Anton Schiestl: Seine letzte Foto-Reportage. Der Friedhofsgucker über den Lichtbild-Zauberer, der am 1. Juli 1933 für immer seine Augen schloss.

Von Elfi Holzinger. Erstellt am 13. Juli 2021 (05:26)

1933: 15 Jahre sind seit dem Untergang der „Habsburger-Monarchie“ vergangen – der „Austria-Ständestaat“ ist gerade geboren.

13 Uhr, Samstag, 1. Juli 1933, der Beginn des Endes von Anton Schiestl. Der k&k Kammerfotograf, Leibfotograf des Erzherzog Rainer, nach 1918 Chronist und Bildberichterstatter, sitzt im Einsatzwagen der FF-Baden II. Es geht rasant mit Signalhorn zum Einsatzort in die Albrechtsgasse. Ein Schadenfeuer ist beim Weinhauer Adolf Schmidt ausgebrochen – die 65-jährige Maria Schmidt holt noch ihr Enkelkind aus den Flammen, beide werden verletzt ins Krankenhaus eingeliefert. Anton Schiestl dokumentiert wie immer profimäßig den Feuerwehreinsatz – um ca. 14 Uhr ist der Brand gelöscht – es geht zurück in das Zeughaus in die Grabengasse…

Zurück ins Jahr 1873 – Ein Lichtbildner ward geboren . Anton Schiestl, geboren am 23.1.1873 – seine Ahnen sind im 16. Jahrhundert von Südtirol nach Baden eingewandert – besuchte die Volks-, Bürger-, Handelsschule und wurde in Wien zum Kaufmann ausgebildet.

Schon in jungen Jahren war „Er“ sehr wissbegierig, interessierte sich für Altertumsforschung und für die immer mehr aufkommende Fotografie. Die Geschichte seiner Umgebung erforschte er penibel. Irgendwann bekam er seine erste Kamera, nun konnte er seine Abenteuer mit Bildern dokumentieren. All diese Aktivitäten prägten den jungen Mann für die nächsten Jahrzehnte.

1892 – lebten Radfahrer noch gefährlich

Anton Schiestl war nun zum sportlichen jungen Mann gereift, wobei ihn das Radfahren besonders begeisterte. Dies war aber nicht immer problemlos, 1892 radelte Schiestl auf der Triester-Straße Richtung Traiskirchen. Einige „Lausbuben“ beschossen den Radsportler mit Kieselsteinen – Schiestl erwischte einen dieser jungen Übeltäter und zog ihm mit der mitgeführten Reitpeitsche einige Hiebe über den Hintern. Herbeieilende Bauernburschen fielen nun über den Pedalritter her und verpassten ihm kräftige Ohrfeigen. Schiestl machte Anzeige – die zwei Bauernburschen wurden zu je drei Tagen Arrest und einer Zahlung von drei Gulden verdonnert!

Übrigens, die Reitpeitsche führte Schiestl bei seinen Touren mit dem „Hochrad“ immer mit – er konnte damit Hunde und auch so manchen „Lausbuben“ vertreiben.

1894 – Es beginnt der Ernst des Lebens

Um 1894, rief die Doppelmonarchie zum dreijährigen Militärdienst – 1897 übernahm er die Spezerei und Farbenhandlung in der Annagasse 20 (Schiestlhof), bald gab es in seinem Geschäft fotografische Apparate und Fotozubehör zu kaufen. So nebenbei war Anton Schiestl auch Mitbegründer des Kaiser Franz-Josef-Museums in Baden.

1906 – Schiestl wurde Fotoprofi. Der Kaufmann, jetzt autodidaktischer Fotograf, gab nun richtig Vollgas, mit Adolf Wolf gründete er das Foto Atelier „Schiestl-Wolf“ (1906-1911). Eine hohe Ehre erfuhr den Lichtbildnern am 15. Oktober 1909, als um 11 Uhr vormittags Erzherzog Rainer das Fotostudio beehrte. Am 1. Jänner 1910 wurde Anton Schiestl und Adolf Wolf der Titel „k&k Kammerfotograf“ verliehen.

1914 begann der Erste Weltkrieg, Anton Schiestl wurde gleich einberufen, für Gott, Kaiser und Vaterland diente er bis Kriegsende.

Eine bereits geschäftliche Partnerschaft (seit 1914?) mit Fotograf Rudolf Nowotny wurde nach Kriegsende optimiert. Die zwei Lichtbildner ergänzten sich bestens, war doch Schiestl mehr der Bildberichterstatter und Nowotny mehr der Lichtbildner im Atelier. 1926 eröffneten „die Zwei“ noch eine Dependance im Strandbad Baden.

Die goldenen Jahre sausten so dahin, die Fotografen heimsten Preise ein, die Auftragsbücher waren voll – aber am 1. Juli 1933 war alles vorbei!

Das Ende – 15 Uhr, Samstag 1. Juli 1933. Anton Schiestl (60) steht in seiner Dunkelkammer, er möchte noch die Fotos vom Brandeinsatz in der Albrechtsgasse entwickeln, sein Neffe Karl Hörwarther hilft ihm dabei. Plötzlich durchfahren Schwindel, Kopfschmerzen und Lähmungen seinen Körper. Doktor Reiffenstuhl wird herbeigerufen, der konstatiert einen Schlaganfall, Injektionen werden verabreicht, die helfen aber nicht – um 16 Uhr ist alles vorbei – der Meister des Lichtes schließt für immer seine Augen.