„Dankbarkeit stellt keine politische Kategorie dar“

Erstellt am 01. September 2014 | 09:02
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Foto: NOEN, Sonja Pohl
Altbürgermeister August Breininger | Das Interview zum 70. Geburtstag über seine Amtszeit, das neue Privatleben, sein Buchprojekt und Kritik an der Stadtpolitik.
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Altbürgermeister August Breininger feiert am 14. September seinen 70. Geburtstag. Die NÖN traf ihn vorab zum Gespräch.

NÖN: Aus gegebenem Anlass als erste Frage: wie geht es dem Bein nach der Operation?
August Breininger: Danke, besser. Nähte sind heraußen. Und jetzt wird es jede Woche um 30 Grad abgewinkelt, um die Beweglichkeit zu erhalten.

„An eine Schöpfung der Welt aus dem Nichts kann ich nicht recht glauben“ 

Prinzipiell halten Sie sich nach wie vor körperlich fit. Welchen Sport betreiben Sie?
Regelmäßig Tennis, Schwimmen, Inline Skaten, Laufen, Schi fahren. Und mit dem Enkel Tischtennis. Nichts besonders gut, aber von allem ein bisschen etwas. Fast täglich.

Geistig halten Sie sich durch Ihr Studium fit? Das Doktorat steht auf dem Programm...
Das hätte ich schon längst abschließen können, habe es aber leider nicht gleich durchgezogen. Ich habe auch das Thema gewechselt: „Evolution und Schöpfung. Tangenten und Berührungspunkte“. Ich will nachweisen, dass im Buch Genesis 1 der Bibel schon ein naturwissenschaftlicher Ansatz besteht und somit eine Versöhnung zwischen Naturalismus und Glauben möglich sein muss. An eine Schöpfung der Welt aus dem Nichts kann ich nicht recht glauben.

„Mein Motto lautet: Man muss nicht immer sagen, was man weiß“

Auch ein Buch ist in Arbeit…
Ja, das hat jetzt Vorrang. Das möchte ich spätestens im Frühjahr herausbringen. Es hätte ja schon vor zehn Jahren erscheinen sollen. Aber ich bin draufgekommen – Sie werden es nicht glauben – dass ich nicht gerne über mich schreibe.

Warum?
Weil ich es eigenartig finde, über sich selbst in der dritten Person zu schreiben. Da habe ich den Tipp von Raimar Wieser bekommen: Nenn das Buch ,Unsere kleine Stadt‘ und schreib eine liebevolle Betrachtung Badens aus deiner Sicht. Und das mache ich.

Wer muss sich vor dem Erscheinen des Buches fürchten?
Namentlich niemand, denn mein Motto lautet: Man muss nicht immer sagen, was man weiß. Aber immer wissen, was man sagt. Einige „Parteifreunde“ werden sich aber sicher erkennen.

Inwiefern?
Ich nenne keine Namen. Aber man verhandelt zum Beispiel nicht hinter dem Rücken des Bürgermeisters über die Übertragung des Stadttheaters an das Land. Oder wenn sich zwei, drei Leute zusammenrotten und die Budgethoheit an sich reißen wollen. Aber das jetzt auszubreiten wäre zu kleingeistig.

„Ich kann nicht schweigen, wenn mir etwas wichtig ist“

Was waren die großen Enttäuschungen in Ihrer Amtszeit?
Zu erkennen, dass auch bei einem freiwilligen Rücktritt gerade die engsten Mitarbeiter – da geht es um fünf bis zehn – auf Distanz gehen. Genau jene, die ich am meisten gefördert habe. Dabei hätte ich wissen müssen, dass Dankbarkeit keine politische Kategorie darstellt. Ich glaube, dass ich mich meinem Amtsvorgänger gegenüber schon anständiger verhalten habe.

