Berndorferin erzählt ihre Lebensgeschichte

Aus Svetlana Chuchlik wurde in Österreich Liane Reithofer. Wie, das erzählt sie heute selbst.

Erstellt am 10. Mai 2020 | 05:13
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Auch das Triestingtal erlebte den 2. Weltkrieg mit Schrecken und für viele Bewohner mit bleibenden Erinnerungen. Eine davon ist Liane Reithofer, die eigentlich als Svetlana Chuchlik im Jahr 1934 im russischen Gorki geboren wurde und ab 1964 in St. Veit lebte.

Ihr Vater, ein Wiener, war bei der sozialistischen Partei, ein sogenannter „Schutzbündler“ und flüchtete mit seiner Frau, einer Hirtenbergerin, vor dem damaligen Dollfuß-Regime nach Russland. „So viele wurden damals aufgehängt“, erzählt Liane Reithofer „und meine Eltern sahen ihre Zukunft nur noch in ihrer Flucht nach Russland, wo sie herzlich willkommen geheißen wurden. Mein Vater wurde als sogenannter ‚Stachanov-Arbeiter‘ auf der Krim ausgezeichnet und er war Vertrauensmann in Russland bei den Schutzbündlern.“

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Plötzlich wurde Familie zu Feinden erklärt

Nach dem Anschluss Österreichs 1938 an das Hitler Regime änderte sich jedoch das Verhalten der Russen gegenüber den Emigranten um 100 Grad und der Vater wurde plötzlich vom „ausgezeichneten Arbeiter“ zum „Feind“ ernannt und verhaftet. Die Mutter konnte indes mit der mittlerweile vierjährigen Tochter nach Moskau flüchten. Zwei Jahre lang verbrachte der Vater in russischer Gefangenschaft. Erst 1940 wurde er während der Zeit des Nichtangriffspakts zwischen Hitler und Stalin freigelassen und nach Österreich ausgewiesen. Ihrer Mutter gelang 1938 die Flucht nach Hirtenberg, wo Svetlana nur mehr Liane gerufen wurde und hier auch die Schule besuchte.

In Hirtenberg waren viele russische Gefangene untergebracht, die in der Munitionsfabrik, den „Gustloff Werken“, als Zwangsarbeiter schuften mussten, während die russisch sprechende Mutter von Liane zum übersetzen herangezogen wurde.

„Überall verkohlte und verweste Leichenteile“

Reithofer erinnert sich: „Ich kann mich noch gut an unsere Angst erinnern, als 1943 die extremen Angriffe auf Hirtenberg stattfanden. Als wir einmal meine Großmutter besuchen wollten, mussten wir über den Jauerling gehen. Diesen Anblick werde ich mein Leben lang nicht vergessen: Überall lagen verkohlte und verweste Leichenteile von Soldaten und Pferden.“

Doch bald kam die Angst vor den Russen, die 1945 in Hirtenberg eintrafen. „Wir sind im Erdäpfelkeller gesessen und haben gezittert. Die erste Partie waren die russischen Mongolen, die waren ein Wahnsinn. Plünderungen und Vergewaltigungen waren an der Tagesordnung. So hielten wir uns meistens versteckt. Die zweite Partie war weniger schlimm und die Lage normalisierte sich ein bisschen, war aber immer noch von Hunger und Not geprägt.“

Reithofer arbeitete nach dem Krieg als Dienstmädchen im Schloss Enzesfeld, ihre Eltern übersiedelten nach Wels.

Nach der Besatzungszeit lernte sie ihren Mann Hans Reithofer kennen, „der nur einen Fuß hatte. Er kam mit einer Puch Beiwagenmaschine angebraust, das war damals schon was. Gleich 1956 wurde geheiratet und 1958 kam unser Sohn Hans zur Welt und 1968 Tochter Angelika. Wir zogen 1964 nach St. Veit und bauten uns ein Haus. Mein Mann arbeitete 35 Jahre lang als Polier und ich in der ‚Kromag‘“.

Auf die Frage, ob sie sich noch an Russland erinnere, antwortet sie spontan: „Irgendwie fühlte ich mich mit Russland mein Leben lang verbunden und ich verspüre sogar oft starke Sehnsucht. Russland war ja mein Geburtsland und ich verbrachte meine ersten vier Lebensjahre dort.“

Liane Reithofer verbringt jetzt ihren Lebensabend im Landespflegeheim Berndorf und genießt ihr Leben.