Gegen das Vergessen - für die Erinnerungskultur. Eveline Elisabeth März gelang mit ihrer Mutter die Flucht in die USA. Seit ihrer Pension lebt sie in Baden.

Von Judith Jandrinitsch. Erstellt am 18. November 2020 (04:33)
Bei der Kranzniederlegung: Bürgermeister Stefan Szirucsek, Stadtrat Markus Riedmayer, Stadtrat Hans Hornyik, Vizebürgermeisterin Helga Krismer, Eveline März sowie Stadtpfarrer Clemens Abrahamowicz.
Stadtgemeinde Baden

Der Familie März gelang im Dezember 1938 auf abenteuerlichen Pfaden die Flucht in die Schweiz, diese führten die Mutter von Eveline Elisabeth, die Ärztin Gertraud Ruth März und ihre Tochter 1941 schließlich nach Amerika.

Eveline März erinnert sich: „Mein Vater Eduard März wurde 1908 in Lemberg geboren. Das gehörte zum Zeitpunkt seiner Geburt zwar noch zur österreichisch-ungarischen Monarchie, aber trotzdem gab es Komplikationen, als er nach Amerika einreisen wollte. Die Amerikaner hatten ein Quotensystem, wie viele Menschen aus Polen einreisen durften. Da Lemberg 1938 polnisch war, fiel mein Vater für sie in die Kategorie Polen, obwohl er österreichischer Staatsbürger war.“

Baden erinnerte mich an Williamsburg in Virginia, wo ich die glücklichsten Tage meiner Kindheit verbracht hatte.“ Eveline Elisabeth März

Dank der Firma IBM, wo Eduard März arbeitete, gelang dem Vater von Eveline noch vor der Geburt seiner Tochter die Ausreise aus Österreich, Ende 1940 kam er in die USA, „das war für unsere Einreise in Amerika essenziell, ohne dass er die Flucht geschafft hätte, hätten meine Mutter und ich nicht in Amerika einreisen dürfen“, erzählt März.

Am 7. August 1938 wurde Eveline als das „letzte jüdische Kind,“ im Rudolfinerhaus in Wien geboren. Jüdinnen war es damals bereits verboten, in einem öffentlichen Krankenhaus zu gebären.

Vielleicht wäre sie ja nie in Baden heimisch geworden, wenn sie nicht eine schwere Operation in den 1970er Jahren zur Erholung nach Baden geführt hätte. „Mein Vater kannte Kammerschauspielerin Hilde Wagener schon lange vor 1977 und war mit ihr befreundet. Sie organisierte zwei Gästeappartements für uns, sodass wir natürlich gegen Bezahlung im Hilde Wagener Künstlerheim wohnen konnten“, erinnert sich März.

Eveline März mit ihrer Mutter Gertraud.
privat

„Baden erinnerte mit an Williamsburg in Virgina, wo ich die glücklichsten Tage meiner Kindheit verbracht hatte“, erzählt die heute 82-Jährige. „Ich habe mir schon damals gedacht, hierher möchte ich in meiner Pension ziehen.“

Zwischenstation war jedenfalls Wien, „meine Mutter wollte schon ab den frühen 1950er Jahren wieder zurück nach Österreich. Mein Vater wäre, glaube ich, gerne in den USA geblieben und hätte als studierter Wirtschftsökonom dort seine akademische Laufbahn fortgesetzt.“ Statt dessen wurde Eduard März in Österreich ein führender Kopf der Wiener Arbeiterkammer und der Sozialpartnerschaft. Nach ihrer Pensionierung machte Eveline Elisabeth ernst und übersiedelte mit 60 Jahren von Wien nach Baden.

Gesellschaftspolitisch aktiv wurde sie ab 2007, als in Bad Vöslau die Diskussion um den Bau der Moschee entbrannte. Besonders wichtig ist ihr dabei, die Gruppe Frauenvielfalt mit Gerlinde Buchberger als treibende Kraft der Gruppe zu erwähnen. „Was wir erreicht haben, ist eine Leistung des gesamten Teams Frauenvielfalt“, betont März. Seit dem Jahr 2000 arbeitet sie daran, ihre eigene Familiengeschichte und damit ein Stück österreichischer Zeitgeschichte aufzuarbeiten. „Ein Krimi, der jetzt nach so vielen Jahren gelöst wird“, sagt Eveline März.

Denn als sie die Familiengeschichte ihrer Mutter, einer geborenen Bleier aufarbeitete, stieß sie auf den in der Öffentlichkeit gänzlich unbekannten Fall der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik, kurz ZAMG, situiert auf der Hohen Warte Nr. 38. Doch die ZAMG erwarb nach dem Krieg auch das Grundstück Nr. 40, das im Besitz der jüdischen, großbürgerlichen Familie Bleier gewesen war. Das Grundstück wurde versteigert und fiel an das Dritte Reich. „Mein Urgroßvater Ignaz Bleier erwarb Haus und Grundstück auf der Hohen Warte 40 in den Jahren 1889 bzw. 1916. Bis zum Jahre 1938 war die Hohe Warte 40 durchgehend im Besitz der Großfamilie Bleier, also fast 50 Jahre lang, beginnend in der österreichisch-ungarischen Monarchie, bis zum Jahre 1938. Meine Großtante Leonie von Fischer, eine geborene Bleier, wohnte bis 1941 mit ihrem Mann Friedrich von Fischer auf der Hohen Warte Nr. 40. Ende Januar 1942 wurden beide nach Riga deportiert und dort im Holocaust ermordet.“

Forschungsarbeit half März auch persönlich

März weiß: „Die Hohe Warte 40 war in der amerikanischen Zone. Aber es gab auch Familienbesitz im 4. Bezirk, in der sowjet-russischen Zone. Dies spielte eine Rolle bei den Rückstellungen.“ Das Grundstück wurde bereits in den 1950er Jahren an die Republik Österreich verkauft, 1967 die beiden Liegenschaften vereinigt. Ihr Blickwinkel auf die Geschichte hat sich seit dem Jahr 2000, als ihre Forschungsarbeit begann, sehr erweitert. „Seitdem ich viele Urkunden im Original in den Archiven gesichtet habe, bin ich äußerst bemüht um die wissenschaftliche Aufarbeitung, damit diese Ereignisse nicht vergessen und solide dokumentiert werden. Auch Eli Rosen, der Präsident der jüdischen Kultusgemeinde Baden, hat diese Recherchen unterstützt und die ZAMG hilft ebenso bei der wissenschaftlichen Aufarbeitung.“

Was Eveline März bei ihrer akribischen Recherche erschüttert hat: „Ich konnte mir nicht vorstellen, dass nach dem Krieg so viel manipuliert wurde. Es waren die selben Anwälte und Notare wie unter der Nazi-Herrschaft, die wollten die Spuren verwischen.“ Diese Arbeit habe ihr auch geholfen, ihre frühkindlichen Fluchterfahrungen besser zu verarbeiten.

„Es war immer, als ob eine Art Bombe in mir ticken würde. Mit der wissenschaftlichen Dokumentation konnte ich die Erfahrungen auf eine andere Ebene verschieben. Das half mir bei der Aufarbeitung.“

Niemals wird Eveline März die Gespräche mit Holocaust-Überlebenden vergessen. Und niemals wird sie jene Menschen vergessen, „die uns im Dezember 1938 zum Bahnhof gebracht haben und die es nicht mehr geschafft haben, rechtzeitig aus Österreich herauszukommen.“