Nach Unfall bei NÖM: Arbeitssicherheit im Firmenfokus. Mitarbeiter, der anonym bleiben möchte, erhebt schwere Vorwürfe. Arbeitsunfälle hätten sich schon öfters ereignet. Vorstand Alfred Berger nimmt im Gespräch zu den Vorwürfen Stellung.

Von Judith Jandrinitsch und Roland Weber. Erstellt am 22. Juli 2020 (04:55)

Zwei Arbeiter wurden am Mittwoch vor einer Woche gegen 7.30 Uhr beim Wechseln eines Ventils schwallartig von einer 85 Grad heißen Natronlauge getroffen und erlitten schwere Verbrennungen am gesamten Körper.

„Ob es sich dabei um einen technischen Defekt handelt oder menschliches Versagen als Ursache in Frage kommt, ist noch Gegenstand von Ermittlungen“, erläutert Chefinspektor Sebastian Stockbauer vom Stadtpolizeikommando Baden. In den vergangenen Jahren soll es bereits zu mehreren schweren Zwischenfällen gekommen sein.

 Wenn der Druck groß ist und die Hektik ebenfalls, dann können Arbeitsunfälle passieren. Im Moment ist der Druck enorm (..).“ Ali Cenol, Gewerkschaftssekretär

 Die Polizei ermittelt nun gemeinsam mit dem Arbeitsinspektorat. Die beiden Unfallopfer wurden mit den Notarzthubschraubern Christophorus 9 und dem in Vöslau stationierten Martin 5 ins AKH nach Wien geflogen. Da es für den Vorfall keine Zeugen gibt, erhofft man sich von der Befragung der Männer, sobald diese vernehmungsfähig sind, mehr Erkenntnisse zu dem Arbeitsunfall.

NÖM-Vorstand Alfred Berger erklärte am Freitagnachmittag auf NÖN-Nachfrage, dass die beiden Arbeiter bereits auf dem Weg der Besserung seien. „Ein Arbeiter ist nach Rücksprache mit seiner Familie selbstständig aus dem künstlichen Tiefschlaf erwacht“, sagt Berger erfreut.

Ein Mitarbeiter, der sich an die NÖN wendet, aber anonym bleiben möchte, erhebt schwere Vorwürfe, was die Arbeitssicherheit in der NÖM betrifft. „Es ist nicht der erste Unfall, der mit Natronlauge in der Molkerei passiert ist. Das ist nur die Spitze eines Eisberges. Einer der Arbeiter, die jetzt verätzt wurden, hat vor zwei Jahren einen Finger in der NÖM verloren.“

Das Problem sei, dass die technischen Anlagen völlig veraltet wären. Ein Teil der Ventile sei neu, die anderen nicht, das passe alles nicht zusammen. Ob Gefahr bestehe, dass Lauge aus einem Ventil austritt, lasse sich aufgrund dieser Umstände auch nicht durch die elektronische Überwachung zu hundert Prozent ausschließen.

"Mitarbeiter sind schlecht geschult"

„Die Leute sind zudem schlecht geschult. Nach zwei Wochen Ausbildung sind sie schon alleine für die Wartung der Anlagen zuständig. Es gibt nur eine einzige externe Sicherheitsfachkraft für 712 Mitarbeiter, die in einem Schichtbetrieb rund um die Uhr Milchprodukte erzeugen.“ Die Arbeiter in der Produktion hätten vielfach Migrationshintergrund. „Insgesamt gibt es 29 Nationen in der NÖM, obwohl die meisten Arbeiter einen österreichischen Pass haben, ist es leicht, sie entsprechend unter Druck zu setzen. Gerade in Zeiten wie diesen, wo Corona als Begründung dafür herhalten muss, dass wieder Umstrukturierungen in der Firma angedacht sind. Dabei stehen auch Kündigungen im Raum“, sagt der Informant.

Regina Holleis, die stellvertretende Leiterin des Arbeitsinspektorates für das Industrieviertel beruft sich auf die Amtsverschwiegenheit und will der NÖN gegenüber keine Auskunft darüber geben, ob es in der Vergangenheit zu ähnlichen Vorfällen gekommen ist. „Die Erhebungen sind im Gange“, meint Holleis. Jetzt gehe es darum, die Verunglückten und „maßgebliche Personen“ einzuvernehmen.

Ali Cenol, Sekretär bei der Badener Gewerkschaft PRO-GE und zuständig für die NÖM meint: „Wenn der Druck groß ist und die Hektik ebenfalls, dann können Arbeitsunfälle passieren. Im Moment ist der Druck enorm, denn es steht im Raum, dass Stellen abgebaut werden.“