromobilität die derzeit beste Lösung ist, aber gleichzeitig ist sie erst der Anfang. Es braucht mindestens genauso viel Aufmerksamkeit für saubere Lieferketten und Recycling. Daran arbeiten wir gerade und wir fordern die Industrie auf, es uns gleichzutun

Abschließende Frage: Ist das Elektroauto der Weisheit letzter Schluss?

Hörmann: Wie zuvor schon erwähnt, ist das Elektroauto aktuell die beste Lösung. Es ist aber aktuell die wirksamste Klimaschutzlösung, die uns zur Verfügung steht. Und es ist ein Startpunkt auf dem Weg zu echter klimaneutraler Mobilität. Wie bereits gesagt bedeutet sauber, dass wir alles von Anfang bis Ende betrachten müssen. Das heißt, wir müssen Lösungen finden, wie wir Autos klimaneutral produzieren aber auch entsprechend wiederverwerten und recyceln können. Unser „Polestar 0 Projekt“ widmet sich diesem Thema und verfolgt das Ziel, bis 2030 ein wirklich klimaneutrales Auto zu entwickeln. Hier arbeiten wir übrigens auch schon mit namhaften Zulieferern und Partnern zusammen, darunter ZKW in Wieselburg.