Wandergesellen zu Gast in Baden

Erstellt am 18. März 2022 | 05:09
Lesezeit: 3 Min
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Wandergesellin Helen, Manfred Schneider und Wandergeselle Tobias in der historischen Backstube des Backhauses Annamühle.
Foto: Andreas Fussi
Zwei Bäcker-Gesellen auf Wanderschaft haben im Backhaus Annamühle von Manfred Schneider Arbeit gefunden.
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Besondere Gäste sind zurzeit im Backhaus Annamühle in Baden zu Gast. Zwei Gesellen auf der Bäckerwalz haben von Bäckereichef Manfred Schneider in einer Wohnung oberhalb des Stammhauses in der Heiligenkreuzergasse eine Unterkunft bekommen.

Vorige Woche standen Helen, fremde Bäckerin (der Nachname wird während der Walz nicht verwendet) aus Telgte bei Münster von der Lebensmittel-Vereinigung VLE (Vereinigte Löwenbrüder und -schwestern Europas) und Tobias, fremder Bäcker & Konditor aus Mönchengladbach, Aspirant der VLE, vor dem Geschäft und stellten sich vor.

Die Gesellen dieser Vereinigung sind mindestens drei Jahre und einen Tag auf Wanderschaft und nehmen dabei nur das Nötigste mit – ohne technische Errungenschaften wie Handy oder Laptop. Sie tragen eine Art Uniform, Kluft genannt, nach dem Vorbild der Schiffszimmerer und haben nur wenig Kleidung, einen Schlafsack und ein paar persönliche Gegenstände mit auf ihrer Reise – die nicht in einen Koffer, sondern in einen „Charlottenburger“ gepackt werden, das ist ein buntes Stofftuch, d

as mit dem Inhalt zu einem Bündel zusammengeschnürt wird. Unterwegs ist man meist zu Fuß, ohne eigenes Auto. Die Wandergesellen sind oft per Anhalter unterwegs. Wo es sie hintreibt, ist meist dem Zufall überlassen. Auf ihrer Wanderschaft arbeiten sie bei verschiedenen Betrieben mit und lernen so die Handwerkskunst in anderen Regionen kennen. Über einen zufälligen Tipp eines steirischen Bäckers, der einmal in Baden auf Kur war, sind die beiden Deutschen nach Baden zur Annamühle gekommen, wo sie das Backteam von Manfred Schneider etwa drei Wochen lang unterstützen werden. Sie sind in der Zeit angestellt und bekommen wie jeder andere ihren Lohn. Danach ziehen sie wieder weiter.

Helen ist seit drei Jahren und drei Monaten unterwegs. Sie war über eine Stiftung sogar vier Monate in Uganda als Entwicklungshelferin („Brot gegen Not“) im Einsatz. Sie begleitet nun Tobias als Mentor zu Beginn seiner Wanderschaft. Es ist üblich, dass ein älterer Geselle einen jüngeren auf der Walz unterstützt.

Warum gehen beide dieses Wagnis ein?

„Man braucht Abenteuerlust und möchte etwas Neues lernen. Es ist das Bedürfnis, loszugehen und etwas zu erleben“, sagt Helen. Und Tobias möchte sich „in der eigenen Handwerkskunst weiterentwickeln, auch die regionalen Unterschiede kennenlernen.“ In Baden haben sie etwa bereits gelernt, wie man Handsemmeln macht und den 6er-Zopf, etwas, was es in Deutschland so nicht gibt.

Gemeinsam wandern sie nun schon über drei Monate umher. Aktuell sind etwa zehn weitere Bäcker-Gesellen in Europa auf Wanderschaft, schätzen die beiden. Eine Registrierung gibt es nicht. Während ihrer Wanderschaft besuchen sie auch Berufsschulen und erzählen über ihre Tätigkeit. Das würden sie gerne auch in Baden tun. Auch wenn sie kein Handy haben dürfen, ganz ohne Technik sind auch die Wandergesellen nicht. Sehr wohl dürfen sie in ein Internetcafé und ihre E-Mails checken.

Bäckermeister Manfred Schneider findet die Gäste jedenfalls „super“ und hofft, dass so manche Mitarbeiter ihr „überbehütetes Leben überdenken“ und vielleicht ebenso auf den Geschmack kommen. Die beiden Wandergesellen seien eine willkommene Unterstützung seines Teams, das aufgrund von Corona-Ausfällen ohnedies oft so manche Herausforderung zu meistern hat.

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