Sie haben aber nach Ihrem Rücktritt offen Kritik an Ihrer Nachfolgerin geübt und sogar eine Gegenkandidatur überlegt. Das war wohl die Ursache für die Entfremdung mit der ÖVP.
Ich musste meine Meinung sagen. Ich kann nicht schweigen, wenn mir etwas wichtig ist. Das hat man mir schon in meiner Amtszeit oft übel genommen, dass ich auch mit anderen Parteien über Themen gesprochen habe, statt alles parteiintern zu halten. Wozu? Irgendwann muss man die Fakten doch sowieso auf den Tisch legen. Mir ging es zuerst um Baden, dann erst um die Partei.

„Großer Fehler war der Kauf des Kaiserhauses am Hauptplatz“

Was hat Sie zur offenen Kritik an Erika Adensamer bewogen?
Sachthemen und mangelnde Bürgernähe. Das Persönliche stand nicht im Vordergrund. Ich hege auch keinen Groll. Vor allem war es die falsche Finanzpolitik. Ich habe ein ordentliches Budget mit Rücklagen hinterlassen, heute ist nichts mehr da. Großer Fehler war der Kauf des Kaiserhauses am Hauptplatz. Das hat mir auch Wallner eingebläut: ,Niemals darfst du das kaufen! Das muss der Bund sowieso erhalten. Und ein Museum kann man so auch einrichten.‘

Haben Sie Erika Adensamer als Nachfolgerin vorgeschlagen?
Ich habe niemanden namentlich vorgeschlagen, sondern wollte offen in die Abstimmung gehen. Sie war die Wunschkandidatin des ÖAAB.

Dass Sie zur aktuellen Stadtpolitik schweigen, ist also als Zustimmung zu werten?
Nein. Ich habe nur aus den damaligen Erfahrungen meine Lehren gezogen.

„Spektakel machen nicht das Wesen, das Profil einer Stadt aus“

Was stört Sie aktuell?
Der mangelnde Respekt und die fehlende Wertschätzung der Leistungen der letzten 25 Jahre, die ja der ganze Gemeinderat erbracht hat. Spektakel müssen zwar sein, wie schon Maria Theresia sagte, aber sie machen nicht das Wesen, das Profil einer Stadt aus. Unsere Bemühungen zwischen 1988 und 2007 haben Baden zu den Top Ten der österreichischen Städte in fast allen Belangen zählen lassen. Ich weiß nicht, wie wir heute liegen.

Gar keine positiven Aspekte, die sie aktuell finden können?
Doch. Die Belebung der Stadt läuft gut. Viele positive Entwicklungen aus meiner Amtszeit werden fortgeführt. Natürlich passiert viel Positives im Alltag. Aber die „Marke Baden“ nach 2.000-jähriger Geschichte neu zu suchen, zeigt von Verwirrung und Unsicherheit. Unsere Marke ist eine historisch gewachsene Identität: Wohnort, Weinort, Wasser, Stadt der Künste, Gesundheit. Wenn man das betont, hat man Marke genug. Dazu bedarf es keiner ständig neuen Studien von außen, die ihre Erkenntnisse ja wieder nur von der Stadtverwaltung beziehen. „Baden belebt“ war ein guter Slogan für unsere Werbung und das Wesen der Stadt lässt sich zusammenfassen etwa in: Baden – eine moderne Stadt im historischen Ambiente! Genau dieses Profil sollen wir schärfen und ständig ins Heute übertragen.

„ÖVP muss aufpassen, dass sie nicht abgestraft wird für die Koalition“

2015 steht wieder eine Wahl bevor? Werden Sie kandidieren?
Derzeit nicht. Das Angebot macht man nur einmal. Es wäre heute wahrscheinlich genau so notwendig wie damals. Noch heute sagen viele Leute zu mir, ich hätte es durchziehen sollen. Ich wünsche der Stadt alles Gute und bin dankbar, dass ich sie 37 Jahre als Gemeinderat und 19 Jahre als Bürgermeister mitgestalten durfte und fünf Mal bei absoluter Mehrheit arbeiten konnte. Wenn man mehr als die Hälfte seines Lebens sachpolitischen Anteil an seiner Heimatstadt genommen hat, kann man den Wunsch einiger opportunistischer Adabeis, gefälligst kritiklos zu schweigen, nicht erfüllen.

