5 Jahre Flüchtlingswelle: Was fehlt, ist Arbeit

Erstellt am 09. September 2020 | 11:31
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Der ehemalige Flüchtling Delshad Bazari mit Fanny Dellinger, die sich 2015 spontan im Erstaufnahmezentrum Traiskirchen engagierte. Bazari hat es geschafft, sich eine eigene Existenz aufzubauen.
Foto: Jandrinitsch
Zivilgesellschaft im Bezirk Baden zeigte hohes Engagement und startete zahlreiche Bemühungen, Asylwerber einzugliedern.
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Das Rote Kreuz Baden war, als die Flüchtlingswelle ab April 2015 im Erstaufnahmezentrum virulent wurde, ganz nahe an den Menschen. Die damalige Rot Kreuz-Bezirksgeschäftsführerin Karoline Anhammer erinnert sich: „Zunächst hatten wir verstärkt Einsätze im Erstaufnahmezentrum Traiskirchen, wo sich immer mehr Menschen einfanden, die nicht verteilt werden konnten.“

Viele hatten kleinere Blessuren, aber auch Schwangere und kranke Kinder waren darunter, die ebenfalls im Freien campieren mussten. „Schon damals hatten wir auf die schlechte Versorgungslage hingewiesen, welche aber von den Verantwortlichen im Lager zunächst negiert wurde. Später kam dann Gott sei Dank unser Feldspital zum Einsatz und die Versorgung der vielen Flüchtlinge konnte effizient erfolgen“ berichtet Anhammer.

Rot Kreuz-Haus wurde in Quartier umfunktioniert

Die wohl größte Aufgabe sei das Projekt gewesen, Asylwerber für die Zeit der Grundversorgung im Rot-Kreuz-Haus in Baden aufzunehmen. Rund 30 Burschen zogen ins Rot-Kreuz-Haus ein, Deutschunterricht gab es vom ersten Tag an durch ehrenamtliche Helfer.

Ab Herbst besuchten alle Burschen die Übergangsklasse, welche der damalige HAK-Direktor Bertram Zottl an seiner Schule auf Initiative des Roten Kreuzes ermöglichte. Die Bilanz falle für das Rote Kreuz Baden nach fünf Jahren „sehr positiv“ aus: „Alle unsere Burschen haben entweder einen Job oder sind dabei das Studium abzuschließen, einer hat heuer maturiert, ein anderer geht noch auf die HTL in Mödling. Wieder ein anderer hat sich als Friseur selbstständig gemacht und einer wurde Bäcker, wie er es schon in Syrien war“, schildert Anhammer.

Eine Chance bekommen, sich in die Gesellschaft zu integrieren, auf das komme es an, meint auch Gerlinde Buchberger aus Bad Vöslau, die sich seit fünf Jahren in der Flüchtlingshilfe engagiert. Sie erzählt: „Wir folgten einem Aufruf der Stadtgemeinde Bad Vöslau und gründeten die ‚Plattform Flüchtlingshilfe‘. Ein erster Schritt war, dass wir ehrenamtlich betreute Deutschkurse organisierten. Dadurch kamen wir in Kontakt mit vielen Geflüchteten, die in Bad Vöslau in Vertragsquartieren lebten.“ Dann folgte die Unterstützung bei kleinen und großen Problemen des Alltags, wie Behördenwege und Arztbesuche.

Buchberger zieht Resümee: „In den vergangenen fünf Jahren erhielten manche Flüchtlinge sehr rasch Asyl oder subsidiären Schutz, vor allem Syrer, aber auch Iraker, während Afghanen teilweise noch heute, fünf Jahre später, auf Erledigung ihrer Asylanträge warten und oft zur Untätigkeit verurteilt sind.“

Einer, der es geschafft hat, sich in Österreich eine neue Existenz aufzubauen, ist Delshad Bazari, der gemeinsam mit seiner Familie im Oktober 2014 ins Erstaufnahmezentrum Traiskirchen kam. Geboren wurde er in Kamischli in Syrien, in seiner Heimat arbeitete er als Schmuckhändler und Tischler. Seine handwerklichen Fähigkeiten stellte er schon bald in einem Integrationsprojekt unter Beweis, das aus der Flüchtlingskrise geboren wurde: dem Garten der Begegnung in Traiskirchen. Heute lebt er zwar in Wien, ist aber immer noch zur Stelle, wenn er gebraucht wird.

So hat er die Möbel für die Freiluftklasse im Volksschulgarten von Traiskirchen gezimmert. Dass die Integration so gut gelungen ist, hat wohl Anteile auf beiden Seiten, seinem Engagement und dem der Stadt.

Bazari betont: „Ich bin sehr dankbar, dass meine Familie und ich so gut in Österreich aufgenommen und von so vielen Menschen unterstützt wurden. Heute stehe ich als Unternehmer auf eigenen Beinen und freue mich, wenn ich die Solidarität und Hilfsbereitschaft, die ich erfahren habe, an andere weitergeben kann.“

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