Crashtests für Menschen außerhalb der Norm. Fahrzeuge von heute gelten durch Crashtests und moderne Technik als relativ sicher. Doch körperliche Besonderheiten nachzustellen ist oftmals nicht leicht.

Von Redaktion BVZ.at und Redaktion NÖN.at. Erstellt am 09. September 2021 (08:11)
Adaptive Rückhaltesysteme mit Sicherheitsplus
ÖAMTC

Grundsätzlich sind moderne Pkw sehr sicher. Dafür sorgen u. a. Crashtests, die im Rahmen der Typengenehmigung, aber auch von Konsumentenschutzorganisationen wie dem Mobilitätsclub durchgeführt werden.

"In der Regel werden dabei Dummies eingesetzt, die die körperlichen Eigenschaften einer möglichst breiten Bevölkerungsgruppe abdecken. Es gibt aber natürlich auch Personengruppen, die von diesen Standards abweichen", erklärt ÖAMTC-Verkehrstechniker David Nosé.

Ein Beispiel dafür ist der wachsende Anteil älterer Menschen: Sie bringen großteils andere körperliche Voraussetzungen mit als beispielsweise der in vielen Crashtests eingesetzte "50 Perzentil Mann" (50 Prozent der Männer sind größer/kleiner bzw. leichter/schwerer als dieser Dummy). Mit einem aktuellen Test zeigt der Mobilitätsclub, wie wichtig es ist, körperliche Unterschiede bei der Bewertung der Fahrzeugsicherheit stärker zu berücksichtigen.

Zu diesem Zweck wurde die Wirkung von konventionellen und adaptiven Rückhaltesystemen anhand von zwölf Versuchen mit fünf unterschiedlichen Dummies untersucht, die die gesamte Bandbreite der Bevölkerung abdecken - von klein bis groß, leicht bis schwer, jung bis alt sowie weiblich und männlich.

Adaptive Rückhaltesysteme mit Sicherheitsplus – allerdings nicht in jeder Konstellation

Ein Ergebnis des Tests: Der Einsatz adaptiver Sicherheitssysteme hat die Belastung des Crashs auf die Dummies, die den durchschnittlichen Mann, die kleine Frau und die ältere Dame repräsentieren, reduziert. "Über Sensoren erkennen adaptiv gesteuerte Rückhaltesysteme die Unfallschwere sowie die körperlichen Eigenschaften des Pkw-Insassen und können Airbag und Gurt damit individuell anpassen.

Die Versuche deuten darauf hin, dass derartige Rückhaltesysteme bei Männern und Frauen sowie älteren Personen positiven Einfluss auf den Verletzungsgrad haben könnten", so der ÖAMTC-Experte. Eine Reduzierung der Belastungen, insbesondere auf die Brust und das Abdomen, könnten ferner durch "weichere" Rückhaltesysteme erzielt werden.

Anders sieht es bei großen (101 kg, 193 cm) und schweren (125 kg, 175 cm) Insassen aus: Die Dummies waren im Test nur durch konventionelle Gurte und Airbags ausreichend geschützt. "Die verwendeten adaptiven Sicherheitssysteme könnten im Ernstfall beide aufgrund des höheren Gewichts mit großer Wahrscheinlichkeit nicht ausreichend zurückhalten", stellt Nosé klar.

"Zudem haben sehr schwere Insassen ein erhöhtes Risiko, dass der Effekt des Submarining auftritt: Aufgrund des höheren Bauchumfangs kann der Beckengurt den Insassen nicht mehr optimal am Becken zurückhalten und rutscht in den Bauchraum, wo er schwere innere Verletzungen verursachen kann." Aber auch wenn der 3-Punkt-Sicherheitsgurt mit Gurtstraffer und Gurtkraftbegrenzer ein erhöhtes Verletzungsrisiko bei dieser Personengruppe birgt, ist die starke Rückhaltung notwendig, damit ein Zusammenstoß mit Fahrzeugkomponenten verhindert wird – denn ein Aufprall am Lenkrad oder anderen Fahrzeugkomponenten könnten deutlich schwerere Verletzungen verursachen.

Gurtverwendung sowie richtige Sitzposition nach wie vor Um und Auf zur Eigensicherung

Unabhängig von allen Testergebnissen gilt: Um den vollen Schutz der Rückhaltesysteme gewährleisten zu können, gilt es, für jeden Insassen die optimale Sitzposition zu finden. Das bedeutet, dass die Sitzlehne möglichst aufrecht sein und die Kopfstütze ein Niveau mit dem Scheitel bilden sollte. Zudem sollte das Lenkrad bequem erreichbar und die Arme dabei nicht durchgestreckt sein. "Der Sicherheitsgurt muss unbedingt verwendet werden", hält der ÖAMTC-Experte fest. "Denn nur die Verwendung des Gurtes sowie eine korrekt eingestellte Sitzposition bieten einen optimalen Schutz im Falle eines Unfalles."

Einführung der Gurtpflicht brachte signifikante Verbesserungen

Seit 15. Juli 1976 gilt in Österreich die Gurtpflicht. Ab 1. Juli 1984 wurden Verstöße mit einer Organstrafverfügung sanktioniert. Die Auswirkung auf die Zahl der Getöteten war signifikant. Vorher kamen Jahr für Jahr rund 1.900 Menschen im Straßenverkehr ums Leben – 1985 sank diese Zahl deutlich auf rund 1.500. Seither ist ein kontinuierlicher Rückgang zu verzeichnen, während die Anzahl der Pkw-Zulassungen zeitgleich ansteigt.

"Dennoch gehen auch 45 Jahre nach Einführung der Gurtpflicht viele Autofahrer ein hohes Risiko ein und verzichten auf das Anschnallen", hält Nosé fest. In den vergangenen fünf Jahren verzichtete mehr als jeder vierte (28,8 Prozent) getötete Pkw-Insasse auf den Gurt (Quelle: Statistik Austria; Bearbeitung: ÖAMTC Unfallforschung). Männer zwischen 25 und 44 Jahren haben dabei das geringste Gefahrenbewusstsein. In dieser Gruppe war in den vergangenen fünf Jahren der Anteil der Todesopfer, die nicht angeschnallt waren, mit rund 40 Prozent besonders hoch.

Dabei belegt die Statistik eindeutig, dass Gurte Leben retten können: Neun Prozent aller im Auto gesicherten Personen trugen bei einem Crash in den letzten fünf Jahren schwere bis tödliche Verletzungen davon. Bei den ungesicherten Pkw-Insassen ist diese Quote mit 31 Prozent mehr als dreimal so hoch.

Im Pkw tödlich verunglückte Personen insgesamt sowie ohne Gurt (seit 2012)

Jahr     gesamt   ohne Gurt     Anteil

2012      279        83         29,7%

2013      193        64         33,2%

2014      189        61         32,3%

2015      238        76         31,9%

2016      189        54         28,6%

2017      182        64         35,2%

2018      181        45         24,9%

2019      200        56         28,0%

2020      146        40         27,4%

Gesamt  1.797       543         30,2%

Quelle: Statistik Austria; Bearbeitung: ÖAMTC Unfallforschung