Die absolute Mehrheit ist bei der letzten Wahl verloren gegangen. Sehen Sie eine Chance, sie diesmal zurück zu gewinnen?
Die ÖVP muss aufpassen, dass sie nicht abgestraft wird für die Koalition mit den Grünen. Weil viele Badener das Gefühl haben, die Grünen machen mit der ÖVP, was sie wollen. Das heißt nicht, dass das so ist. Aber der Eindruck ist da. Die Grünen werden ihre Mandate ungefähr halten, wie auch die anderen Parteien.

„Der schwarz-grüne Pakt war aber ein geschickter Schachzug“

Wäre für Sie eine Zusammenarbeit mit den Grünen in Frage gekommen, wenn Sie auf einen Koalitionspartner angewiesen gewesen wären?
Es gab damals sogar ein Gespräch mit den Grünen über die Vorstellungen für eine Zusammenarbeit. Ich habe aber glücklicherweise nie einen Koalitionspartner gebraucht, auch wenn ich immer alle mit einbezogen habe. Der schwarz-grüne Pakt war aber ein geschickter Schachzug nach dem Verlust der absoluten Mehrheit. Hut ab! Darauf wäre ich nicht gekommen: sich die kleinste Partei als Partner zu nehmen, weil man nicht mehr ständig erklären muss, warum man seine absolute Mehrheit einsetzt. Vielleicht regiert es sich so sogar bequemer, weil eine solche Allianz ungemein immunisiert.

Welche Projekte würden Sie als die wichtigsten Ihrer Amtszeit bezeichnen?
Das Congress Casino vor allem. Und die Römertherme. Wir haben ein Winter-Angebot für Badegäste gebraucht und sie hat bis heute die kalkulierten Besucherzahlen gehalten. Ein neues Bürgerservice im Rathaus wurde eingerichtet, die Vereinsförderungen verdreifacht. Die Sanierung des Strandbades und des Leopoldsbades, das neue Kurmittelhaus. Sozialer Wohnbau auf den Melkergründen, in der Goethegasse, Germergasse, Mühlgasse und Haidhofstraße. Zubauten bei fast allen Schulen. Mehrere Kindergärten und die Turnhalle wurden neu gebaut. Die PädAk wurde zu Hochschule. Ich habe die drei Citybuslinien eingeführt und Österreichs erste 30 km/h- Zone. Der Durchstich Dammgasse, vier neue Parkdecks, Kindereinrichtungen und das Ferienspiel, das Seniorenwohnhaus Kiefer. Die Übergabe des Krankenhauses ans Land. Die Hauervinothek am Brusattiplatz. Theater am Steg als dritte Bühne, Badener Umweltpreise, und, und, und…

„Sehr gefreut habe ich über Gratulation meines Nachfolgers im Bezirk“

Mittlerweile stehen Familie und Privatleben im Mittelpunkt.
Darüber bin ich glücklich! Meine Frau ist ein solcher Schatz, war immer an meiner Seite. Ich habe die Familie leider vernachlässigt, habe drei so liebe Kinder und inzwischen auch Enkelkinder. Und die Oma im Caritas-Haus.

Sind Sie als Großvater regelmäßig engagiert?
Ja, sowohl mit dem Buben meiner Tochter, mit dem ich viel Tischtennis spiele. Aber auch die Tochter meines Sohnes ist oft bei mir und hört aufmerksam zu, wenn ich ihr etwas erzähle. Mein Sohn wohnt direkt nebenan und das freut mich sehr.

Wie wird der 70er gefeiert?
Die Volksbank richtet für mich als Vorstandsvorsitzendem der Genossenschaft einen Abend am 9. September mit Sissy Pröll und Dagmar Koller aus. Der Wirtschaftsbund lud mich zum Frühstück ins Sacher und im Oktober gibt es beim Märzweiler einen Abend zum Doppel-Geburtstag für Monika und mich. Sehr gefreut habe ich über Gratulation meines Nachfolgers im Bezirk, Christoph Kainz, im Rahmen einer Lionsfeier in Pfaffstätten.

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